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Neue Serie "Star Trek: Picard" Earl Grey, lauwarm

Der erfolgreichste "Star Trek"-Captain soll jetzt in der Streaming-Gegenwart bestehen. Leider geht der Versuch schief.
aus DER SPIEGEL 4/2020
Stewart und Frakes in "Star Trek: Picard": Grandezza, die mal rührt, mal nervt

Stewart und Frakes in "Star Trek: Picard": Grandezza, die mal rührt, mal nervt

Foto:

Trae Patton/ CBS/ Amazon

Lieutenant Commander Data ist auch nicht mehr der Jüngste. Dabei kann er äußerlich eigentlich nicht altern, der Zweite Offizier des Raumschiffs Enterprise ist schließlich ein Android. Allein: Sein erster Auftritt nach 17 Jahren Abwesenheit kann nicht verbergen, wie viel Zeit vergangen ist. Mag sein, dass Data alterslos ist – sein Darsteller Brent Spiner, bleich und mit deutlichen Furchen im Gesicht, ist es ganz offensichtlich nicht.

Und so nimmt das Drama gleich mit der ersten Szene von "Star Trek: Picard" seinen Lauf. Nicht etwa das Drama, das der neueste Aufguss der Serie erzählt. Sondern das des Scheiterns dieses Projekts, das in die Zukunft entführen will und doch zurückfällt in die Betulichkeit des Fernsehens der Neunzigerjahre.

In Wahrheit war die damalige "Star Trek"-Serie die erfolgreichste des von Gene Roddenberry Mitte der Sechzigerjahre erfundenen Serienkosmos. Mag sein, dass die Originalversion mit William Shatner als Captain Kirk und Leonard Nimoy als Spock den Grundstein legte für die Popularität. Sie wurde aber nach der dritten Staffel 1969 wegen schlechter Einschaltquoten eingestellt. "The Next Generation", wie die Fortsetzung im englischen Original heißt, lief dagegen von 1987 bis 1994 in sieben Staffeln, bis 2002 kamen noch vier Kinofilme hinzu.

Eine junge Frau bringt in "Star Trek: Picard" ein neues Drama ins Rollen

Eine junge Frau bringt in "Star Trek: Picard" ein neues Drama ins Rollen

Foto:

Matt Kennedy/ CBS/ Amazon

Und jetzt muss es weitergehen, komme, was da wolle. Die zwingenden Gründe ergeben sich weniger aus der Figur des vom britischen Shakespeare-Schauspieler Patrick Stewart gespielten Sternenflotten-Kommandanten Jean-Luc Picard, dessen Geschichte, wie man heute so sagt, noch nicht "auserzählt" ist. Sie sind strategischer und finanzieller Natur.

Schluss mit Einigkeit

Die Rechte an den "Star Trek"-Serien liegen bei dem amerikanischen Mediengiganten CBS, der in den USA eine Streamingplattform zu bestücken hat, All Access. Um im Konkurrenzkampf mit Netflix, Amazon Prime Video, Apple TV+ und Disney+ zu bestehen, braucht CBS eigene Inhalte. Die zweite Staffel von "Picard" bekam schon grünes Licht, bevor die erste ihre Premiere feierte, zwei weitere "Star Trek"-Serien werden 2020 laufen, noch mehr Spin-offs sind in Planung. Nach dem Zusammenschluss von CBS mit dem Medienhaus Viacom, zu dem das Paramount-Filmstudio gehört, steht auch die Möglichkeit weiterer "Star Trek"-Kinofilme im Raum. Der Produzent Alex Kurtzman versucht also, ein "Star Trek"-Universum zu bauen – ganz so, wie es Disney mit dem "Star Wars"-Franchise gelungen ist. Eine verschachtelte Sammlung von "Star Trek"-Geschichten, die sich je nach Bedarf sowohl im Kino als auch auf einer Streamingplattform ausspielen lassen und ein zahlungswilliges Publikum bei der Stange halten sollen.

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Star Trek: Picard

Foto: Trae Patton/ CBS/ Amazon

"Picard" ist in diesen Plänen nur ein Baustein, allerdings kein unwichtiger. Schließlich ist die Figur des kahlköpfigen, kultivierten Captains mit dem französischen Namen und dem britischen Akzent, der Earl Grey trinkt und mit Commander Data über das Wesen des Menschseins philosophiert, ein wesentlicher Ankerpunkt für "Star Trek"-Fans. Picard war immer der Gegenentwurf zum breitbeinig agierenden Westernhelden Kirk: ein feinsinniger und gebildeter Verteidiger universeller Menschenrechte, ein mit Warp-Geschwindigkeit durchs All eilender Anwalt der Geschundenen und Benachteiligten, Bannerträger von Roddenberrys optimistischem Zukunftsentwurf, in dem sich eine geeinte Menschheit um das Wohlergehen des ganzen Universums kümmert.

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Verständlich, dass der nicht mehr von dieser Figur zu trennende Schauspieler Patrick Stewart bei einer Neuauflage zunächst nicht mitmachen wollte. Die Vorstellung einer geeinten Menschheit taugt in diesen populistisch aufgeheizten Zeiten gerade noch zum schlechten Witz, Stewart hat sich in den vergangenen Jahren als Gegner des Brexits und von Donald Trump hervorgetan.

Weil Science-Fiction aber immer den Zustand der Gegenwart spiegelt, ist in "Picard" nun ohnehin Schluss mit Einigkeit. Der ehemalige Kommandant lebt zu Beginn der Serie zurückgezogen auf einem Weingut in Frankreich, nachdem die Zerstörung des Planeten Romulus eine Flüchtlingskrise ausgelöst hat, der die Sternenflotte mit Abschottung begegnet. Erst eine junge Frau, in der offenbar Teile des Bewusstseins von Data weiterleben, holt Picard aus seiner Isolation und bringt ihn dazu, sich wieder einzumischen.

Der Erzählentwurf von "Picard" mag sich also von der Vorgängerserie unterscheiden. Das bedeutet nicht, dass die Fortsetzung dieser Zukunftsgeschichte in der explodierend kreativen Serienwelt der Streaming-Gegenwart ankäme. "Picard" mag wertiger aussehen: Es wirkt trotzdem wie Fernsehen aus einer vergangenen Ära. Die Bilder sind so clean wie die Dramaturgie, die dem Publikum das Geschehen durchgängig doppelt erklärt. Konflikte klopfen höflich an und bleiben hübsch übersichtlich. Noch immer trägt Picard einen bildungsbürgerlich gesättigten Humanismus vor sich her, der in seiner Grandezza mal rührt, mal nervt.

Vielleicht brauchte die Welt von heute tatsächlich einen Idealisten wie Picard und einen netten Androiden wie Data. Das Fernsehen braucht sie nicht.

Start: 24. Januar bei Amazon Prime Video

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