Zur Ausgabe
Artikel 40 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AUSGRABUNGEN Stadt unterm Hügel

aus DER SPIEGEL 17/1963

Auf dem Fahrrad durchfuhr der Brite die hügelreiche Ebene von Konya, 300 Kilometer südlich der türkischen Hauptstadt Ankara. An jedem Erdbuckel machte er Pause, betrachtete die Erhebung abschätzend, maß sie aus und zückte sein Notizbuch. Insgesamt inspizierte er 200 Hügel.

Drei Jahre später kehrte der Radfahrer, der englische Archäologe James Mellaart, zu einem 17 Meter hohen und 500 Meter langen Doppelhügel (türkisch: Catal Hüyük) zurück - diesmal als Chef einer Expedition. Sieben Wochen lang wühlten sich fünf Archäologen und 35 türkische Arbeiter in die Westseite des Hügels.

Sie entdeckten ein steinzeitliches Troja. Wie der Mecklenburger Heinrich Schliemann Ende des vergangenen Jahrhunderts an jener Stelle, wo die Helden Homers um Helena gekämpft haben sollen, die übereinandergeschichteten Reste von neun Städten aus der griechischen Frühzeit gefunden hatte, so stieß Mellaart in der Türkei auf uralte Siedlungsschichten. Es waren die Reste von Wohnstätten, die Menschen der Steinzeit übereinandergebaut hatten, nachdem die jeweils ältere Siedlung zerfallen, verwüstet oder abgebrannt war.

»Die Ergebnisse«, frohlockte Grabungsleiter Mellaart, »übertrafen unsere kühnsten Erwartungen.« Denn die Forscher entdeckten eine der ältesten Städte der Erde. Ihr Alter: 8500 Jahre.

Der Hügel von Catal Hüyük barg:

- die ältesten Fresken, die auf verputzte Häuserwände gemalt worden sind;

- die ältesten Textilien (bereits in

drei verschiedenen Webarten);

- Grabanlagen und Kultstätten, die auf weiterentwickelte religiöse Vorstellungen schließen lassen.

»Nach zwei Perioden der Ausgrabung ist nun überreichlich klar«, schrieb der Forscher jetzt, »daß dieser eindrucksvolle Erdhügel die aufeinanderfolgenden Überreste nicht eines großen oder übergroßen Dorfes enthält ... sondern einer Stadt, bewohnt von einer Gemeinde mit entwickelter Wirtschaft, sozialer Organisation, spezialisiertem Handwerk, reichem religiösem Leben und wohlentwickelter Kunst.«

Und: »Abgesehen davon, daß diesen Menschen die Schrift fehlte, genügten sie allen Voraussetzungen, die gewöhnlich für eine 'Zivilisation' verlangt werden.«

Der angesehene britische Vorgeschichtsforscher Professor Max Mallowan verglich Mellaarts Entdeckungen mit denen Heinrich Schliemanns, der Troja aufgespürt, und Sir Leonard Woolleys, der die Königsgräber der Sumerer in Ur am Euphrat ausgegraben hat. »Was Mellaart gefunden hat«, urteilte Mallowan, »sind große Entdeckungen, nicht minder sensationell als die dieser großen Männer.«

Als C.W. Ceram 1949 seinen Archäologie-Bestseller »Götter, Gräber und Gelehrte« schrieb, galt das dritte vorchristliche Jahrtausend als die fernste Zeit, aus der Spuren zivilisierter Menschen überliefert worden waren: Aus dem Jahre 2600 vor Christus stammten die Königsgräber der Sumerer am Euphrat. Die Wende vom vierten zum dritten Jahrtausend schien etwa die Grenze der Zivilisation zu markieren. Zuvor, so nahm man an, hatten nur nomadisierende Jäger- und Hirtenvölker Wälder und Steppen durchstreift und allenfalls Höhlenwände bemalt.

Doch als Cerams Buch erschien, waren die Forscher bereits dabei, auch das Dunkel dieser fernen Zeiten zu erhellen. Das amerikanische Ehepaar Robert und Linda Braidwood grub zwischen 1948 und 1950 im Irak das steinzeitliche Dorf Jarmo aus und datierte seine Entstehung auf etwa 6500 vor Christus - eine Altersangabe, der andere Forscher freilich widersprachen.

In den fünfziger Jahren spürte die Engländerin Kathleen Kenyon bei Jericho im Jordan-Tal etwa gleich alte Relikte einer Siedlung auf, die mit Mauern, Wachtürmen und Gräben befestigt gewesen war. Allerdings konnte die Archäologin keine Scherben und Tongefäße finden, die von den Vorgeschichtsforschern als wichtiges Kriterium für die Entwicklungshöhe früher Kulturen angesehen werden.

»Im Vergleich zur Befestigungs- und Bautechnik«, wertete der Göttinger Dozent für Ur- und Frühgeschichte Dr. Narr denn auch, »ist das sonstige Bild der im präkeramischen Jericho herrschenden Kultur freilich erstaunlich arm.«

Mellaart hingegen fand in dem anatolischen Doppelhügel Catal Hüyük eine Stadt, die nicht nur drei- bis viermal so groß gewesen war wie das alte Jericho, sondern deren Überreste auch genau Aufschluß geben über die Lebensweise ihrer Bewohner.

In zwei Grabungsperioden (1961 und 1962) legte Mellaarts Arbeitstrupp auf dem Niveau VI - der sechsten Siedlungsschicht von oben gerechnet - 40 Häuser frei, die zwar zerstört waren, aber reichlich Werkzeuge und Waffen, Töpfe, Stein- und Tonfiguren sowie Textilien bargen. Die Bauten waren aus Lehmziegeln zu einer Zeit errichtet worden, da die Ureinwohner Mitteleuropas in primitiven, zeltartigen Hütten hausten.

