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DDR-Geschichte Staat in der Manege

aus DER SPIEGEL 14/1995

Das Volk war wieder einmal flotter als seine Politiker. Schon zu Anfang des DDR-Jubiläumsjahres 1985 ging das doppeldeutige Jubelwort »35 Jahre DDR - 35 Jahre Staatszirkus« im Lande um. Aber Chefclown Erich Honecker schaltete rasch - und schaffte im Handstreich den unliebsamen Titel »Staatszirkus« ab. Der Zauber der volkseigenen Manege, so befahl der Staatsratsvorsitzende, sollte nur noch in garantiert politfreien Formulierungen gefeiert werden. Aus dieser Anweisung entwickelte sich eine Bürokraten-Farce von zirzensischen Ausmaßen, die jetzt im Berliner Bundesarchiv dokumentiert ist. Der damalige DDR-Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann machte sich dafür stark, weiter mit dem Zirkus Staat zu machen, und der Generaldirektor des Zelt-Betriebs, Otto Netzker, verwies darauf, daß »bekannte Dresseure und Artisten«, oft als »Diplomaten der Manege« gepriesen, auf den Namensentzug »mit Betroffenheit« reagierten. Honecker blieb hart. Nur die DDR-Presse praktizierte leisen Widerstand: Bis zum Ableben des Staates war selbst im Neuen Deutschland immer wieder vom »Staatszirkus« die Rede.

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