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KUNST Stella huldigt Kleist

aus DER SPIEGEL 12/2001

Die gemalten oder zu Reliefs gebogenen Formen wuchern wie eine bunte Unterwasser-Fauna, aber ihre Titel zitieren hohe Literatur: »Michael Kohlhaas«, »Kalenderbetrachtung«, »Der zerbrochne Krug«. So huldigt der amerikanische Künstler Frank Stella, 64, dem deutschen Dichter-Klassiker Heinrich von Kleist. Dessen poetisch verschachtelte Texte hat er - in Übersetzungen - schon als College-Student gelesen. Neuerdings, seit er öfter nach Deutschland kommt, inspirieren sie ihn zu eigenen Werken, schon mehr als 90. In Jena, wo Stella 1996 Ehrendoktor geworden ist und wo fünf seiner Monumentalskulpturen den Uni-Campus schmücken, wird nun erstmals ein Großteil der Serie ausgestellt (Jenoptik-Galerie und ehemalige Arbeiter- und Bauern-Fakultät; 25 März bis 4. Juni). Illustrationen Kleistscher Dramen, Novellen, Essays und Briefe sind kaum zu entdecken, doch Stella fühlt sich dem Dichter der Napoleon-Ära im Bewusstsein einer Umbruchzeit verbunden, ahmt seinen schwierigen Satzbau mit abstrakten Bildelementen nach und will »Metaphorik zum Fließen bringen«. Ein Riesen-Stück, die mehr als fünf Meter breite Collage »Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik« beschwört jene Himmelsmacht der Kunst, die in Kleists Legende einen Bildersturm verhütet.

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