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Ärzte Stramme Kader

Den Einwohnern einiges hessischer Landgemeinden gilt der Mediziner Paul Luth als vorbildlicher Hausarzt. Den berufenen Vertretern hehrer Arzt-Ideale aber ist der Publizist Paul Luth ehe, dauerndes Ärgernis.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Sobald Ärzte in Deutschland von ihrem Beruf sprechen«, notiert der Autor, »treten sie ein in die Welt des schönen Scheins« -- auf den Lippen den »Wortschatz eines verblasenen, jedoch herrischen Idealismus«.

Der so urteilt, ist selber Arzt. Doch Paul Lüth, 51, will den schönen Schein zerstören. Seit Jahren ist er in Wort und Schrift nach Kräften bemüht, hehre und hohle Ideale des Ärztestandes zu demolieren.

Auch in seinem jüngsten Buch, das unter dem Titel »Kritische Medizin« soeben im Rowohlt-Verlag erschienen ist*, unternimmt Lüth den Versuch, »das so überaus starke, nicht selten ins Wahnhafte sich versteigende Selbstbewußtsein« deutscher Mediziner zu erschüttern: Schon ein geschichtlicher Rückblick zeige, so vermerkt Lüth, »wie wenig. Ethik der ärztliche Beruf« stets * Paul Lüth: »Kritische Medizin« Rowohlt Verlag. Reinbek; 352 Seiten: 8,80 Mark.

bewiesen und »wie sehr er sich den etablierten Ständen angepaßt« habe -- bis heute sei die Ärzteschaft weder willens noch fähig, »ein wirklich funktionierendes Gesundheitssystem aufzubauen«.

Daß Lüth, derart bitterer Kollegen-Schelte zum Trotz, bislang vom Bannstrahl des Ärzte-Establishments verschont blieb, verblüfft mitunter selbst Branchenkundige- Allerdings, ins genormte Feindbild ärztlicher Standesherren paßt dieser Kritiker nun einmal nicht.

Denn Lüth ficht nicht etwa an der Seite linker Nachwuchsmediziner oder gewerkschaftlicher Gesundheitsreformer, die das konservative ärztliche Hauptheer neuerdings immer schmerzhafter sekkieren. Als praktizierender Landarzt -- und obendrein als Delegierter der Landesärztekammer Hessen -- gehört er zu einer Mediziner-Spezies. die seit je von den Standesfürsten besonders gefördert und gehätschelt wird.

Der »vorsätzliche Nestbeschmutzer« (Lüth über Lüth) probt vielmehr den Aufstand im Alleingang. In seinem geräumigen Flachdach-Bungalow in der hessischen Mini-Gemeinde Rengshausen, wo er an jedem Vormittag fast hundert Kassenpatienten verarztet, tippt er, meist nachts. Artikel, Buch- und Vorlesungstexte in die Maschine -- in der Absicht, endlich »das Denken in der Medizin gesellschaftsfähig zu machen« --

Am Schreibtisch, umstellt von den Buchregalen seiner Hausbibliothek (rund 10 000 Bände), zerfleddert Marx- und Freud-Kenner Lüth virtuos die herrschende Ärzte-Ideologie. Der Landarzt, der einst Philosophie studierte und gegenwärtig an der Gesamthochschule Kassel einen Lehrauftrag für Sozialmedizin innehat, konfrontiert in seinem neuen Buch die offizielle »Phraseologie des ewigen Arzttums« der »Unangemessenheit derzeitiger ärztlicher Praxis« -- notabene auch der eigenen.

Orientiert am Alltag in seiner Dorf-Praxis, verhöhnt Lüth etwa das angeblich unverzichtbare, individuelle Arzt-Patient-Verhältnis als »antiquierte Vater-Sohn-Beziehung«. Im hektischen Kassenarzt-Betrieb, formuliert. Lüth, sei »die alte Medizin des Kammerspiels zwischen tunlichst hochgebildeten Individuen« längst zur Fiktion geworden.

Möglicherweise, so vermutet der medizinhistorisch versierte Autor. hat es dieses Kammerspiel aber auch in der »guten alten Zeit« höchstens für wenige Privilegierte gegeben: In der Antike und im Mittelalter sei die ärztliche Versorgung für die Mehrheit der Bevölkerung unerschwinglich gewesen. Und in der Neuzeit, bis in dieses Jahrhundert, habe die medizinische Praxis oft Züge »einer kaum glaublichen Verachtung des Einzelmenschen« gezeigt.

Noch anno 1870 beispielsweise, als die Äther-Narkose längst gebräuchlich war, pflegten im Franzosenkrieg deutsche Feldärzte, wie Lüth berichtet, Verwundeten Arme oder Beine ohne Betäubung zu amputieren. Im Ersten Weltkrieg wurden Soldaten, die im Trommelfeuer den Verstand verloren hatten, zu Heilzwecken mit Elektroschocks gefoltert -- nur ein Vorspiel. glaubt Lüth, zu den Menschenversuchen in Konzentrationslagern der Nazis.

Die Überzeugung, daß Patienten (vor allem Kranke einfacher Herkunft) Schmerzen klaglos zu ertragen hätten, gehört nach Ansicht Lüths immer noch »zu den notorischen Verdummungsthesen« einer weithin inhumanen Medizin. Und inhuman nennt Lüth auch die Haltung vieler Ärzte gegenüber todgeweihten Kranken.

Anders als heute, hofft Lüth, werde es dereinst »undenkbar sein, daß man Sterbende allein läßt, sie auf Korridore oder in kalte, gekachelte Bäder schiebt und nur nachschaut, ob sie bereits gestorben sind«. Lüth plädiert dafür, Sterbende psychotherapeutisch auf das Ende vorzubereiten und ihnen, mit »LSD und Heroin«, den Todeskampf zu erleichtern.

Vorerst aber schürt Lüth den Zweifel an einer Medizin, die sich immer mehr als exakte Naturwissenschaft begreift. während in Wahrheit »ihre kardinalen Begriffe unklar sind": Was Gesundheit und was Krankheit sei, glaubt LUth. lasse sich nicht bloß naturwissenschaftlich bestimmen -- vielmehr werde die Grenze zwischen beiden auch von der Gesellschaft definiert.

Die Medizin der Zukunft, fordert Lüth« müsse deshalb zur Hälfte Sozialwissenschaft sein: Für die Praktiker gelte es, »zwei Sprechstunden einzurichten« -- »eine mit weißem Kittel. vorwiegend organorientiert, eine ohne weißen Kittel, psychologisch und soziologisch« ausgerichtet.

Lüths Hoffnung auf eine geläuterte Heilkunst, jüngst noch genährt durch die Studentenrevolte, ist neuerdings wieder geringer geworden: Der »revolutionäre Elan« in den Medizin-Fakultäten, so klagt er, sei »einfach dadurch eliminiert worden, »daß man seine Träger das Staatsexamen absolvieren ließ. Der Numerus clausus für Mediziner garantiere ohnehin vorwiegend anpassungswilligen Ärzte-Nachwuchs.

Die nachrückenden »Numerus-clausus-Generationen« mit den »Streber-Noten« im Abiturzeugnis dürften nach Ansicht Lüths eher »Kader strammer Reihenuntersucher stellen« -- »unerschütterliche Technokraten«, die nach der Väter Weise »in Unschuld ihr Handwerk weiterbetreiben«.

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