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Mars Staub und Stürme

Gibt es auf dem Mars Leben, gibt es die Mars-Kanäle? Über 150 Millionen Kilometer hinweg funken Mars-Sonden Bilder und Meßdaten zur Erde. Die Robot-Späher fanden: Elefantenhaut und Winterkälte.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Nach 188 Tagen Reise durch den Weltraum war der silbrig glänzende Samowar auf dem Planeten Mars gelandet. 20 Sekunden lang funkte die Landekapsel der sowjetischen Sonde »Mars 3« ihre Signale erdwärts. Dann verstummte sie.

Das war am 2. Dezember letzten Jahres. Zum erstenmal war ein von Menschen gefertigter Apparat auf dem benachbarten Planeten niedergegangen. Doch erst jetzt, fast vier Wochen später. erschienen Photos und Schnittzeichnungen der russischen Raumsonde »Mars 3« -- die den Planeten noch immer umkreist und auch der Landekapsel. die aus der Mars-Umlaufbahn abgeworfen worden war.

Knapp drei Minuten, so gaben die sowjetischen Raumfahrtexperten nun bekannt, hatte damals das mit Kameras. Meßgeräten und Mini-Labor ausgerüstete Landefahrzeug gebraucht, um die dünne Mars-Atmosphäre zu durchschweben und am Boden aufzusetzen. Daß die Funkübertragung schon kurz nach der Landung aussetzte, sei vielleicht, so spekulierten die Experten, eine Folge der schweren Sandstürme auf dem Planeten; möglicherweise sei aber das Gerät auch in einer meterhohen Staubschicht versunken.

Unterdes haben immerhin die kreisenden Späher »Mars 2« und »Mars 3« vergleichsweise reiche Ausbeute zur Erde übermittelt. Die Sowjet-Sonden sind mit je 4,6 Tonnen Gewicht etwa viermal so schwer wie der amerikanische Mars-Erkunder »Mariner 9«. Und entsprechend haben die sowjetischen Techniker sehr viel mehr Forschungsgerät untergebracht als die Amerikaner in der »Mariner«-Sonde.

Die »Mariner 9«-Mission. so monierte denn auch der sowjetische Physiker W. J. Moros, sei »allzusehr auf das bloße Photographieren ausgerichtet« --

ein ausführliches Forschungsprogramm etwa mit Mikrowellen- und Gas-Meßgeräten, wie es die Russen unternehmen. sei darin nicht vorgesehen.

In der Tat hatten die Amerikaner die möglichst vollständige Kartographierung des Planeten. als Vorarbeit für spätere Landungen, zum Hauptziel ihrer »Mariner 9«-Mission erklärt. Nun aber scheint selbst bei diesem Vorhaben der Erfolg nicht mehr ganz sicher.

Zwar hat die amerikanische Mars-Sonde mittlerweile nahezu 10 000 Funkphotos vom Mars übermittelt, teilweise mit überraschenden Details. so etwa einer Elefantenhaut-Struktur. die südlich des Mars-Äquators entdeckt wurde (siehe Photo). Aber die Qualität der meisten Photos war wegen der Sandstürme eher unbefriedigend.

Die systematische Funkphotoerkundung der nördlichen Mars-Hälfte soll ohnehin erst in den nächsten Tagen beginnen. Dabei wird schon bald die Funkbrücke von »Mariner 9« immer weniger tragfähig sein: Der Mars entfernt sich zunehmend von der Erde, die Abstände zwischen den übermittelten Bildsignalen müssen vergrößert werden, und überdies geht der Gasvorrat zur Neige, der gebraucht wird, um die Hochleistungsantenne der Mariner-Sonde jeweils wieder auf die Erde auszurichten.

Vergleichsweise reichhaltig sind demgegenüber die Forschungsbefunde. die »Mars 2« und »Mars 3« schon jetzt zur Erde gefunkt haben. So entdeckten die Sowjet-Sonden beispielsweise Wasserstoff- und Sauerstoff-Atome in verschiedenen Schichten der Mars-Atmosphäre und übermittelten genaue Oberflächentemperaturen vom Mars. Danach wird es selbst auf der Sonnenseite des Planeten nicht wärmer als minus 15 Grad Celsius.

Nach den bisherigen Befunden über Klima und Chemie des Nachbarplaneten ist zwar die Möglichkeit noch nicht vollends auszuschließen, daß einfache Formen organischen Lebens auf dem Mars möglich sind. Aber wenn nicht in den nächsten Tagen und Wochen die »Maniner«- und »Mars«-Sonden noch Oberraschungen liefern, werden ein für allemal, so umschrieb es der amerikanische Mars-Experte Dr. Carl Sagan, die Spekulationen beendet sein »von kleinen grünen Männern, Mars-Kanälen oder anderen gigantischen Ingenieurbauten auf dem roten Planeten«.

* »Mariner 9«-Funkphoto, aufgenommen aus etwa 1500 Kilometer Höhe: die Gebirgswüste sind knapp sechs Kilomeier hoch, die Täler bis zu 2,5 Kilometer breit.

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