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Startzeichen für die Himmelsfähre

Den Mond überlassen sie von 1973 an den Russen -- aber dafür wollen sich die Amerikaner nun den Urtraum der Raumfahrt-Ingenieure erfüllen: Raumgleiter, die auf die Erde heimkehren, sollen gegen Ende des Jahrzehnts einsatzbereit sein, entschied US-Präsident Nixon. Damit wird ein Projekt verwirklicht, das der deutsche Raketenforscher Eugen Sänger schon im Zweiten Weltkrieg verfolgt hatte -- damals mit anderem Ziel: Bomben auf USA.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Das Jahr 1972, schrieb das amerikanische Nachrichtenmagazin »U.S. News & World Report« noch in seiner jüngsten Ausgabe, verheiße »Amerikas Raumfahrt-Wissenschaftlern eine ungewisse Zukunft«. Die zwei noch ausstehenden Apollo-Mondmissionen« im März und Dezember dieses Jahres, erbrächten wohl noch ein glänzendes Finale -- doch, so fragte das Magazin: »Was kommt dann?«

Seit Mittwoch letzter Woche scheint solch düstere Frage hinfällig. Auf seinem Sommersitz im kalifornischen San Clemente gab US-Präsident Richard Nixon das Startsignal für das seit Beginn des Apollo-Unternehmens ehrgeizigste und kostspieligste Raumfahrtprogramm der Vereinigten Staaten.

Annähernd 18 Milliarden Mark sollen Amerikas Raumfahrttechniker nun für die Entwicklung eines Vielzweck-Transportsystems aufwenden, das bis nahe an die Jahrtausendwende für Flüge in und durch das All geeignet sein wird: die Raumfähre ("space shuttle"). Geplanter Erstflug-Termin: 1978.

Bislang waren die Raumfahrt-Ingenieure auf ein überaus kostspieliges Transportprinzip im All angewiesen. Ob sie nun zwei Millionen Mark. wie eine Scout-Rakete, oder 400 Millionen, wie die Mondrakete Saturn V, gekostet hatten -- stets wurden die Antriebsstufen nach dem Abbrennen ihrer Treibstoffvorräte einfach weggeworfen: sie fielen ins Meer, verglühten in der Atmosphäre oder blieben im All. Mit dem Bau der Raumfähre soll dieses aufwendige Ex-und-Hopp-Prinzip, das für die Pionierzeit im Weltraum unumgänglich war, zumindest teilweise beendet werden: Trägerraketen sollen in Zukunft wenigstens einige Male, Raumfahrzeuge bis einhundertmal wieder zur Erde zurückkehren und neuerlich verwendet werden können.

Für die Raumfähre haben die US-Ingenieure ein Huckepack-System gewählt: eine modifizierte Raketen-Grundstufe, etwa von der Mondrakete Saturn V, startet von Cape Kennedy und befördert die eigentliche Raumfähre, den »Orbiter«, in etwa 80 Kilometer Höhe. Dort trennen sich die beiden Vehikel, die Startstufe kehrt, wahrscheinlich an Fallschirmen. zur Erde zurück und wird aus dem Atlantik gefischt. Der »Orbiter« hingegen soll nach vollendeter Raum-Reise wie ein herkömmlicher Jet auf einer Landepiste einschweben (siehe Graphik).

Die Raumfähre wird so ausgelegt sein, daß Passagiere mitfliegen können, ohne sich zuvor einer Spezialausbildung zum Astronauten zu unterziehen. Wissenschaftler und Ingenieure sollen dann als Raumtouristen starten oder zu ihren Arbeitsplätzen in erdumkreisende Raumstationen gebracht werden.

Vordringlichste Aufgabe der Raumfähre wird es jedoch sein, Nutzlasten bis zu 25 Tonnen ins All zu bringen: In einem besonderen Frachtteil ("cargo bay") sollen etwa Nachschub oder Erweiterungsbauteile für bemannte Raumstationen verstaut werden. Ebenso könnte der Stauraum Satelliten oder Planetensonden aufnehmen, die dann unterwegs auf ihre Umlaufbahn gesetzt oder geschossen werden. Andererseits könnte die Fähre reparaturbedürftige Satelliten anfliegen oder sie zur Erde zurückbringen.

Raumfahrt wird im Zeitalter der »space shuttle« billiger sein als bisher. Rund viereinhalb Millionen Dollar wird jeder Fähren-Start dereinst kosten: etwa eine Million Dollar weniger (bei gleichzeitig 25facher Tragfähigkeit) als derzeit der Start etwa eines Nachrichtensatelliten.

Wohl würden Entwicklung. Serienproduktion und Einsatz der »space shuttle« in den nächsten zwei Jahrzehnten etwa 18 Milliarden Dollar kosten. Andererseits aber, so errechnete jüngst der US-Wirtschaftswissenschaftler Oskar Morgenstern, würden durch den Einsatz von Raumfähren mehr als 14 Milliarden gegenüber den herkömmlichen Wegwerf-Raketen eingespart -- berechnet mit einer geschätzten Zahl von 56 Raumfähren-Starts pro Jahr.

Diese Annahme scheint realistisch, weil sich die zivile Raumfahrtbehörde Nasa für das Raumfähren-Projekt nun wieder mit den Militärs verbündet hat: Auch die US. Air Force will die Huckepack-Kombination nutzen -- für ihre Horch- und Spähsatelliten.

Der Bau eines wiederverwendbaren Raumtransporters, so hatte der jetzige Nasa-Planungschef Wernher von Braun schon 1965 dargelegt, lohne erst, wenn die Verkehrsdichte im AH groß genug sei. Nun, seit Satelliten für die Nachrichtenübermittlung sowie für Wetter- und Erdbeobachtungen gewinnbringend verwendet werden, scheint diese Voraussetzung erfüllt.

Aber noch mit einer zweiten Vorhersage könnte Wernher von Braun recht behalten. »Wenn einer einen solchen Raumtransporter hat«, so von Braun damals, »müssen die andern ihn kaufen. gleichgültig, oh er nun europäischer oder amerikanischer Herkunft ist.«

Zwar liegt eine Einladung der Amerikaner zur Beteiligung am Bau der Raumfähre seit mehr als einem Jahr bei den europäischen Partnerländern. Doch angesichts des zerstrittenen und weithin erfolglosen Raumfahrtmanagements in der Alten Welt ist zu erwarten, daß auch der Huckepack-Zug in den Weltraum, von Präsident Nixon jetzt in Gang gesetzt, ohne Europa abfährt.

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