Streit über größte deutsche Kulturinstitution Die "Titanic" unter den Stiftungen

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gilt als schwerfällig und unzeitgemäß - ein Gutachten fordert nun die Zerschlagung. Dahinter steckt auch politisches Kalkül von Kulturstaatsministerin Monika Grütters.
Eine Analyse von Ulrike Knöfel
Museumsinsel in Berlin: bürokratisches Ungeheuer im Untergang

Museumsinsel in Berlin: bürokratisches Ungeheuer im Untergang

Foto: Karl-Heinz Spremberg/ CHROMORANGE / imago images

Wie viele haben auf der Berliner Museumsinsel wohl schon die Büste der geheimnisvoll schönen Nofretete bestaunt oder den dramatischen "Kampf der Giganten" auf dem Pergamonaltar? Vielleicht auch Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer", dieses stimmungsvolle Gemälde, das zeigt, wie allein der Mensch letztlich ist? 1810 präsentierte es der Maler der Öffentlichkeit, sofort wurde es vom preußischen König erworben.

Mehr als 200 Jahre später ist der gemalte Mönch zusammen mit Millionen anderer Kulturgüter in einen unschönen Streit geraten, der von einer inhaltlichen Auseinandersetzung, aber auch von politischen Interessen bestimmt wird - man kann nur hoffen, dass die Kultur, um die gerungen wird, nicht dauerhaft darunter leidet. Und mit ihr der Ruf Deutschlands als Kulturnation.

Der Streit entzündet sich an einem aktuellen Gutachten eines Expertengremiums, das, obwohl es erst am Montag offiziell vorgestellt werden soll, schon jetzt für Aufregung sorgt, weil ein Entwurf geleakt wurde; als erstes lag der "Zeit"  eine Vorabfassung vor. 2018 hatte die Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, den Wissenschaftsrat um dieses Gutachten zur Arbeit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) gebeten: Deutschlands größte Kulturstiftung betreut unter anderem die Sammlungen auf der Museumsinsel und am Kulturforum.

Monika Grütters bei einem Ausstellungsbesuch im Mai: Ihre Kulturpolitik wirkt stets gönnerhaft, sie verteilt die ihr zur Verfügung stehenden Milliarden mit großer Geste, schafft Abhängigkeiten, zähmt den Betrieb

Monika Grütters bei einem Ausstellungsbesuch im Mai: Ihre Kulturpolitik wirkt stets gönnerhaft, sie verteilt die ihr zur Verfügung stehenden Milliarden mit großer Geste, schafft Abhängigkeiten, zähmt den Betrieb

Foto: Jens Kalaene/ picture alliance/ dpa

In ihrer ursprünglichen Gestalt war die SPK, die 1957 gegründet wurde, als Übergangslösung bis zu einer erhofften Wiedervereinigung vorgesehen. Sie sollte die Hüterin jener Kulturschätze sein, die einst dem Staat Preußen gehört hatten - oder wenigstens von dem, was nach Kriegsende im Westen Deutschlands noch vorhanden war. Nach der Einheit dann wurden Einrichtungen im Osten der Stadt eingemeindet.

Immerhin beschäftigt die SPK 2000 Mitarbeiter, 2020 darf diese bundesunmittelbare Stiftung laut Haushaltsplan 335 Millionen Euro ausgeben. 15 museale Sammlungen werden insgesamt von ihr betreut, ihr Bestand umfasst 4,7 Millionen Objekte. Außerdem sind unter ihrem Dach das Geheime Staatsarchiv, das Ibero-Amerikanische Institut und das Staatliche Institut für Musikforschung und die Staatsbibliothek angesiedelt, die heute über elf Millionen Bücher verfügt.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Kritik an der SPK, die in ihrer Hierarchiegläubigkeit oft kafkaesk und zugleich schwerfällig wirkt. Auch fühlen sich Besucher in den Berliner Museen oft geradezu unwillkommen, das Ausstellungsprogramm übt wenig Anziehungskraft aus. 

Über die Besucherzahlen der SPK-Museen können Direktoren in London und Paris nur milde lächeln.

Das aktuelle Gutachten legt nun aber sogar eine Zerschlagung dieser Megastiftung nahe, eine Aufteilung in vier Bereiche, es moniert ausufernde, bürokratische Strukturen. Durch den Leak gelangten Schlüsselbegriffe aus der Vorfassung in die Welt. Eine Vokabel lautet "konfliktanfällig", eine andere "dysfunktional".

