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FILM Stimmenthaltungen

»Mel Brooks« letzte Verrücktheit -- Silent Movie«. Spielfilm von Mel Brooks. USA 1976; Farbe; 87 Minuten. »Der erotische Zirkus«. Spielfilm von Jérome Savary und Roland Topor. Frankreich 1975; Schwarzweiß; 87 Minuten.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Mel Brooks« bisher unverschämt lustigster Film, »Blazing Saddies«, wurde für Deutschland mittels der landläufigsten Methode gekillt: durch Synchronisation. Für seinen jüngsten Film, »Silent Movie«, steht ein derartiges Mordverfahren mangels Masse nicht zur Verfügung -- das Werk ist, wie sein Originaltitel besagt, stumm.

So blieb dem deutschen Verleih nichts anderes übrig, als nach der einzigen sprachlichen Blöße, die der Film für einen Anschlag bot, zu suchen. Und die war im Titel rasch gefunden. Statt unter dem lakonischen Namen »Stummfilm« wird dem deutschen Kinogänger das Werk mit dem humoristischen Vorschlaghammer »Mel Brooks« letzte Verrücktheit« nahegebracht.

Dabei hat »Silent Movie«. der seinen laufenden Bildern ein anachronistisches Verstummen beibringt, mit jenen gönnerhaften Haha-Späßchen geschwätzig gewordener Filmzeiten über die Stummfilmvergangenheit ("Es darf gelacht werden") nichts gemein.

»Silent Movie« ist ein Film über den Film; ein wahnwitzig komischer Kommentar ohne Worte zu dem Hollywood der bramabarsierenden Filmindustrie. Die anarchisch alberne Story erzählt mit einem Stummfilm, wie ein Stummfilm gedreht wird, der eine sieche Hol-

* Mit Dom DeLuise, Marty Feldman, Mel Brooks

lywood-Firma retten und vor dem raffigen Zugriff eines Film-Multis bewahren soll. Dabei hat Brooks (er spielt den Suff-bedrohten Regisseur in dem unvergleichlichen Freundestrio mit Marty Feldman, dessen beredter Basedowblick hier vor allem sexuellen Überdruck ausspricht, und mit Dom DeLuise. der als fülliger Phlegmatiker zum stummen Bauchredner avanciert) eine Einsicht des Stummfilms wiederbelebt und neu entdeckt: daß nämlich im technischen Wirbel der Slapstick-Komik die Helden als eine Art Sand im Getriebe funktionieren.

Wie Chaplin in den »Modern Times« als eine Art letzter Mensch über die Fließbänder und durch die Maschinen gedreht wurde, als letzte Tücke gegen die Übermacht der Objekte, so veranstaltet auch Mel Brooks den Hollywood-Betrieb vorwiegend zu dem Zweck, um seine glorreichen Drei mit den alten stummen Waffen gegen die modernen Zeiten angehen zu lassen.

Stummfilm, das ist immer auch eine sentimentale, durch Komik erträglich gemachte Variante des David-und-Goliath-Kampfes, wobei die Technik, also auch die Filmtechnik, den Part des Goliath spielt.

Die Drei, die ausziehen, das gute alte Kino gegen die modernen Großfabrikanten zu retten, sind bei ihren Filmplänen von zwei Seiten bedroht. Denn der Feind lauert nicht nur draußen, in der Aufsichtsratssitzung, sondern auch, als alter Adam, drinnen. Als es dem Konzern nicht gelingt, den geplanten Stummfilm zu Fall zu bringen, wollen sie den Regisseur mit Sex außer Gefecht setzen. Und als der Sex nichts bewirkt, wird der Alkohol zur letzten Waffe: Als der Regisseur erfährt, daß ihn sein blondes Gift nur zu liehen scheint, weil es einen Scheck dafür erhalten hat, verfällt er seinem alten Laster, dem Alkohol.

Auch das erinnert an Chaplins Methode: Mel Brooks verhöhnt mit seiner scheinbar tränentriefenden Seifenoper-Geschichte das puritanische Feindbild Amerikas und dekuvriert mit dem vorgeblich hochmoralischen Handlungsablauf die im Zuschauer hervorgerufene Melodram-Entrüstung als heimlich voyeuristische Lust.

Auch diese Schlüsselloch-Neugier transformiert er vom Auge aufs Ohr. Marty Feldman spielt offenkundig einen Perversling. Denn immer wieder sieht man ihn sich wortreich an kurvenreiche Damen ranmachen. Was er ihnen vorschlägt, hört man nicht, kann es sich aus den Reaktionen zusammenreimen. Denn er bekommt stets als Quittung für seine Vorschläge eine gescheuert -- bis er am Ende (auch dies eines der Happy-Ends des Films) mit seinen Angeboten an die Richtige gerät, die ihm nickend zustimmt.

Natürlich ist Brooks« Film auch eine stilistische Attacke auf die Zeitstimmung der Nostalgie; der Film öffnet dem gerührten Modeblick zurück die Augen darüber, (laß die Sehnsucht nach gestern eigentlich auch den technischen Komfort von heute zurückerstatten müßte -- auch deshalb wird der Dialog an der Garderobe abgegeben.

Und »Silent Movie« ist schließlich das ehrgeizige Produkt eines sprach- und gagvernarrten Komikers, der die Redensart satirisch beweisen möchte, daß Michelangelo auch ein großer Maler geworden wäre, wenn er keine Hände gehabt hätte.

Der Franzose Jérome Savary, der mit seinem Grand Magic Circus ein Theater betreibt, das seinen Reichtum aus der »Armut«, seinen Glanz aus der Schäbigkeit entwickelt, hat gemeinsam mit dem Albtraum-Cartoonisten Roland Topor ebenfalls einen Stummfilm gedreht, für dessen deutsche Aufführung erst der Clinch des Verleihers mit der Freiwilligen Selbstkontrolle (siehe Seite 225) überstanden werden muß.

Der Film, dessen französischer Titel (Die Tochter des Bahnschrankenwärters) die gemeinte Assoziation zum Küchenmädchenroman der Jahrhundertwende deutlicher macht als der deutsche Sexfilmtitel, erzählt von Liebe und Treue. Der Vagabund und die soeben geschändete Bahnwärterstochter treffen einander auf der Landstraße und lieben sich auf den ersten Blick. Doch das Mädchen wird in ein Bordell verschleppt, der Liebhaber landet nach vielen Irrfahrten als Ölscheich im Orient -- am Ende triumphiert die Beständigkeit der Liebe.

Savarys Film, nicht nur stumm, sondern auch in Schmuddel-Schwarz-Weiß gedreht, kontert den vor Trivialität triefenden Rührkitsch mit einer rüde kasperlehaften Porno-Gymnastik.

Die Beweisführung dabei ist ebenso klar wie komisch: Der Film zeigt, daß die verlogene Sentimentalität des Kleinbürgers gewissermaßen der Schonbezug über seiner plüschig sprungfederhaften Porno-Innenausstattung ist. Auch hier bestimmt die anarchische Attacke auf die nostalgischen Boudoir-Ecken der Gemütswelt den Stil.

So schön es jedoch ist, daß Savary die männlichen Glieder zu Wunsch-Lind Albtraumlängen dehnt, so sehr bedauert man, wenn auch der Film sich zur Überlänge streckt. Schnitte würden lohnen -- wenn auch nicht an den von der Selbstkontrolle angeregten Stellen. Hellmuth Karasek

Hellmuth Karasek
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