Die Steinzeitmaurer von Catal Hüyük verputzten ihre Häuser innen wie außen und versahen die Innenwände mit Ornamenten: Sie überzogen den Putz mit senkrechten und waagerechten Rippen und strichen sie rot an. Sie hatten somit schon einen Zierat entwickelt, den die Bewohner der Konya-Ebene heute noch an ihren Häusern anbringen.

Verblüffend war für die Ausgräber, daß die Häuser von Catal Hüyük keine Türen aufwiesen. Die Bewohner hatten nur durch ein Loch im Dach - offensichtlich mit Hilfe einer Leiter - in die Häuser steigen können. Desgleichen fehlten Türen im Innern der Häuser. Wer von einem Raum in einen anderen gelangen wollte, mußte durch ein enges Loch kriechen. Licht und Luft kamen durch kleine Luken ins Haus, die dicht unter dem Flachdach im Mauerwerk der Außenwände ausgespart waren.

Jedes Haus enthielt ein Wohnzimmer und mehrere Vorratsräume. Das Wohnzimmer war mit Steinbänken, einem Herd und einer erhöhten Plattform möbliert, die Mellaart als »Diwan« deutete und die anscheinend am Tage als Sitz- und Arbeitsplatz, nachts als Schlafstätte diente.

Aus solchen Funden konnte der Forscher ein erstaunlich genaues Bild vom frühen Leben in Catal Hüyük entwerfen. Die Bewohner der Stadt hielten bereits Haustiere und hatten gelernt, Getreide anzubauen. Sie besaßen Siegel, deren Muster sich deutlich voneinander unterschieden und die vielleicht, spekulierte Mellaart, zur Kennzeichnung von Stoffen und Säcken dienten: Ein solcher Gebrauch lasse darauf schließen, daß die Bewohner über Privateigentum verfügten.

Offensichtlich glaubten die Steinzeitstädter an ein Leben nach dem Tode. Sie brachten die Leichen ihrer verstorbenen Angehörigen, wie die Forscher auf Wandmalereien sahen und aus Knochenfunden rekonstruieren konnten, in ein besonderes Haus, bis der Leichnam zerfiel. Die Urtürken setzten die Skelette unter dem Diwan bei, damit - so interpretierte Mellaart - der Geist der Verstorbenen das Haus behüte.

In den Kulthäusern entdeckten die Ausgräber Belege für einen Ritus, den Archäologen vor Jahrzehnten an ganz anderer Stelle und bei einer viel späteren Kultur aufgespürt hatten: Wie die Bewohner der Mittelmeerinsel Kreta im zweiten Jahrtausend vor Christus, verehrten die Leute von Catal Hüyük im siebten vorchristlichen Jahrtausend den Stier.

Ein riesiger modellierter Stierkopf zierte ein Heiligtum der Doppelhügelstadt. Ein in Stein geritztes Relief zeigte eine Frau (nach Mellaarts Deutung eine Göttin), die gerade einen Stierkopf geboren hatte.

Statuetten vorzugsweise weiblicher Gestalten von untersetztem Wuchs, die als Fruchtbarkeitssymbole gedient haben mochten, wurden von den Archäologen in zahlreichen Häusern gefunden. Und an einigen Wänden entdeckten die Forscher, was Mellaart als »spektakulärsten Beitrag« der Ausgrabungen in Catal Hüyük wertete: Freskomalereien.

Häuser der dritten und vierten Schicht waren mit Darstellungen schlanker Männer und dicker Frauen verziert, mit Auerochsen und Hirschen, mit Jagd- und Tanzszenen. In zwei Häusern der sechsten - bislang ältesten untersuchten - Schicht aber entdeckten Forscher Wandmalereien, die an Teppichmuster erinnern.

Aus diesen Mustern, die der Zeichnung auf den berühmten anatolischen Wollteppichen (Kilims) heutiger Machart ähneln, und der bereits hochentwickelten Webtechnik, die Mellaart an Stoffresten erkannte, schloß der Forscher, daß die Kilims vielleicht in dieser frühen Periode ihren Ursprung haben.

Ob diese Muster nicht noch älter sind, hofft der Forscher bei den weiteren Grabungsarbeiten in Catal Hüyük zu erfahren, die nach seiner Schätzung 15 Jahre dauern dürften. Noch ist lediglich von den oberen Schichten des 17 Meter hohen Hügels ein kleiner Sektor durchwühlt worden. Nahezu unberührt sind die unteren zehn Meter des Berges - die siebte bis zehnte Siedlungsschicht.

Aus diesen noch älteren Schichten erwartet Mellaart auch vor allem Aufschluß darüber, wie sich Töpferei und Freskomalerei entwickelt haben. »Diese unteren zehn Meter«, verkündete der Forscher, »werden in den kommenden Jahren wahrscheinlich noch mehr Überraschungen bringen.«

»Die ganze Geschichte von (Catal Hüyük, die Tausende bedeutsamer Jahre umspannt«, so formulierte das britische Wissenschaftsjournal »New Scientist« die Erwartungen, die Archäologen an den türkischen Doppelhügel knüpfen, »sollte das vollständigste bis jetzt bekannte Beweismaterial für den Übergang von der Barbarei zur Zivilisation liefern.«

Steinzeitstadt Catal Hüyük (Rekonstruktion) Häuser ohne Türen

Fresko-Fund von Cotol Hüyük: Noch 8500 Jahren ...

Figuren-Fund von Cotal Hüyük

... von einem Radler entdeckt

Zur Ausgabe
Artikel 40 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.