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MASERN-IMPFSTOFF Stamm 1677

aus DER SPIEGEL 37/1966

Nur in den ersten drei Lebensmonaten ist der Mensch gegen die Ansteckung gefeit. Doch dann, wenn der vom mütterlichen Organismus übernommene Schutz nachläßt, wurde er bislang fast unausweichlich ihr Opfer: Neun von zehn Menschen machten in ihrer Kindheit die am meisten unterschätzte Infektions-Krankheit durch - Masern.

Allein in der Bundesrepublik sterben noch alljährlich 160 Kinder und Jugendliche an dieser häufigsten und anstekkendsten Kinderkrankheit - ebenso viele, wie der Kinderlähmung (Poliomyelitis) vor Beginn der Schluckimpfung erlagen.

Der Kampf gegen die Polio ist inzwischen gewonnen. Nunmehr wollen die Mediziner auch die Masern ausrotten. Auf dem größten westdeutschen Ärztekongreß, der Therapiewoche in Karlsruhe, wurde letzte Woche den Praktikern und Kinderärzten der erste in der Bundesrepublik zugelassene . Masern -Impfstoff offeriert. Die in den Marburger Behringwerken entwickelte Vakzine soll schon vom dritten Lebensmonat an, sobald der aus dem Mutterleib mitgebrachte Schutzfaktor an Wirkung verliert, den fiebrigen roten Flecken vorbeugen.

»Die meisten Eltern«, warnte die amerikanische Gesundheitsbehörde, »glauben noch immer, daß die Masern nicht sonderlich ernst zu nehmen seien und einfach dazugehören, wenn Kinder groß werden - wie schmutzige Finger und zerschundene Knie.«

Doch während der letzten Jahre haben die Mediziner die Gefährlichkeit der früher auch von ihnen als harmlos erachteten Infektion aufgedeckt:

▷ Kinder, die Masern durchgemacht haben, sind zwar gegen erneute Ansteckung mit dieser Krankheit immun; sie sind jedoch in den Monaten danach besonders anfällig für andere Krankheiten.

▷ Nicht in einem von 1000 (wie früher angenommen), sondern in einem von 15 Masern-Fällen stellen sich Komplikationen wie Lungen- und Mittelohrentzündung ein.

▷ Vier von jeweils 1000 Masern-Erkrankungen hinterlassen Hirnschäden, die Ursache von Lernschwierigkeiten und geistigen Entwicklungsstörungen sein können oder gar Epilepsie-ähnliche Krampfleiden auszulösen vermögen.

Erst vor einem Jahrzehnt gelang es dem amerikanischen Virologen John Franklin Enders, den Erreger der Masern, ein Virus, zu isolieren. Damit zeichnete sich erstmals die Möglichkeit ab, einen Impfstoff gegen die Krankheit zu entwickeln.

Jahrelang züchtete Nobelpreisträger Enders den im Labor gewonnenen Viren-Stamm weiter - mit dem Ziel, die Viren so weit abzuschwächen, daß sie im Körper des Impflings nur eine unmerkliche Form von Masern, aber zugleich genügend Abwehrstoffe gegen künftige Masern-Infektionen erzeugten.

Anfang 1962 meldete der Harvard -Wissenschaftler erste Erfolge. Impfungen mit abgetöteten (inaktivierten) Viren erwiesen sich als gefahrlos, wenn auch nur äußerst schwach wirksam; Impfungen mit abgeschwächten lebenden Viren hingegen riefen noch bei jedem zweiten Impfling Masern-Flecken, bei jedem dritten Fieber hervor.

Indessen begann Anton F. J. Schwarz, Forscher des US-Chemiekonzerns Dow Chemical Company, die Enders-Viren noch mehr abzuschwächen. Erfolg nach weiteren 84 Zuchtgenerationen: Von den mit Schwarz-Vakzine - aus lebenden Viren - geimpften Kindern bekamen nur noch drei Prozent Fieber und Masern-Flecken.

Mitte vorigen Jahres konnte erstmals auch eine westdeutsche Pharma-Firma, die Behringwerke, ein Resultat fünfjähriger Masern-Forschungen vorweisen. Der Behring-Wissenschaftler Professor Walter Hennessen hatte Masern-Viren des von der Stuttgarter Virologin Gisela Enders-Ruckle gezüchteten Stammes 1677 inaktiviert. Aus den nicht mehr vermehrungsfähigen Viren spaltete Hennessen sodann zur Impfstoff-Herstellung nur jene Wirkstoffe ab, die den Geimpften gegen aktive Masern-Viren immun machen (SPIEGEL 25/1965).

Der Behring-Impfstoff, so erwiesen Großversuchsreihen an insgesamt 20 000 Kindern in Afrika sowie in deutschen Kliniken und Pädiater-Praxen, hat gegenüber der US-Vakzine zwei Vorzüge:

▷ Die Impfung damit ist bereits im dritten Lebensmonat - statt wie mit andern Impfstoffen erst im neunten - möglich.

▷ In den wenigen Fällen, in denen bei den Kindern Impfreaktionen wie Fieber und Mattigkeit auftraten, waren sie weit harmloser als bei Versuchen mit andern Vakzinen. Kritisiert wurde das Behring-Produkt auf der Karlsruher Therapiewoche denn auch nur mehr von den notorischen Impfgegnern. Doch die Bedenklichen haben nichts zu fürchten; in der Bundesrepublik wird die nun mögliche Masern-Impfung - wie die Schluckimpfung gegen Polio - nur auf Wunsch der Eltern verabreicht.

Wie erfolgreich jedoch durch großangelegte Impfaktionen die komplikationsreiche Infektionskrankheit zurückgedrängt werden kann, erwies sich mittlerweile in den USA. Durchschnittlich erkrankten dort früher alljährlich mehr als eine halbe Million Kinder an Masern; 1965, nachdem noch nicht einmal die Hälfte der Ansteckungsgefährdeten geimpft worden war, erkrankten nur mehr 226 000 Kinder.

Daß der Marburger Impfstoff nicht, wie das US-Präparat, nur jedem Kind einmal, sondern in etwa monatlichen Abständen dreimal eingespritzt werden muß, halten die Behring-Forscher für unerheblich: Sie wollen die Masern-Vakzine mit einem anderen Mischimpfstoff - der im gleichen Turnus gespritzt wird und schon seit Jahren eingeführt ist - zu einer Art Impf -Schrotschuß zusammenfügen.

Der für Anfang kommenden Jahres angekündigte Fünffach-Impfstoff (Markenname: »Quintovirelon") soll die bundesdeutschen Kinder gleichzeitig gegen Masern und Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung und Wundstarrkrampf feien.

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