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"Stateless" bei Netflix Von der Wohlstandstochter zur Staatenlosen

Eine neue Serie bringt das Leiden der Flüchtlinge in Australien ins Wohnzimmer - mithilfe einer jungen, weißen Hauptfigur. Eine ziemlich abenteuerliche Konstruktion.
aus DER SPIEGEL 29/2020
Szene aus "Stateless" mit Yvonne Strahovski

Szene aus "Stateless" mit Yvonne Strahovski

Foto:

Ben King/ AP

Ein Containerdorf unter der sengenden Sonne des Outback, bewacht von ein paar Hinterwäldlern mit Handschellen und Schlagstöcken: In einem australischen Flüchtlingslager warten sogenannte Boatpeople aus Afghanistan, dem Irak oder Sri Lanka darauf, dass ihre Asylanträge bearbeitet werden. Sie träumen davon, ins Land gelassen zu werden - die meisten vergebens.

Nur eine ist hier, weil sie ausgewiesen werden will: Sofie (Yvonne Strahovski) hat sich mit gestohlenen Dokumenten die Identität einer deutschen Backpackerin mit abgelaufenem Visum zusammengezimmert. Nun hofft sie, nach Europa abgeschoben zu werden. Ein ausgesprochen seltsamer Plan, geboren aus Verzweiflung. Um ihren übermächtigen Eltern zu entkommen, hatte sich die psychisch labile Sofie zuerst einer Sekte angeschlossen, wo sie vom Guru missbraucht wurde. Im Camp nun wähnt sie sich in Sicherheit.

Eine abenteuerliche Konstruktion

Als Handlangerin des Gurus ist in einer Nebenrolle die australische Starschauspielerin Cate Blanchett zu sehen. Sie ist eine der Drehbuchautorinnen der Serie - und damit mitverantwortlich für deren Konstruktion, die zumindest auf den ersten Blick ziemlich abenteuerlich wirkt - eine Tochter aus guten Verhältnissen, die sich freiwillig in Abschiebehaft begibt? Leicht hätte das Camp zur Kulisse einer Psychogeschichte werden können und die Flüchtlinge zu bloßen Statisten. Doch der Titel "Stateless" ist Programm: In der Serie geht es um Staatenlosigkeit im weiteren Sinne, um den Verlust von Heimat generell.

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Und ähnlich wie zuvor in der Serie "Orange Is the New Black", in der eine Mittelstandstochter in den Parallelkosmos des US-Strafvollzugs gerät, führt Sofie in "Stateless" das breite Fernsehpublikum (in Deutschland läuft die Serie auf Netflix) in die Welt der Flüchtlingslager. Immerhin wird diese erzählerische Behelfskonstruktion in der Handlung reflektiert: Die Flüchtlinge planen den Aufstand, aber sie wissen auch, dass die australische Öffentlichkeit ihnen eher ihre Aufmerksamkeit schenken wird, wenn sie eine Identifikationsfigur in ihren Reihen haben. Eine Frau wie Sofie eben.

Einer der Campinsassen sagt zu ihr: "Die Leute werden wissen wollen, wieso eine, die so aussieht wie sie selbst, an einem solchen Ort gefangen ist. Du könntest unsere Stimme sein. Das Gesicht unserer Leiden."

Wie erzählt man eine jahrelange Flucht als stimmige Story?

Das ist der Subtext der Serie: Flüchtlinge sind auf Geschichten und auf Gesichter angewiesen, auf eine Botschafterin wie Sofie, damit die Welt an ihrem Elend teilnimmt. Aber wie erzählt man eine jahrelange Flucht, die von Chaos, Brüchen und Zufällen geprägt ist, als stimmige Story?

Es sind aufwühlende Szenen, in denen die Figuren ihr Leid so zu ordnen versuchen, dass sie den Asylvorgaben entsprechen. So ist das Publikum in Rückblenden dicht bei dem Afghanen Ameer (Fayssal Bazzi), der in Indonesien von einem Schlepper übers Ohr gehauen wurde. Um sich und seine Familie doch noch nach Australien zu bringen, hat Ameer den Betrüger überfallen und sich sein Geld zurückgeholt - ein krimineller Akt, der ihm beim Verhör im Lager zum Verhängnis werden könnte.

Die Serie fußt auf einer Reihe wahrer Begebenheiten. 2004 war tatsächlich eine Deutschaustralierin im Baxter Detention Centre im Süden des Landes interniert, dort kam es zu der Zeit zu Protesten von Insassen und Menschenrechtsgruppen.

Doch die Behörden lassen kaum noch Boatpeople auf australischen Boden. Sie werden bereits auf dem Meer zurückgeschickt oder in Camps auf Papua-Neuguinea gesperrt.

"Gesetzeswidrige Nichtbürger"

Die Serie erzählt auch von einer Abteilungsleiterin des Einwanderungsministeriums (Asher Keddie), die im Camp paragrafenkonforme Abschiebungen durchführen muss. Die sprachliche Aufrüstung ist für sie dabei mindestens ebenso wichtig wie die Handschellen der Wärter: Die Geflüchteten werden von ihr konsequent mit dem Wortungetüm "gesetzeswidrige Nichtbürger" adressiert.

Umso sinnvoller erscheint da der Dreh, eine blonde Wohlstandstochter zur Staatenlosen zu machen. Vielleicht lässt sich nur so ein Publikum erreichen, für das Flucht und Vertreibung trotz aller Medienberichte weit weg sind.

Auf Netflix.

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