Margarete Stokowski

Corona-Pandemie Von der Unfähigkeit zu trauern

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Als ich diesen Text schrieb, gab es 9068 registrierte Corona-Tote in Deutschland. Eine ungeheuerliche Zahl. Warum wird kaum öffentlich über die Verstorbenen getrauert?
Dekorierter Sarg für Trauerfeier

Dekorierter Sarg für Trauerfeier

Foto: Felix Hörhager/ picture alliance/ dpa

Manchmal kommt es vor, dass verschiedene Menschen mit ein und demselben Einwand für gegensätzliche Positionen argumentieren. Das ist zum Beispiel bei der Frauenquote so, wenn Leute sagen: "Stellen sollten nach Kompetenz und nicht nach Geschlecht vergeben werden" - damit kann man für oder gegen Frauenquoten argumentieren.

Oder Leute sagen: "Für Nazis ist kein Platz in der Polizei." Das soll entweder heißen, dass man untersuchen sollte, ob es da vielleicht doch welche gibt - oder dass man das dann auch gar nicht überprüfen muss, weil es ja eh verboten ist.

Oder Leute sagen: "Ihr verdrängt den Tod." Damit wollen die einen sagen, dass die Corona-Pandemie noch nicht vorbei ist und man weiter aufpassen sollte, und die anderen, dass Menschen doch eh sterben und man das mal anerkennen sollte, Pandemie hin oder her. Aber diejenigen, die behaupten, die "Bitte weiter aufpassen"-Seite würde die Sterblichkeit von Menschen verdrängen, reden dann selbst doch auffällig wenig über den Tod.

Nun ist es nicht so, dass es wenig Diskussionen über die Pandemie gibt. Aber meistens geht es darum, wie man sich als Einzelperson richtig verhalten sollte, welche politischen Maßnahmen richtig sind oder welche wirtschaftlichen Folgen die Krise bisher hatte. Wer wenig vorkommt, sind die Toten. Warum ist das so? Eigentlich wissen alle, dass Covid-19 Menschen töten kann, aber die Trauer um die Verstorbenen nimmt wenig Raum in der Öffentlichkeit ein.

Eine Naturkatastrophe in Zeitlupe

Trauer findet natürlich in den allermeisten Fällen nicht öffentlich statt. Sie wird meist nur dann öffentlich, wenn es um prominente Verstorbene geht, manchmal bei besonders brutalen Gewaltverbrechen oder bei großen Naturkatastrophen wie Tsunamis oder Erdbeben. Über die Corona-Pandemie hat der Virologe Christian Drosten in seinem Podcast  im März gesagt: "Wir haben hier eine Naturkatastrophe, die in Zeitlupe abläuft." Aber die Menschen, die durch diese Naturkatastrophe bislang gestorben sind, bleiben eine ziemlich anonyme Menge, eine Zahl, die für Deutschland vom Robert Koch-Institut täglich aktualisiert  wird: 9064, während ich diesen Text anfange, 9068 bei Fertigstellung.

Es scheint etwas zu fehlen. Kann es sein, dass die Menschen, die jetzt auf ihr Recht pochen, wieder feiern zu gehen und zu verreisen, vorsichtiger wären, wenn diese Zahl eben nicht nur eine Zahl wäre? Wenn die Geschichten derer, die an Covid-19 gestorben sind, bekannter wären - natürlich nur mit dem Einverständnis der Angehörigen? Ich meine damit nicht dieses sensationsgeile Wühlen im Privatleben, wie die "Bild"-Zeitung es oft betreibt, sondern eine würdevolle Darstellung derer, die jetzt nicht mehr da sind.

Die "New York Times" hat im Mai eine Titelseite veröffentlicht, auf der 1000 Namen von Verstorbenen standen, mit jeweils einer sehr kurzen Information zu ihrem Leben, unter anderem: "Lila A. Fenwick, 87, New York City, first black woman to graduate from Harvard Law School" oder "Israel Sauz, 22, Broken Arrow, Okla., new father". Man erfährt nicht viel aus diesen kurzen Beschreibungen, aber man ahnt, wie viel Trauer hinter diesen winzig gedruckten Zeilen stehen muss.

Titelseite der "New York Times" mit Angaben zu 1000 Covid-19-Opfern

Titelseite der "New York Times" mit Angaben zu 1000 Covid-19-Opfern

Foto: Wang Ying/ picture alliance/ dpa

Man erfährt auch, dass manche alt und manche jung waren, und eigentlich sollte das für die Trauer keinen Unterschied machen, aber leider tut es das wohl. Carolin Emcke schrieb in ihrem Corona-Journal in der "Süddeutschen Zeitung"  darüber: "Wenn über Covid-19 gesprochen wird und man erwähnt, Menschen zu kennen, geliebte, feine, gute Menschen, die daran gestorben sind, dann kommt mitunter reflexhaft: 'Aber die war schon alt, oder?'" Als wäre es weniger schlimm, wenn es alte Menschen trifft . Emcke fragt: "Was soll das heißen: 'Aber die waren schon alt'? (...) Bei Jüngeren lohnt es, den Tod zu beklagen, bei Älteren gehören die Verluste eingepreist und abgeschrieben?"

