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BUCHMESSE Stilles Verschwinden

Barbara Gowdy erzählt von einem Mädchen, das dem Adoptivsohn der Nachbarn verfällt
aus DER SPIEGEL 41/2003

Die Geschichte von Barbara Gowdys neuem Roman ist in ihren Umrissen ziemlich gewöhnlich und ziemlich traurig; es ist die einer großen, gescheiterten Liebe. Ihre Protagonistin, das Mädchen Louise, wächst in einem Randbezirk von Toronto auf, unter ebenjenen Umständen, die in den sechziger und siebziger Jahren schon keine Ausnahme mehr sind: als Einzelkind in einer Kleinfamilie - der Vater ist freundlicher Angestellter, die Mutter hat die beiden verlassen, das Leben geht trotzdem weiter.

Als neue Nachbarn kommen, »die Deutschen« genannt, regt sich Louises Phantasie, und sie verfällt der sonderbaren, temperamentvollen Mrs. Richter, schreibt ihr die »allerbesten Eigenschaften zu: Freundlichkeit, Weisheit, Tapferkeit«. Sie wünscht sich, dass Mrs. Richter sie - die mutterlose, begabte, einsame Louise - aufnimmt und adoptiert, so wie das Ehepaar Richter den Jungen Abel adoptiert hat, der ihnen Kummer macht mit seinem stillen Eigensinn und seiner Eigenbrötelei und der sie zugleich erfreut durch seine Begabung und eine erstaunliche Sanftmut.

Wege, Umwege der Liebe: Das Mädchen Louise nähert sich Abel, um dessen Mutter nahe zu sein, und als die hormonelle Entwicklung sie überholt, verliebt sie sich in den Jungen. Es wird keine glückliche Geschichte. Die friedvolle Wehrlosigkeit Abels, sein vertrödeltes Leben in Bars und WGs, seine melancholische Trunksucht reizen Louise im doppelten Sinn, aber ihre Entschiedenheit siegt. Sie liebt nicht die ganze Welt, sondern allein diesen Mann; seine passive Hingabe an alles, was ist, verletzt ihren Besitzerstolz.

Fliehen hilft nicht: Die junge Frau wählt ein stilles Verschwinden in unauffälligen Jobs, eine eigene kleine Wohnung, eine irgendwie passende Partnerschaft - bis sie an einem unruhigen Abend, von ihrem zähen Elend getrieben, doch noch einmal ans Telefon geht, die eine, entscheidende Nummer wählt und sich damit dafür entscheidet, ihre erkämpfte routinierte Zufriedenheit der nötigen Tragik zu opfern.

Gowdy, 53, erzählt in einer leuchtend klaren Sprache, makellos übersetzt. Es gibt Hinweise genug, die eine Lektüre des Romans als Parabel erlauben. Und doch ist es wie bei allen guten Romanen: eine zusätzliche Freude, die nichts am ursprünglichen Vergnügen ändert. ELKE SCHMITTER

Elke Schmittler
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