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LÜTZKENDORF Stirn der Zeit

aus DER SPIEGEL 46/1965

Nach Rolf Hochhuth ("Der Stellvertreter"), Heinar Kipphardt ("Joel Brand"), Peter Weiss ("Die Ermittlung") und Wolfgang Graetz ("Die Verschwörer") gibt es nun noch einen Dokumentar-Dramatiker: Felix Lützkendorf, 59.

Am Dienstag voriger Woche setzte das »Grenzlandtheater des Landkreises Aachen« Lützkendorfs ersten »szenischen Bericht« erstmals in Szene. Titel: »Dallas - 22. November«. Held: der Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald.

Die Frankfurter »Abendpost« registrierte »betroffenes Schweigen«.

Informiert durch den »Warren Report über die Ermordung des Präsidenten John F. Kennedy«, läßt Lützkendorf den Oswald reden, schießen und sterben. Der Präsident erscheint nur als Dia-Projektion.

Die Szenerie ist ein Tribunal: Auf der Hinterbühne sitzt eine Kommission, auf der Vorderbühne reproduzieren Zeugen in Rückblenden ihre Begegnungen mit Oswald.

Der Warren Report konnte über Oswalds Motive zu »keinem endgültigen Schluß gelangen«. Lützkendorf sieht klarer: »Das Attentat ist der Aufstand eines Schlüsselkindes.« Noch klarer sah, nach Rücksprache mit dem Hamburger Psychiater Wulf Wunnenberg, Regisseur Heinz Menzel, 49: Oswald mordete aus sexueller Angst vor seiner Frau.«

Die sozialkritische Sicht begründet der Autor mit seiner sozialistischen Vergangenheit. Der sächsische Drogistensohn Lützkendorf war Jungwandervogel bei der sozialistischen Jugend.

Von der bündischen Lagerfeuerromantik zog es ihn zu Hermann Hesses »knäbischer Lust am Zündeln": Der Germanistik-Student Lützkendorf schrieb 1931 seine Doktorarbeit über

»Hermann Hesse - Beziehungen zur Romantik und zum Osten«. Der erfreute Hesse ließ die Arbeit auf eigene Kosten drucken.

Als Deutschland erwachte, regten sich im Sozialisten Lützkendorf nationale Gefühle. 1937 wurde er Chefdramaturg der Berliner. Volksbühne und Drehbuch-Autor der von Joseph Goebbels dirigierten- staatlichen Filmproduktion

Zwischen 1937 und 1941 schrieb Lützkendorf Drehbücher für 14 Filme. Zehn inszenierte Karl Ritter - Star-Regisseur der NS-Filmzeit. Fünf Lützkendorf-Filme rechnet nun der Duisburger Film-Wissenschaftler Gert Berghoff »zu den gefährlichsten und übelsten Propaganda-Filmen des Dritten Reiches«

- »Wunschkonzert« mit Carl Raddatz und Ilse Werher. Held und Mädel finden sich über den Großdeutschen Rundfunk wieder. Berghoff: »Propaganda und Seelenschmalz.«

- »Kadetten« mit Mathias Wieman. Kosaken entführen preußische Kadetten. Berghoff: »Antibolschewistisch mit Durchhaltetendenz.«

- »Über alles in der Welt« mit Carl Raddatz. Schicksal Auslandsdeutscherscher bei Kriegsausbruch. Berghoff: »Antisemitisch, antibritisch, antifranzösisch.«

- »Stukas« mit Carl Raddatz und O. E.

Hasse. Die Oper »Parsifal« in Bayreuth macht einen zweifelnden Stuka-Flieger wieder frontfreudig. Berghoff: »Kriegshetzfilm.«

- »GPU« mit Will Quadflieg. Ein Student soll in den Dienst der sowjetischen Geheimpolizei gepreßt werden. Berghoff: »Antibolschewistisch und antisemitisch.«

Lützkendorf heute: »Der Film interessierte mich als Form, es war Goldschmiedearbeit.« Die Stoffe wurden, so der Goldschmied, von der Ufa-Dramaturgie vorgearbeitet und verteilt. Lützkendorf: »Ich mußte Anweisungen ausführen und Dialoge schreiben. Von einem gewissen Punkt an gab es kein Zurück mehr, obwohl ich ein Unbehagen empfand.«

Das Unbehagen an Lützkendorfs Filmschaffen blieb nicht auf Lützkendorf beschränkt, als er nach dem Krieg wieder Drehbücher schrieb: In Filmen wie »Sauerbruch«, »Konsul Strotthoff«, »Preis der Nationen«, »Made in Germany« und »Anders als Du und Ich« (Regie: Veit Harlan) erkannte Lützkendorf-Kenner Berghoff »Spät-Ufa-Stil« und »nazistische Gedanken-Schemata« wieder.

Lützkendorfs Vorliebe für »wirklich starke Szenen« blüht auch im Bühnenstück »Dallas - 22. November": Martialisches Düsenjäger-Röhren verabschiedet Oswald vom Militär wenn er sich im Moskauer »Hotel Berlin« selbstmörderisch die Pulsader ritzt, wird Ufadramatisch Bach gegeigt; und zum Schluß bläst eine Trompete das Thema aus dem US-Heroenfilm »Verdammt in alle Ewigkeit«.

Nibelungenhafte. Schicksalsklage stimmt der neue Dokumentator erst im Nachwort zum Drama an. Lützkendorf: »Das große Warum, unsere ewige Frage, brennt auf der Stirn der Zeit.«

»Dallas«-Dramatiker Lützkendorf

»Oswald mordete ...

Oswald-Darsteller Wennemann

... aus sexueller Angst vor der Frau«

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