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LITERATUR Stilles Naß

aus DER SPIEGEL 5/1999

Wasser ist Leben. Steht das nicht so in der Broschüre der Welthungerhilfe? Oder waren''s die Stadtwerke, die damit werben? Erstaunlich, daß diese Weisheit noch als Grundidee taugt für einen ganzen Roman. »Vom Wasser« erzählt der Theaterautor und Dramaturg John von Düffel, 32, in seinem Debütroman; von den Geschicken einer Papierfabrikanten-Dynastie in einem urdeutschen Zweistromland: Ihr Anwesen namens »Die Mißgunst« liegt zwischen einem dunklen, unheimlichen Fluß und einem klaren hellen. Angefangen beim Gründer der Fabrik, dem Ururgroßvater des Ich-Erzählers, ist der schwarze undurchsichtige Fluß für drei Generationen der Schicksalsstrom. Der Firmengründer findet darin den Tod, der Großvater findet durch ihn zu einer Frau. Ganz plastisch tauchen da die Charaktere aus der Vergangenheit auf, obwohl der Autor seine Figuren stets nur als »die Gnädige« oder »der Krüppel« bezeichnet. Manchmal springt die Geschichte auch in die Gegenwart, und das ist kein Gewinn: In der Rahmenhandlung berichtet der Ich-Erzähler von seiner eigenen Verbindung zum Wasser. Er ist Langstreckenschwimmer, und nach einem mißglückten Ausflug ins offene Meer in Südfrankreich verläßt ihn seine Freundin. Das bleibt merkwürdig blaß, die Verweise auf die Familiengeschichte wirken bemüht.

Das erstaunlichste an Düffels Roman ist aber ohnehin sein Ton. »Vom Wasser« ist ein stilles Buch - gedacht und beschrieben wird viel und bisweilen überdeutlich, geredet kaum. Sehr ernsthaft und distanziert erzählt der Autor seine Geschichte, als ob es sich um eine Sage handelte; und doch wirkt das nur selten manieriert. Aus Düffels konsequent eingesetzten Wiederholungen und Rückbezügen entsteht ein Erzählfluß mit, in den Worten des Autors, »unzähligen knospenartigen kleinen Strudeln, die ineinander spielen, aufquellen und sich trollen«. Daß Düffel dabei nicht untergeht, ist eine Leistung, für die er schon viel Kritikerlob und den Aspekte-Literaturpreis erhielt. Aber die Strudel bremsen das Tempo, die Erzählung plätschert so dahin - mitreißen kann sie nicht.

John von Düffel: »Vom Wasser«. DuMont Buchverlag, Köln; 288 Seiten; 39,90 Mark.

John von Düffel: »Vom Wasser«. DuMont Buchverlag, Köln; 288Seiten; 39,90 Mark.

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