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AFRICA ADDIO Starker Spürsinn

aus DER SPIEGEL 34/1966

Mit dem Pistolenlauf versetzt der weiße Söldner dem Kongolesen einen freundschaftlichen Rippenstoß. »Come on, Sammy Davis«, brummt er. Der Neger hebt bittend die Arme - doch der Weiße feuert ihm aus einem Meter Entfernung erst ins Gesicht, dann ins Genick.

Kaum waren die Schock-Bilder über die Leinwand des Filmtheaters »Astor« am Berliner Kurfürstendamm gelaufen, da erscholl ein wütender Schrei im dunklen Kinosaal: »Mörder«.

Fünfzig weiße und farbige Studenten der West-Berliner Hochschulen stürmten die Bühne. Adekunle Ajala, Kommilitone aus Nigeria, versuchte mit weit ausgebreiteten Armen den Vorhang vor einer Kinowand zu schließen, auf der über zwei Stunden lang-afrikanische Greuel in Technicolor erschienen waren

- unter anderem von Negern gemetzelte

Nonnen, Moslems und Elefanten. Titel des Films: »Africa Addio«; die These der italienischen Regisseure Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi ("Mondo Cane"): »Es gibt in Afrika nur ein grausames Tier - den Menschen.«

Die Berliner Afrikaner, unterstützt von weißen Kommilitonen, trugen den Protest auf die Straße. Am abgesperrten Kurfürstendamm traten sich 295 Polizisten und 800 Demonstranten gegenüber. Bilanz der Nachtübung: 43 Festnahmen, einige blaue Flecke und 10 000 Mark Sachschaden.

West-Berlins Magistrat wollte seinen Renommier-Boulevard - zumal so kurz vor dem 13. August - durch Keilereien zwischen Studenten und Polizisten nicht in Frontstadtruch gelangen lassen: Er bewog die Verleiher-Firma Cine-Union, das Kino »aus seiner Spielverpflichtung zu entlassen«. Ein Unions -Sprecher: »Man hat uns praktisch die Türen zugemacht.«

Nach neun - zum Teil heftig gestörten - Vorstellungen mußte »Astor« -Chef Max Hauptmann umbesetzen: »Auf eine ganz krumme Tour« hieß das neue Programm.

Der »härteste Film der Welt« (so ein Inserat) hatte den Filter der »Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft« (FSK) ungehindert passiert und lief inzwischen unbeanstandet in rund 30 Städten der Bundesrepublik. Nach ihren Statuten muß die FSK - in der neben der Branche auch Bund, Länder und Kirchen vertreten sind - Filme verbieten, die »entsittlichend oder verrohend« wirken und »rassenhetzerische Tendenzen« fördern.

Solche Neigungen konnten die Kontrolleure in Jacopettis Schocker - Ergebnis einer zweijährigen Arriflex-Safari quer durch Afrika - nicht finden.

Dagegen wurde der Film der Color -Leichen und der Breitwand-Kadaver von dem SPD-Blatt »Berliner Stimme« als ein »öffentliches Ärgernis« verurteilt, und auch der katholische Filmdienst mußte »abraten«. »Der Sadismus feiert Triumphe«, stand in der »Welt«, und der »Tagesspiegel« erblickte in dem Film die »brutale Fratze des Rassismus«.

Tatsächlich werden die Weißen (Buren, Briten, Söldner), auch wenn sie wahllos Neger töten, zumeist als Edelmenschen präsentiert - mit Weichzeichner-Objektiv und im Gegenlicht, mit Chorgesang und Cello-Spiel; die Schwarzen erscheinen in drohenden, harten Großaufnahmen, dazu tönen Trommeln.

Während blonde Buren-Beauties - in Zeitlupe aufgenommen - attraktiv Gymnastik treiben, ziehen schwarze Zulu-Mädchen - schnatternd und unbeholfen - weiße Slips übers schwarze Gesäß. Jacopetti: »Der Kopf der Weißen steht für mich in einem großartigen Verhältnis zum Hintern der Schwarzen.«

Der Filmbewertungsstelle der Länder (FBW) erschien der Film »wertvoll«. Sie erteilte das vergnügungssteuersparende Prädikat - wenn auch »nur unter starken Bedenken und mit knapper Mehrheit« - für »seltenes dokumentarisches Material«, »ausgezeichnete Schnitte«, »intensive Kameraarbeit« und »starken Spürsinn für wirkungsvolle Bildfolgen«.

Die West-Berliner Studenten spürten »Rassenhaß«. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) und vier andere Hochschulgruppen protestierten in getrennten Schreiben bei Willy Brandts Urlaubsvertretung, dem Pastor Heinrich Albertz - gegen die Aufführung eines Films, der »Verächtlichmachung aller Menschen schwarzer Hautfarbe« betreibe.

Nach Grundgesetz (Artikel 26), Strafgesetzbuch (Paragraph 130) und der Verfassung von West-Berlin (Artikel 20 und 21) seien Rassen- und Völkerhetze unter Strafe zu stellen. Eine Aufführung des Films verstoße somit gegen die geltenden Gesetze.

Bürgermeister Albertz und Polizeipräsident Duensing ließen sich bislang nicht überzeugen. Er mache »keinen Kotau vor der Straße oder dem SDS«, sagte der Polizeipräsident. Und Albertz versprach, ohne »Africa Addio« gesehen zu haben: Der Film werde demnächst in Stadtrandkinos gezeigt - »notfalls unter Polizeischutz«.

Auch eine Anzeige des SDS »gegen Unbekannt« hatte keinen Erfolg. Am letzten Donnerstag stellte der Generalstaatsanwalt beim Landgericht Berlin das Ermittlungsverfahren ein, da er in »Africa Addio« eine Aufstachelung zum Rassenhaß nicht zu erkennen vermochte.

Trotzdem wird der Film nicht in die Berliner Stadtrandkinos kommen. Am letzten Freitag beschloß der Verleiher, den Streifen erst wieder einzusetzen, wenn ihn FSK und FBW noch einmal und ausdrücklich für unbedenklich erklären.

JacopettiFilm »Africa Addio": Vorführung unter Polizeischutz?

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