Ist es für manche Menschen psychologisch notwendig, die Pandemie kleinzureden, um sie zu überstehen? Gibt es deswegen immer noch diesen Mythos, dass sowieso "nur Alte und Kranke" an Covid-19 sterben, was natürlich an sich schon menschenverachtend ist, aber eben obendrauf auch noch faktisch falsch?

Die indirekten Opfer der Pandemie

Es scheint irgendwie einfacher - und ich weiß nicht, ob "einfacher" hier das richtige Wort ist, ich fürchte, nein - kollektiv öffentlich zu trauern, wenn Menschen indirekt Opfer der Pandemie werden, also nicht am Virus selbst sterben. Der Suizid des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer im März, der Mord an der italienischen Medizinstudentin Lorena Quaranta , die von ihrem Freund getötet wurde, weil er dachte, sie hätte ihn mit dem Coronavirus infiziert, der ermordete französische Busfahrer, der auf der Maskenpflicht bestanden hatte - das sind nur einige Beispiele für Fälle, die viele öffentliche Reaktionen hervorriefen, und natürlich völlig zu Recht.

Es soll nicht darum gehen, diese Toten gegen die anderen Toten, die direkt am Virus gestorben sind, auszuspielen, und es soll auch nicht darum gehen, Menschen zu diktieren, dass sie öffentlich mehr trauern sollen, sondern um die Frage, warum die ungeheure Zahl der bislang an Covid-19 Verstorbenen oft so abstrakt bleibt.

Jetzt könnte man sagen, diese Todesfälle werden eben deswegen so stark betrauert, weil es vermeidbare Fälle gewesen wären. Aber die Pandemie geht ja weiter, und die Fälle, in denen weitere Menschen sich mit dem Coronavirus infizieren, wären ja vielleicht auch vermeidbar.

Bin ich zu ungeduldig? Ist die ganze Gesellschaft, was die Trauerarbeit betrifft, aktuell noch in der Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens - und der Rest kommt noch? Aber wie wahrscheinlich ist das? Und wäre nicht gerade in der Corona-Pandemie, in der viele Menschen sterben, ohne dass die Angehörigen sich im Moment des Todes verabschieden  konnten, öffentliche Trauer besonders wichtig, auch wenn natürlich die jeweiligen Bedürfnisse nach Trauer sehr unterschiedlich sein können?

Oder sind die psychologischen und soziologischen Mechanismen, die die öffentliche Trauer nicht stattfinden lassen, so zentral für unsere Gesellschaft, dass es eben anders gar nicht geht? Weil wir ohnehin daran gewöhnt sind, dass unser Lebensstil - Konsum, Reisen, Wirtschaft, alles Mögliche -damit einhergeht, dass irgendwo Leute leiden und vielleicht auch sterben?

Die Zivilisation baut stärkere Abwehrkräfte auf

Vielleicht war es nicht so schlau, aber ich habe im Kontext dieser Fragen versucht, Antwortmöglichkeiten in "Die Unfähigkeit zu trauern" von Margarete und Alexander Mitscherlich zu finden, obwohl es darin eigentlich um die Verarbeitung der Nazizeit geht und nicht um eine Pandemie. Jedenfalls hat es mich nicht sehr optimistisch gemacht. Es geht darin unter anderem um die Energie, die eine Gesellschaft (in diesem Fall die deutsche) aufwendet, um Erinnerungen abzuwehren: Was an Energie verbraucht wird, um Vergangenes zu verdrängen, "fehlt in der Initiative zur Bewältigung der Gegenwart", heißt es dort. Es scheint mir allgemeingültig genug, das auch auf die Pandemie anzuwenden.

Der Historiker Yuval Noah Harari schrieb im "Guardian" , es sei möglich, dass die Coronakrise "vielen Einzelnen bewusster macht, dass menschliches Leben und menschliche Errungenschaften nicht von Dauer sind". Die Zivilisation als Ganzes aber werde höchstwahrscheinlich die Gegenrichtung einschlagen: "An ihre Zerbrechlichkeit erinnert, wird sie reagieren, indem sie stärkere Abwehrkräfte aufbaut."

Mir scheint das ziemlich schlüssig. Gleichzeitig scheint es mir genauso sinnvoll darauf hinzuweisen, dass es sich weder für Einzelne noch für Kollektive jemals als langfristig wohltuend erwiesen hat, Trauerarbeit zu verdrängen. Und wenn man eine Katastrophe nicht gut verarbeitet hat, wird man bei der nächsten nicht unbedingt besser davonkommen.

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