Die Kritik zielt auch darauf ab, dass Deutschland zwar reich an Kultur ist, aber offenbar nicht in der Lage, diesen Reichtum auch zu zeigen. Zum Bestand der Gemäldegalerie am Berliner Kulturforum gehören zum Beispiel Bilder von Dürer, Caravaggio, Rembrandt, Vermeer. Doch keines ist ein Magnet wie die "Mona Lisa" des Louvre. Über die Besucherzahlen der SPK-Museen können Direktoren in London und Paris nur milde lächeln. 2019 kamen alle Häuser der SPK auf 4,1 Millionen Besucher - allein der Louvre empfängt pro Jahr rund zehn Millionen Gäste.

Das Kuriose an der aktuellen Situation: Dass die Stiftung dieser Tage als Titanic unter den Kultureinrichtungen wahrgenommen wird, als bürokratisches Ungeheuer im Untergang, ist wohl durchaus im Sinne der obersten Kulturpolitikerin im Lande.

30 Jahre nach der Wiedervereinigung stellt Grütters die Frage, ob diese Preußenstiftung noch zeitgemäß ist. Eine solche Frage ist stets mehr als berechtigt, gleichzeitig vernebelt sie aber auch ein politisches Manöver: Der CDU-Politikerin wird schon länger nachgesagt, auf die Entmachtung des SPK-Präsidenten Hermann Parzinger aus zu sein. Jetzt steuert sie von ihrem Büro im Kanzleramt aus offenbar eine geradezu historische (und historisch heikle) Operation: die SPK auf Grund laufen zu lassen und selbst als Retterin der Hauptstadtkultur in die Geschichte einzugehen.

Grütters-Gegenspieler Hermann Parzinger: "guter Ansprechpartner"

Grütters-Gegenspieler Hermann Parzinger: "guter Ansprechpartner"

Foto: Gregor Fischer/ picture alliance/ dpa

2019 widersprach Grütters öffentlich dem Verdacht, sie könne eine Zerschlagung der Stiftung im Sinn haben. Tatsächlich wird die nun aber im Gutachten skizziert. Die Beschreibung einer nicht funktionierenden Großorganisation dürfte Kulturstaatsministerin Grütters als Initiatorin des Gutachtens jetzt entgegenkommen - dieses Verdikt wirkt wie eine Bestätigung ihres Antrags auf Evaluierung.

Großzügig konnte sie in den vergangenen Tagen sogar versichern, dass es so schlimm schon nicht kommen werde. Nur ist Grütters selbst auch ein wichtiger Teil dieser Struktur, denn als Beauftragte der Regierung für Kultur und Medien sitzt sie automatisch dem Stiftungsrat der SPK vor. Bei ihrer Berufung zur Kulturstaatsministerin 2013 waren die Probleme der SPK längst bekannt und wurden seitdem nicht weniger. Tatsächlich hätte sich längst einiges ändern müssen.

Aus den Museen ist zu hören, dass man sich eine Umstrukturierung durchaus vorstellen könnte: Man sehe etwa keinen Sinn darin, etwa mit der Staatsbibliothek gemeinsam verwaltet zu werden. In der schieren Größe des Zusammenschlusses liege tatsächlich ein wesentlicher Nachteil. Immer habe irgendein anderes Projekt, ein anderes Problem Vorrang. Vieles, was wichtig ist, gehe unter im Gewirr der Zuständigkeiten, der Priorisierungen. Als eines der Sorgenkinder gilt das Museum Berggruen, die Schwierigkeiten sind vielfältig und vertrackt – doch ist die Institution ohnehin längst aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden.

"Warum sollte man einfach die Weltmarke SPK zerstören?"

Das Gutachten, sagt Grütters, solle eine Chance sein. Allerdings ist es genauso eine Chance für sie, sie lenkt mit der großen Geste, die diese Evaluierung bedeutet, von ihren eigenen Versäumnissen ab. Grütters beaufsichtigt den Koloss seit sieben Jahren und hat ihn selbst noch vergrößert. Gegen viele berechtigte Einwände hat sie durchgeboxt, dass die SPK ein Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts baut – und das sogar für etwa 250 Millionen Euro mehr als ursprünglich angekündigt. Längst kursiert für das Projekt der Begriff "Grüttoleum".

