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Strahlende Glut

Nach Haien und Hochhausbränden entdeckt Hollywood die Radioaktivität als Nervenkitzel. Doch die Atomlobby nimmt »The China Syndrome«, Thriller über eine Reaktorpanne, wirklich ernst.
aus DER SPIEGEL 14/1979

Schon zwanzig Minuten vor der Mittagsvorstellung reichte die Schlange vor dem New Yorker Kino »Loews Tower East« am vergangenen Sonntag gut hundert Meter weit. Auch die späteren Vorführungen des Films waren ausverkauft: »Das China-Syndrom«, Hollywoods Beitrag zur Jahrhundertdiskussion über die Atomenergie, hat alle Aussichten, ein geschäftlicher Erfolg zu werden.

Vier bis fünf Millionen Dollar will die Verleihfirma Columbia in die Werbung für das Nukleardrama investieren, den eigenen Aktionären zuliebe und -- jede Absicht wäre gewiß zufällig -- zur Freude der Gegner des kapitalistischen Systems im allgemeinen und der Kernkraft im besonderen.

Denn die Geschichte, die der von Michael Dauglas ("Einer flog über das Kuckucksnest") produzierte Film erzählt, ist so ganz nach dem Geschmack der »Atomkraft-nein-danke«-Sager: Kernkraft ist hochgefährlich, Kernkraftmanager sind profitgeil und bedenkenlos.

Weil männliche Stars wie Jack Nicholson und Robert Redford solche Einsicht nicht vermitteln mochten, engagierte sich Jane Fonda für den brisanten Stoff: Als Fernsehreporterin wird sie bei den Vorbereitungen für einen harmlosen Atomstrom-Werbefilm unfreiwillige Zeugin eines bedrohlichen Zwischenfalls im Kontrollzentrum eines Atomkraftwerkes.

Von der Besuchergalerie oberhalb der Schaltzentrale beobachtet sie mit ihrem Kameramann (gespielt von Produzent Douglas) und dem Pressesprecher des Unternehmens, wie der ganze Betonklotz zu beben beginnt, wie sämtliche Kontrolltafeln aufflackern, wie die Sirenen losgehen und das Überwachungspersonal in Panik gerät.

Nach einiger Zeit scheint sich das System zu beruhigen. Der Reaktor kann abgeschaltet werden, die Techniker fallen erschöpft und verstört in ihre Sessel zurück.

Nur einer hat die Nerven behalten: Der PR-Mann versichert ungerührt, die Sache sei harmlos; für Menschen oder Maschinen bestehe nicht die geringste Gefahr.

Erst nach diesem forschen Statement kommt der Thriller richtig in Fahrt: Der Atomkonzern versucht mit allen (auch Mord-)Mitteln, den Zwischenfall herunterzuspielen; die TV-Gesellschaft möchte mit der Wahrheit nicht heraus.

Die beiden Medien-Helden dagegen nehmen sieh ein Beispiel an den »Washington Post«-Journalisten Woodward und Bernstein' die einst den Watergate-Präsidenten Richard Nixon überführten. Sie lassen nicht locker.

Dabei erfahren sie von einem Atomtechniker, was es denn mit dem »China-Syndrom«, das dem Film den Titel gab, so auf sich hat: Wenn ein Meiler durchgeht, schmilzt seine Brennstoff-Ladung mitsamt Bau- und Schutzstrukturen' und die hochradioaktive Glut frißt sich durch die Fundamente tief in die Erde -- eben »Richtung China« (in Wirklichkeit würde der strahlende Brei sich wohl allseits Entlastungskanäle brechen).

Zwar glaubt der vom früheren Billy-Wilder-Komiker Jack Lemmon gelegentlich arg hinreißend gespielte Ingenieur ungebrochen an Segen und Sicherheit der Atomkraft. Dennoch hat er keine Chance: Weil er die Spielregeln des gewinnsüchtigen, auf Vertuschung bedachten Konzernchefs bricht und den TV-Journalisten Aufklärungshilfe leistet, wird er erschossen.

Schon vor der Erstaufführung Mitte März hatte das Zwei-Stunden-Spektakel einen bemerkenswerten »Fallout« ("New York Times"):

* Das Atomic Industrial Forum, eine Vereinigung von rund 600 interessierten Firmen und Organisationen, sandte den Filmkritikern Pro-Atom-Bekenntnisse von Ärztebünden und Gewerkschaften, von einer Farbigen-Organisation und der jüdischen Gemeinde Amerikas.

* »Reddy fews«, ein Magazin der Energiekonzerne, widmete dem Film eine halbe Ausgabe -- die Schauspieler Jane Fonda und Jack Lemmon, teilte das Atomlobby-Blatt etwa mit, könnten als Atomkraftgegner gelten, der Drehbuchautor Mike Gray habe einen Dokumentarfilm über die Schwarzenbewegung Black Panthers gedreht.

* Der Energie-Multi General Electric zog finanzielle Zusagen für die TV-Sendereihe der amerikanischen Starreporterin Barbara Walters zurück, nachdem sie die Reporter-Darstellerin Fonda zu dem Anti-Atom-Film interviewt hatte.

»Der Film handelt eigentlich nicht von der Atomenergie, sondern von der Habgier«, urteilte Jane Fonda. »Wenn ich die Atomenergie angreifen wollte, hätte ich einen Dokumentarfilm gemacht.«

Tatsächlich konterkariert die Wirklichkeit den Vorwurf, »The China Syndrome« mache entsetzliche Fiktion zum Unterhaltungsstoff: Letzte Woche versagte im neuen Kernkraftwerk »Three-Mile-Island-2« bei Harrisburg (Pennsylvania) das Kühlsystem; radioaktiver Dampf strömte aus, und anscheinend schmolzen etliche Brennelemente, ehe der Reaktor abgeschaltet werden konnte.

Dabei brauchen sich die Filmemacher nicht einmal vorhalten zu lassen, sie seien unfairer als die Nuklearindustrie; denn je nach Bedarf an Zuschüssen und Aufträgen haben Firmen und Verbände weltweit Gefahren und Kosten der Atomkraft heruntergespielt, Nutzen und Notwendigkeit der Meiler hochgejubelt.

Die Film-»Ermordung eines ganzen Industriezweiges«, die John Taylor vom Kernkraftwerk-Konzern Westinghouse beklagt, war eigentlich fällig.

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