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THEATER Stief-Enkel der Revolte

Mit einem kleinen, feinen Stück über die Liebes- und Lebenswirren einer Studentenclique landete die 26-jährige Laura de Weck einen Bühnenhit, der die Branche verblüfft. Wie viele junge Dramatiker kennt die Autorin die Theaterwelt von innen: Sie ist Schauspielerin in Hamburg.
aus DER SPIEGEL 16/2008

Das Handwerk des Stückeschreibens in unserer Zeit gleicht dem der Raketentechniker. Da schrauben, feilen und polieren die Dramatiker Monate und Jahre an den kompliziertesten Einzelteilen herum, um ein Vehikel in Gang zu bringen, wie die Welt noch keines gesehen hat - und am Ende verglüht das Produkt all dieser Arbeit am Tag des Starts in einem Schweif aus Feuer und Rauch auf Nimmerwiedersehen.

Denn die allermeisten neuen Theaterstücke, die heutzutage zur Uraufführung kommen, sind nach der Premiere nicht mehr wert als niederstürzender Raketenschrott. Wenn das neue Werk nicht gleich in der ersten Aufführung das Publikum verzückt (und im besten Fall auch die Kritik), dann findet sich oft kein Theater, das sich für die Zweitverwertung interessiert. Intendanten sind in erster Linie scharf auf frische Dichterware. Nur Uraufführungen locken die überregionale Kritik, verschaffen den Zuschauern den Spaß eines exklusiven Spektakels, beeindrucken die örtlichen Kulturpolitiker.

Es ist also schon ein eher seltener und sehr erfreulicher Fall, dass ein Stück in sieben, acht Schauspielhäusern aufgeführt wird wie das der jungen Schweizerin Laura de Weck. »Allein in den letzten zehn Tagen gab es drei Premieren. Eine in Zürich, eine in Göttingen, und eine sogar in St. Petersburg. Es ist eine Schande, dass ich zu keiner der drei hinfahren konnte!«

Das Stück, mit dem Laura de Weck ein schöner Coup gelungen ist innerhalb und neuerdings auch außerhalb der deutschsprachigen Theaterwelt, heißt »Lieblingsmenschen«. Es handelt von einem Haufen junger Studentinnen und Studenten und von den Flausen, dem Ehrgeiz und dem Sex, die sie so umtreiben. Die Helden plaudern in wechselnden Konstellationen über ihre Affären, den Prüfungsstress und andere weltbewegende Fragen.

Zum Beispiel über die, wie man dudenmäßig korrekt die Mehrzahl von Penis bildet. Oder über die, was »echte Arbeit« ist. Und über das Rätsel, warum sogenannte große Denker heutzutage oft an nichts Besseres zu denken haben als an »Drogen und Clubs und Kleidergrößen«. Das klingt alles ganz spaßig, doch am Ende des Stücks ist einer der Leute, von denen da die ganze Zeit die Rede ist, mausetot.

»Lieblingsmenschen« ist ein großartiges Stück mit leider leicht bescheuertem Titel. Als es im Mai vergangenen Jahres in Basel und Mannheim zeitgleich zum ersten Mal auf der Bühne zu sehen war, staunten die Zuschauer über die ultraknappen Grußrituale und Sätze, die sich die kaum erwachsenen, aber bereits tierisch ausgekochten Helden des Stücks an den Kopf warfen. Sie lachten über den präzisen Witz der Dialoge und einiger Szenen, die aus nichts als Handy-Kurznachrichten bestehen: SMS-Texte »Jura ist doch eh nur was für Spießer« werden auf der Bühne mal als Laufband-Botschaften eingeblendet, mal von den Schauspielern heruntergerappt. Und natürlich war auch die Zote »Lieber Arschficken als Kopfrechnen« ein Brüller.

