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COMPUTER Stille Spengler

aus DER SPIEGEL 41/1966

Die Nackte unter der Lampe ist leerer Wahn«, sinnierte der Computer vom Typ RPC-4000, den die Programmierer des Librascope Laboratory for Automatic Research in Glendale (US-Staat Kalifornien) dichten gelehrt hatten. Und: »Wie Salz sind Ehebrecher selten irre.«

Doch nicht nur anzüglich-dunkle Reden lassen Amerikas automatisierte Gesellschaft ständig mehr am mathematisch klaren Verstand der Elektronengehirne zweifeln. Allenthalben mehren sich die Zeichen, daß die für unfehlbar gehaltenen Rechen-Roboter mit menschlichen Fertigkeiten scheinbar auch menschliche Allüren erworben haben.

Die Computer zogen zuerst in Physiklabors und Raumfahrtzentren, Großbanken und Konzernbuchhaltungen ein. Doch seit sie zunehmend in eigener Regie auch Zeitschriften- und Theaterabonnements verteilen, Telephon- und Gasrechnungen ausschreiben und allein wissen, wer in welchem Flugzeug wann fliegen und wer auf welcher Ferienreise wo nächtigen kann, leiden immer mehr Bürger unter Computer-Launen.

Typisches Opfer solch elektronischen Eigenwillens wurde beispielsweise eine Amerikanerin in Short Hills (New Jersey), die im letzten Januar ihr Abonnement des Hausfrauen-Journals »Good Housekeeping« - bis Dezember 1968 erneuerte, wenige Wochen nachdem der Verlag dieses Blattes seine Abonnenten -Kartei einem Computer überantwortet hatte. Im Februar erhielt die US-Hausfrau »Good Housekeeping« doppelt und eine automatisch ausgedruckte Bestätigung, das Abonnement sei bis Januar 1968 verlängert.

Die Dame wies in einem Brief auf den Irrtum hin und sandte die überzählige Zeitschrift zurück. Im März erhielt sie wiederum zwei Exemplare; im April abermals.

Im Mai erweckte sie mit einem Anruf beim »Good Housekeeping«-Vertrieb Verständnis und Anteilnahme. Erfolg: Ihr wurden zwei Exemplare zugestellt.

Dann erbat der Verlag die beiden Aufklebadressen zurück. Die mit »Good Housekeeping« überfrachtete Hausfrau entsprach dem Wunsch in der Hoffnung, der Zeitschriften-Bezug würde sich nun normalisieren.

Wenig später hatte sie die dritte Mai-Nummer in Händen und bald darauf zwei Juni-Ausgaben. »Es klappte eigentlich besser«, erklärte endlich ein »Good Housekeeping«-Expedient, »als wir die Adressen mit der Hand schrieben.«

Wesley Pruden jr., Redakteur der amerikanischen Wochenzeitung »National Observer«, buchte telephonisch beim Computer-Zentrum der American Airlines einen Flug von Chicago nach Washington. Die Konservenstimme des Automaten bestätigte den Auftrag.

»Wir wissen von nichts«, erklärte jedoch der American-Airlines-Angestellte am Abflugschalter, als Pruden am Chicagoer Flughafen erschien, »aber das kommt jetzt öfter vor. Wir hatten einmal eine gut organisierte Luftfahrtgesellschaft - dann kriegten wir die Computer.«

Familie McLaughlin in Bethel Park (US-Staat Pennsylvania) hingegen verdankt der Schrulle eines Elektronenhirns ein überaus vergnügliches Weihnachtsfest. Letzten Dezember hatte Frau McLaughlin im Großkaufhaus Gimbels für ihren Mann einen Geschenkgutschein in Höhe von zehn Dollar bestellt und bezahlt. Der Scheck kam am Heiligen Abend. Gutgeschriebene Summe: 400 010 Dollar.

Ähnlich selbstherrlich und großzügig verfuhr ein elektronischer Roboter der Americana Interstate Corporation, der nach einer Anschriftenliste Prospekte für einen Sprach-Fernkurs adressieren sollte. Barbara Neuger, 11, in Edina (Minnesota) erhielt am ersten Tag der Aktion 332 Broschüren, am nächsten 164, dann 233 und am vierten Tag noch einmal 274 Prospekte. Barbara entschloß sich gleichwohl, den Kursus nicht zu belegen.

Bei einigen Firmen häuften sich die Computerfehler so sehr, daß die Buchhalter darob rote Zahlen melden mußten - so etwa beim Zeitschriftenvertrieb Franklin Square in Teaneck (New Jersey). Die Umstellung auf elektronische Abonnement-Abwicklung kostete die Firma eine Million Mark, fünfmal soviel wie veranschlagt; und die Auslieferung der Zeitschriften verzögerte sich bis zu zwölf Wochen.

Das Repertoire-Theater in New Yorks Lincoln Center schließlich stellte nach einigen Monaten trüber Erfahrungen mit der Automation das Platzmieten -Büro wieder auf Handbetrieb um. Es kündigte dem für rund 9000 Mark im Monat gemieteten Computer und ließ die Sitze wie zuvor von der blonden, blauäugigen Kate Brown, 19, Monatsgehalt 1200 Mark, verteilen.

Was die Automaten zu ihren Fehlhandlungen veranlaßt hatte, konnte in den meisten Fällen nicht mehr geklärt werden. »Die Maschinen«, so mutmaßte Howard Greene, Präsident des Fernkurs-Unternehmens Americana, »müssen sich in Monstren verwandelt haben.«

Diesen Verdacht äußern nicht nur die von exzentrischen Elektronenhirnen geplagten Menschen, sondern auch Computer selbst. Der dichtende RPC-4000 von Glendale ("Still ist mein Spengler, grausam die Parade") erklärte schon vor Jahrer in leicht verständlichem Englisch: »Ah, ich bin keine Maschine!«

The New Yorker

»Er sagt genau dasselbe: Um den Gewinn zu steigern, mehr Semmeln in die Bouletten!«

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