Zur Ausgabe
Artikel 74 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

REINSHAGEN Steiles Hälschen

aus DER SPIEGEL 8/1968

Wenn der Gatte im Büro, die Töchter in der Schule waren, legte sich die Berliner Hausfrau Gerlind Reinshagen, 41, DIN-A 4-Papier aufs Knie oder auf den Couchtisch, griff zum Kugelschreiber und begann zu dichten.

Am Ende dieser Woche wird der dramatische Erstling der zarten Berlinerin in Frankfurts »Theater am Turm« uraufgeführt -- ein frappantes, sprachgewaltiges Stück Theater, handelnd vom Aufstieg und Fall des Oberbuchhalters Heinrich Hoffmann, 35, während des Betriebsfestes der Firma Neugebauer. Titel des Spiels: »Doppelkopf«.

Das Kartenspiel dieses Namens hatte Held Hoffmann vor seiner Karriere gern mit seinen Kumpels geklopft

mit dem Schweißer Hacks, dem Buchhalter Quendel, dem Vorarbeiter Lukaschek und dem Fahrer All. Aber seit er dem Direktor Dr. Fischer als »rechte Hand« attachiert wurde, blieb er den Kartenschlägern fern.

Das Firmen-Fest bringt an den Tag, daß der »Doppelkopf«-Titel auch Doppelsinn hat. Hoffmann, als Fest-Arrangeur, soll zugleich an der Direktoren-Tafel scharwenzeln und am Angestellten-Tisch leutselig sein. Dabei, sagt Gerlind Reinshagen, »reißt er sich mittendurch und fällt in eine große Lücke zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer«.

Der Sturz ins Leere auf der Bühne: Hoffmann nennt seine Mitmenschen »Säcke, Vielfraße, schwule Schweine, Kalkhirne, Nachttöpfe, geile Jungfrauen, Brutusse, Radfahrer«, greift (Regieanweisung) »einen Teller mit Essen und schüttet ihn sich über den Kopf«.

Derlei Saltos vom Sozialen ins Surreale, vom Genauen ins Groteske machen den Reiz und Witz des »Doppelkopfes« aus; und ähnlich schwillt der Dialog von schnoddriger Lakonik zu sarkastischem Stelzen und hehrem Versfluß.

Neben solch »reifer und raffinierter Dramaturgie« imponiert dem Regisseur der Uraufführung, Claus Peymann, 30, vor allem die »betriebspsychologische Exaktheit« des Damen-Dramas. Sie entspreche »dem letzten Stand der Forschung«.

Die fiktive Firma, in der Hoffmanns Erwählung und Ende stattfindet, ist von Gruppen-Zwang und dem Ritual der Hühner-Hackordnung dirigiert; Vorgesetzte sägen einander am Stuhlbein und gieren nach den »Montiererinnen mit den steilen Hälschen«; bei Bier und Kasseler, vor der Herrentoilette und am Goldfischteich trachtet jedweder nach des anderen Leib oder Leben.

Betriebs-Klima hatte Gerlind Reinshagen, geborene Ostpreußin, bald nach dem Kriege in Braunschweig zu spüren bekommen. Als die angehende Pharmazie-Studentin keine Verdienst-Stelle im Büro fand, ging sie auf den Bau. Da habe sie »Bäume durchgesägt und Eisenstangen verladen und auf Dyckerhoff und Widmann geschimpft -alles für 73 Pfennig in der Stunde«.

Zwei Jahre später schnitt sie Mohrrüben in einer englischen Konservenfabrik und verpackte am Fließband rote Bete: »Da hat man auch so allerhand gehört.«

Als sie dann gelernte Apothekerin war, mit einem Elektro-Ingenieur verheiratet, und im gutbürgerlichen Berlin-Charlottenburg haushielt, meldete sich der Schreib-Drang; er entlud sich zunächst in neun Hörspielen (Titel: »Die Gefangene«, »Die Maschine«, »Das Milchgericht"), die von fast allen westdeutschen Sendern ausgestrahlt wurden.

Vor zwei Jahren schließlich hob sie zum dramatischen Probe-Stück an. Beraten vom Suhrkamp-Verlag und vom »Theater am Turm«, das sich dem »theatralischen Nahkampf« und der »theatralischen Neuform« (Peymann) widmet, schrieb sie den »Doppelkopf« zu Ende.

Ihre Regie-Anforderungen sind enorm. Gerlind Reinshagen schreibt überlappte Dialoge vor, vierfache Simultan-Szenen, eine lüsterne, lärmende, trinkende Betriebs-Belegschaft, eine Alt-Arbeiterin mit Holzbein und, als eine Art Kommentator, einen Zwerg.

Peymann engagierte vom Zirkus Franz Althoff den Zwerg Iwan (bürgerlich: Johannes Fleisch, 45), der schon im Film neben Claudia Cardinale und John Wayne zu sehen war. Hier spricht er erstmals bedeutungsvolle Worte -- etwa: »Schon manchem ging die Luft aus -- vor dem Gipfel.«

Solches hoffen die Töchter Gerlind Reinshagens, die vom Werk ihrer Mama wenig halten. »Wenn das nach Berlin kommt«, sagen Sibylle, 16, und Katharina, 14, »wandern wir aus.«

Zur Ausgabe
Artikel 74 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.