So was sorgt für Streit unter Kritikern und Kulturpropheten. Die einen bejubelten Laura de Wecks Stück, das der Diogenes Verlag auch fix als Buch in den Handel brachte, als »Versprechen für die Theaterzukunft"*. Die anderen aber taten es als Eins-zu-eins-Realismus ab, der ja doch nur geschickt dem realen Studentenalltag abgelauscht sei. Der Basler »Lieblingsmenschen«-Regisseur Werner Düggelin, 78, ein berühmter Theaterhaudegen, widersprach diesem Banalitätsvorwurf, lobte die Poesie des Textes und die »große Sehnsucht«, die aus den Figuren spreche.

Auch die Autorin selbst wehrt sich heftig gegen die Unterstellung, sie schildere nur platt wirkliche Vorbilder und eigene Beobachtungen. »Realismus ist nicht mein Ziel beim Schreiben«, sagt de Weck mit ein wenig zorngerötetem Gesicht, »im Gegenteil. Mir geht es um Reduktion, um Rhythmus, um die Musikalität der Sprache. Mein Thema ist nicht das Porträt irgendeiner Generation, sondern ich zeige einfach ein paar Menschen, die nach einem Halt im Leben suchen, nach Freundschaft, nach Liebe, nach einem sinnvollen Beruf.«

Laura de Weck spricht solche Sätze mit einem freundlichen Ernst, der nicht schlaumeierisch wirkt, aber sehr selbstbewusst; und genau so redet sie von dem Beruf, den sie für sich als einzig passenden empfindet, »schon seit ich ein ziemlich kleines Kind war": von der Schauspielerei. Ihre Eltern - die Mutter illustriert und schreibt Kinderbücher, ihr Vater ist der in der Schweiz sehr prominente Journalist und ehemalige »Zeit«-Chefredakteur Roger de Weck - hätten das zunächst nicht ernst genommen. Aber nach dem Abitur, das die in Paris, Hamburg und in der Schweiz aufgewachsene Laura de Weck in Zürich ablegte, bewarb sie sich an einem Dutzend Schauspielschulen. Monatelang sammelte sie Absagen, »durch diesen Frust kapierte ich

immerhin gleich richtig, auf was ich mich da einlasse«. In Zürich, an der Hochschule für Musik und Theater, hat man sie dann genommen.

Seit 2005 ist sie fertig mit der Ausbildung, seit ein paar Monaten ist sie am Hamburger Schauspielhaus engagiert - und mit einer Begeisterung am Werk, die stark im Gegensatz zu stehen scheint zu der kühlen, fast mathematischen Gewandtheit ihrer Dialoge. »Als Dramatikerin bin ich mir meiner Sache sicher und blicke von außen auf meine Arbeit«, sagt sie, »als Schauspielerin fehlt mir diese souveräne Außensicht.«

In ihrer bislang aufregendsten Rolle trat Laura de Weck vergangenes Wochenende vors Hamburger Premierenpublikum; und weil es in der Kunst keine Zufälle gibt, handelt die Aufführung von ein paar jungen Menschen, die riesengroße Ideale im Kopf und tolle Gefühle im Herzen und eine schwer zu kontrollierende Geilheit in den Gliedern haben, was für einen von ihnen tödliche Folgen hat. De Weck spielt die weibliche Heldin in »Träumer«, einer Huldigung an das wilde Jahr 1968 in Paris, an das französische Kino, an die Kämpfer auf der Straße und an die sexuelle Libertinage jener Tage. Die Story beruht auf einem Roman von Gilbert Adair und wurde durch Bernardo Bertoluccis Verfilmung von 2003 berühmt.

Barfuß, die braunen Haare im Nacken hochgesteckt, mal in weißer Unterwäsche, mal im Bademantel, so schlendert Laura de Weck während der Proben ein paar Tage vor der »Träumer«-Premiere mit ihren beiden männlichen Mitspielern über die mit einem Sofa, einer Zinkbadewanne und einem roten Teppich möblierte Schauspielhaus-Bühne. Bilder vom Vietnam-Krieg werden an die Wand projiziert, Rocksongs plärren aus den Lautsprechern, der junge Regisseur Daniel Wahl mahnt die Schauspieler mit extrem hektischen Armbewegungen dazu, bloß nicht hektisch zu werden. Dann schiebt sich de Weck eine Sonnenbrille auf die Nase, stemmt die Arme in die Hüften, tritt an ein Mikrofon, in das sie mit einer tiefen Stimme, die gar nicht zu ihr zu passen scheint, einen Song über »Creamy Love« singt. Sehr cool, diese Schummerclubnummer wie aus einem Nouvelle-Vague-Film.

