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Steif und eckig

aus DER SPIEGEL 31/1991

ragt die Rückenlehne des Sofas empor, das Buchenholz in depressivem Schwarzton gebeizt. Dazu x-beinige Stühle, deren brettharte Sitze eher zum Stehen einladen - das von tschechischen Designern vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte Mobiliar war zwar stilistisch revolutionär, doch von zweifelhaftem Gebrauchswert.

Darauf aber kam es den Künstlern gar nicht an. Sie hatten genug von Ornamenten und vom Zierat der Wiener Jugendstil-Schule - ihre Antwort waren strenge Linien und eine konsequente Geometrie, die sich an der kubistischen Malerei von Pablo Picasso und Georges Braque orientierte.

1910 bildeten sich in Prag die Künstlervereinigungen »Osma«, »Skupina« und »Manes«, deren Ziel die Erneuerung der Architektur war. Die Avantgardisten um den damals 28jährigen Vordenker Pavel Janak strebten nach Autonomie von österreichischer Kulturhoheit und schufen Möbel und Häuserfronten, die der Prager Kunsthistoriker V. V. Stech als »eher theoretisch« bezeichnete. Ihre bahnbrechenden Entwürfe werden bis zum 15. September im Vitra Design Museum in Weil am Rhein gezeigt. Anschließend wandert die Ausstellung über Düsseldorf, Madrid, Paris und Montreal nach New York.

Es ist die erste Retrospektive des tschechischen Kubismus seit einer Werkbundausstellung 1914 in Köln. Die mehr als 300 Exponate, Fotos und Gebäudeskizzen erinnern verblüffend an postmodernes Design jüngsten Datums.

In einem grundlegenden Aufsatz definierte Janak 1911 den »Block als die Grundform der Materie«. Diesen Archetypus lösten die Künstler in kristallartige Elemente auf, die sie zu kubistischen Neukompositionen fügten: Stumpfwinklige Gebäudefronten entstanden auf diese Weise und dynamische, vielfach gebrochene Dekorationsobjekte wie jene Tischuhr von Josef Gocar, die zwischen drei Klötze von archaischer Kantigkeit eingelassen ist.

Mit ihren dunklen Farben und schweren Formen erzeugen die Modelle ein Gefühl von Tristesse, eine düstere Ahnung vom Eigenleben der Gegenstände, so als hätte Kafka Pate gestanden.

Rücksichten auf Funktion und Gebrauch waren den Prager Zirkeln ebenso egal wie das Material und die technischen Verfahren: Kunst galt als autonome Kategorie. Um ein wenig praxisgerechtes Sofa vorlagengetreu herzustellen, mußten die Tischler bisweilen die tragenden Buchenholz-Teile aushöhlen; sie wären sonst zu schwer geraten.

Nach 1918 weitete sich der Stil zum »Rondo-Kubismus«; schmückende Bögen lockerten die asketischen Linien der Frühphase auf, die Tschechen näherten sich dem westeuropäischen Art Deco.

Um das Jahr 1925 verebbte dann die Bewegung. Erst Ende der siebziger Jahre erfuhren die vergessenen Möbel und Fassaden eine Renaissance, als vor allem für italienische postmoderne Designer die Form wieder wichtiger wurde als der praktische Nutzen. Doch diesmal ging es um den Kassenerfolg - was bei Janak und seinen Jüngern noch ausschließlich ästhetisches Programm war, hatte sich zu einer Mode für geschmäcklerische Konsumenten mit Hang zur Selbstdarstellung gewandelt. o

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