Praktisch ist die Zerlegung der SPK eine komplizierte Angelegenheit. Denn dafür müsste sich auch ein Gesetz aus dem Jahre 1957 mitauflösen, das die Gründung erst ermöglichte. Die Bundesländer, die die Stiftung mittragen und sie über Sitze im Stiftungsrat mitbeaufsichtigen, müssten sich ein Stück weit zurückziehen und einer Neuausrichtung der deutschen Kultur zustimmen. Dem Vorschlag der Experten zufolge sollen sie künftig immerhin auf viel Einfluss bei den betroffenen Institutionen verzichten und so den Föderalismus ein Stück weit aufgeben. Geködert werden sollen sie mit der Aussicht, sich nicht mehr finanziell beteiligen zu müssen.

Dazu kommt noch eine andere Pointe: Die Infragestellung der SPK durch Grütters ließe sich durchaus auf andere Projekte übertragen, etwa auf das von ihr so gehätschelte Humboldt Forum. Das soll ins rekonstruierte Stadtschloss ziehen, und ausgerechnet in diesem wiederhergerichteten preußischen Ambiente werden auch Exponate aus einer kolonialen Vergangenheit zu sehen sein.

Das Humboldt Forum ist Teil einer eigenen Stiftung, geführt von einem Generalintendanten, es darf aber auf die Bestände zweier Museen der SPK zurückgreifen - und womöglich geht das in einer neuen Struktur leichter. Niemand muss sich dann noch mit dem großen Tanker SPK auseinandersetzen, sondern nur mit einem kleinen Boot, das mehr denn je vom Bund auf Kurs gehalten wird. So stärkt die Schwächung der SPK Grütters' Vorzeigeprojekt im Schloss.

Schon werden Stimmen laut - etwa bei den Kulturexperten der Grünen - die sagen, Grütters wolle nur den Einfluss des Bundes auf den Kulturbetrieb vergrößern. Und ja: Man könnte tatsächlich den Eindruck haben, dass Grütters eine Kultur von oben etablieren will, einen neuen Kulturabsolutismus. Ihre Kulturpolitik wirkt stets gönnerhaft, sie verteilt die ihr zur Verfügung stehenden Milliarden mit großer Geste, schafft Abhängigkeiten, zähmt den Betrieb (so finanziert ihre Behörde seit 2017 etwa eine Juniorprofessur an der TU in Dresden, wo auch die Vorsitzende des Evaluierungsgremiums lehrt). Im Juli 2018 wurde der Wissenschaftsrat gebeten, eine Arbeitsgruppe zur SPK zu bilden, alle möglichen Fragestellungen wurden mitgeliefert. Die Motive der Antragstellerin waren kein Gegenstand der Untersuchung. 

Die SPD-Politikerin und Staatsministerin Michelle Müntefering ist für die Kulturpolitik des Auswärtigen Amtes zuständig. Sie sieht die Ergebnisse der Beurteilung kritisch. Sie sagt, ihr Ministerium habe in der SPK und deren Präsidenten Parzinger einen guten Ansprechpartner. Reformen seien zwar notwendig, eine wie jetzt in der Presse diskutierte Zerschlagung aber der falsche Weg – "denn warum sollte man einfach die Weltmarke SPK zerstören?" Eine massive Neuorganisation, wie sie gerade diskutiert werde, wäre außerdem für Jahre eine Hauptaufgabe und binde viele Energien, anstatt notwendige Entwicklungen wie etwa eine offensivere Digitalisierung der Archivbestände zu fördern.

Vieles an den Vorgängen ist fragwürdig: Bei den Evaluierungen des Wissenschaftsrates hat auch die Politik mitzureden. Auch den Entwurf zum SPK-Gutachten haben etliche Vertreter von Bund und Ländern vorgelegt bekommen und ihn dann in einer (virtuell abgehaltenen) Vollversammlung diskutiert - der Wissenschaftsrat atmet selbst noch den Geist der Fünfzigerjahre, als er gegründet wurde. Nun soll er über die Zukunftsfähigkeit der gleich alten SPK entscheiden.

Ganz gleich, was sich am Ende wirklich verändert: Das Image der größten deutschen Kulturinstitution ist endgültig nicht mehr zu retten. Ob die angestrebte Kleinteiligkeit die Lösung ist? Auf die Idee, sich vierzuteilen, würde ein Louvre jedenfalls nicht kommen. Der versucht sich seit Jahren in der Expansion.