Die Energie der Revolte von 1968 imponiere ihr, sagt de Weck, die Beschwörung des Aufbruchs- und Gemeinschaftsgefühls lasse einen unwillkürlich denken, »dass man tatsächlich gern dabei gewesen wäre, so genau ich weiß, dass vieles die Hölle war«. Sie finde es schade, dass es für junge Menschen heute kaum etwas gebe, das sie auf die Barrikaden und zur politischen Aktion treiben könnte: »Ich würde wohl nur dann auf die Straße gehen, wenn es mich selber betrifft. Wenn zum Beispiel der Staat plötzlich alle Theater zusperren will.«

Anders als den Helden von 1968, den historischen und denen bei Adair und Bertolucci, fehlt der Dramatikerin de Weck das Vertrauen in Parolen und große Worte. Gerade das macht die Qualität ihrer Figuren aus. Sie pflegen Minimalkommunikation und Maulfaulheit als lässigen Lebensstil, ein wütend herausgeschnaubter Satz wie »Haltet eure dummen Kinderfressen!« markiert schon den maximalen emotionalen Ausbruch. Ansonsten werden auch große Sinnfragen gern in der Lakonie von »Weiß nicht« und »Vergiss es«, von »Ich wollte nur fragen« und »Ja ne, find ich auch« abgehandelt.

Es gibt wesensverwandte Schreiber wie den Norweger Jon Fosse, der bis vor kurzem ein vielgespielter Dramatiker war auf deutschen Bühnen mit existentialistisch kargen Stücken wie »Das Kind« oder »Traum im Herbst«. Und es gibt derzeit eine ganze Bande von jüngeren Dramatikerinnen wie Felicia Zeller oder Monique Schwitter oder Gerhild Steinbuch, die auffällig oft die Arbeit im Theater schon aus eigener Anschauung kennen, was einem Autor helfe, so de Weck, »das Überflüssige wie Szenenanweisungen und Erklärtexte wegzulassen«.

Vielleicht lernt man durch die Theaterpraxis auch, das Entertainment-Bedürfnis des Publikums zu achten. Doch bei allem Witz spüren ihre Figuren eine »Gefahr der Vernichtung« über ihrem Dasein schweben, wie es ein in »Lieblingsmenschen« zitierter Philosoph ausdrückt.

Im Mai wird wie jedes Jahr in Mülheim an der Ruhr das beste neue deutschsprachige Theaterstück gekürt, die Basler »Lieblingsmenschen«-Uraufführung ist natürlich im Wettbewerb; und ebenfalls im Mai wird im schweizerischen Chur das zweite Stück der Autorin Laura de Weck uraufgeführt.

Es heißt »SumSum«, ist ein schon vor dem Erfolg von »Lieblingsmenschen« in nur zwei Monaten hingefetztes Werk und handelt von einem jungen Kerl, der keine Frau findet und deshalb um die halbe Welt fliegt. Ausgerechnet in einem Sextourismusland hofft er auf das Glück mit einer Unbekannten, von der er nur ein Foto und den Vornamen kennt. Natürlich ist die Begegnung zweier vollkommen aneinander vorbeiplappernder Menschen erst mal saukomisch, zeigt aber auch das Männerelendsdrama eines Helden, der, wie es die Dramatikerin formuliert, »einfach spürt: Wenn er weiter allein bleibt, dann geht er vor die Hunde«.

Klingt schon wieder superbanal? Mal sehen, ob »SumSum« ebenfalls raketenmäßig loszischt oder nicht. So oder so gilt Bert Brechts ewige Theaterregel: »Will man Schweres bewältigen, muss man sich's leichtmachen.« WOLFGANG HÖBEL

* Laura de Weck: »Lieblingsmenschen - Ein Stück«. DiogenesVerlag, Zürich; 72 Seiten; 9,90 Euro.

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