Festakt im neuen Berliner Stadtschloss Bloß nicht jubeln

In Berlin wurde das umstrittene neue Stadtschloss endgültig eröffnet. Beim Festakt sprach Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und verbreitete schlechte Laune – mit voller Absicht und völlig zu Recht.
Bundespräsident Steinmeier bei der Schloss-Einweihung

Bundespräsident Steinmeier bei der Schloss-Einweihung

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Christian Marquardt / EPA

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Dieser Festakt war ein Widerspruch in sich. Er sollte feierlich sein und doch nicht den Eindruck erwecken, es gäbe etwas zu feiern. Musik erklang an diesem Mittwochvormittag, viele Worte wurden gesprochen, auch mahnende. Begriffe wie Kolonialismus, Verbrechen und Restitution fielen. Einige Redner wirkten wiederum fast trotzig, sie ließen es dann aber doch so klingen, als bestünden noch Restchancen, dass sich die Nation hier, mitten in Berlin, nicht völlig blamieren wird.

Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums, mit Steinmeier und Adichie: »Arroganz der erstaunlichsten Sorte«

Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums, mit Steinmeier und Adichie: »Arroganz der erstaunlichsten Sorte«

Foto: BRITTA PEDERSEN / AFP

Anlass dieser Veranstaltung war die erneute – und nun endgültige – Eröffnung des Humboldt Forums im wiederaufgebauten Stadtschloss. Mit ihr werden auch die ethnologischen Abteilungen eingeweiht, die bislang noch nicht zugänglich waren. Die Artefakte, etwa aus Afrika und Südamerika, sollten das Staatsvorhaben eigentlich emotional tragen und Deutschland im neuen Jahrtausend so aufgeschlossen wie weltläufig wirken lassen. Doch schon während des Schlossbaus wurde klar, dass daraus nichts wird, weil sogar die bekanntesten Museumsobjekte koloniale Raubkunst sind. Sie auszustellen polarisiert nun noch viel mehr als die Architektur, die manche Kritiker sogar »Fake History« nennen .

Ein Staatsschloss, das sich nicht von selbst erklärt

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch im Schloss ankam und durch eine Tür schritt, stand das Publikum eigens kurz auf, so, als wäre ein Monarch erschienen. Dann versuchte er 20 Minuten lang die einer Demokratie würdigen Worte zu finden für dieses Hunderte Millionen Euro teure Staatsprojekt, das sich, wie er selbst betonte, nicht von selbst erklärt.

Steinmeier ist klar, dass sich das Land mit diesem Humboldt Forum nicht wirklich schmücken kann, jedenfalls nicht in seinem jetzigen Zustand. Der Präsident hat sich seit längerer Zeit auf diesen Termin vorbereitet. Zu denen, die er im Vorfeld getroffen hatte, gehörte der Berliner Historiker Götz Aly. Er war heute auch eingeladen, obwohl er sich wegen seiner Recherchen viele Feinde im Schloss gemacht haben dürfte. Denn in seinem jüngsten Buch hat er dargelegt, dass sogar das berühmte Boot von der Südseeinsel Luf, immerhin das größte Objekt, das präsentiert wird, eine koloniale Beute war – und dass die Berliner das hätten wissen können.

In seiner Rede klammerte nun auch Steinmeier nicht aus, dass in unseren Museen Kunstwerke oder Kultgegenstände liegen, die »eben nicht rechtmäßig erworben wurden«. Hinter ihnen stehe eine »Geschichte von Unterwerfung, Plünderung, Raub und Mord«, sagte er. Mit Verweis auf das Luf-Boot forderte er mehr Forschung ein. Auch seine Gratulation an die Gastgeber war sozusagen mit einem Warnhinweis versehen: »Ich möchte Sie dazu beglückwünschen – und bin mir sehr bewusst, wie umstritten manches ist und bleibt.«

Den richtigen Ton setzte ein Gast aus Nigeria

Stellenweise war Steinmeier recht deutlich, gerade für gemeinhin diplomatische, bundespräsidiale Verhältnisse. Er unternahm auch einen Exkurs zu der Debatte über die Singularität des Holocausts, die er bejahte, aber zugleich Empathie für die Opfer des Kolonialismus forderte.

Luf-Boot im Humboldt Forum: »Eben nicht rechtmäßig erworben«

Luf-Boot im Humboldt Forum: »Eben nicht rechtmäßig erworben«

Foto: Clemens Bilan / EPA

Seiner Ansprache folgte die der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, die um gar nichts mehr herumreden musste und so endgültig den passenden Ton für diesen Festakt setzte. Geschichte habe eine Bedeutung, auch die afrikanische, sagte sie. In europäischen Schulen werde über die Verbrechen der Europäer in ihren Kolonien nichts gelehrt, in den europäischen Museen das kulturelle Erbe Afrikas zugleich regelrecht eingefroren. Die Europäer, auch die Deutschen, wollten die Objekte nicht herausrücken, und ebenso wenig möchten sie die Deutungshoheit abgeben. »Retain and explain« nennt sie diese Praxis.

Ihr Beitrag, mit ruhiger Stimme vorgetragen, war ein überzeugendes Plädoyer für die Restitution. Es sei Zeit für Mut, Zeit für Hoffnung, Zeit zu handeln, sagte sie. Dass die Nachfahren der Räuber den Nachfahren der Beraubten stattdessen unterstellten, sie könnten gar nicht angemessen auf die Dinge aufpassen, jedenfalls nicht so gut wie die Diebe, hält die bekannte Schriftstellerin für eine »paternalistische Arroganz der erstaunlichsten Sorte«.

Die Museen behaupten gern, sie brauchten noch viel Zeit für die Erforschung der Bestände, aber die Zeit für den Museumsbau hatten sie, und in seiner größten Halle sprach nun also Adichie – und ließ die ganze Institution sehr kleinlich wirken.

Passage im Humboldt-Forum: Wo ist der Platz für den Dialog der Weltkulturen?

Passage im Humboldt-Forum: Wo ist der Platz für den Dialog der Weltkulturen?

Foto: Fabian Sommer / picture alliance / dpa

Natürlich, deutsche Museen – auch die Berliner Sammlungen – haben vor einiger Zeit zugesagt, Benin-Bronzen nach Nigeria zurückgeben zu wollen. Darauf wurde auch an diesem Mittwoch im Schloss mehrfach verwiesen. Nur steht immer noch nicht fest, wie viele – und warum eigentlich nicht alle? Und was ist mit den vielen anderen Stücken in den Vitrinen, in den Depots?

Bundespräsident Steinmeier schlug vor, sich dem Humboldt Forum mit Fragen und Zweifeln zu nähern. Die Glaubwürdigkeit dieser neuen Institution hängt allerdings von denen ab, die über Rückgaben bestimmen. Die Vitrinen und Depots müssten leerer werden, dann wäre auch Platz für den Dialog der Weltkulturen, den die zuständigen Kulturpolitiker und auch die Schlossherren so gern heraufbeschwören.

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