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Störfall bei Rita Süssmuth

aus DER SPIEGEL 33/1988

Gleich nach der Rückkehr aus ihrem Urlaub muß Bundesjugendministerin Rita Süssmuth über Literarisches befinden: Seit fast vier Monaten brüten ihre Beamten über dem Roman »Die Wolke« von Gudrun Pausewang, den eine Jury für den Deutschen Jugendliteraturpreis vorgeschlagen hat. Das brisante Werk fußt auf detaillierten Studien des Hiedelberger Ifeu-Instituts und schildert einen fiktiven Störfall im Atomkraftwerk Grafenrheinfeld aus der Perspektive zweier Kinder. Es passiert, fünf Jahre nach Tschernobyl, an einem schönen Frühlingstag. Vor der tödlichen Strahlenwolke fliehen auch Janna-Berta, 14, und ihr Bruder Uli, 8. Das Mädchen erkennt, wie die Erwachsenen immer noch abwiegeln und die Katastrophe verdrängen. Janna-Berta kommt als Hibakusha - so heißen seit Hiroschima die Strahlenkranken - in ein Notlazarett und erlebt dort die Unfähigkeit der verantwortlichen Politiker, ihre Ausflüchte und Lügen. Dieses »Szenario des Grauens« sei der »mutige Versuch, Abschied von falschen Träumen, von Illusionen zu nehmen«, urteilte die »Zeit« über den 1987 bei Otto Maier, Ravensburg, erschienenen »Störfall in der Jugendbuch-Idylle«. Die Jury rühmte Ende April in ihrer vertraulichen Stellungnahme für das Ministerium den Roman als literarisch gelungen, die Ministerialen reagierten verstört. Ihre Chefin soll nun entscheiden. Süssmuth-Sprecher Hartwig Möbes: »Das kriegt jetzt eine eindeutig politische Dimension.«

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