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KUNST Strampeln in der Cyber-Welt

In flimmernden Kunstwerken präsentiert eine Ausstellung in Karlsruhe die finsteren Seiten des digitalen Zeitalters.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Wer den schummrigen Salon betritt, wird auf einen Schlag um hundert Jahre zurückgebeamt. Dunkelrote Tapeten, ein Hirschgeweih und tiefe Polstersessel kopieren einen protzigen Spießer-Kitsch der Gründerzeit. Merkwürdig schlicht mutet in diesem Ensemble antiquierter Staubfänger nur ein blanker Holztisch an, auf dem der fiktive Hausherr ein Weinglas bereitgestellt hat.

Doch Vorsicht: Schon der Griff nach dem Kelch bringt abrupt gespenstische Unruhe ins plüschige Ambiente. Auf der Tischplatte blinken Wörter auf, durch den Raum huschen rote Blitze, und dazu ertönt ein bedrohlich dunkles Klopfen.

Die witzig-theatralische Installation »Truth in Clouds« des US-Künstlers Nicolas Collins ist auf solche Spektakel-Effekte angewiesen, schließlich imitiert sie eine Geisterséance - und das auf einer Kunstschau, die sich dem für viele noch immer futuristischen Medium Internet widmet.

»Net_condition« heißt das erstaunlich lebendige und bisher größte deutsche Kunstereignis zum Thema World Wide Web im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe (bis 9. Januar).

ZKM-Chef Peter Weibel, 55, im Januar in der badischen Provinz angetreten, feiert mit der Ausstellung seinen späten, dafür aber multilokalen Einstand. Die Schau ist, wie es sich in globalen Cyber-Zeiten gehört, mit Parallelveranstaltungen in Graz, Barcelona und Tokio vernetzt.

Eigentlich will die österreichische Power-Maschine Weibel - ein Ex-Skandalkünstler, längst aber auch anerkannter Theoretiker und Arrangeur junger Medien-Kunst - die schräge neue Bits- und Bytes-Welt kritisch ausleuchten. Seine fröhliche Geisterbeschwörung, meint Salon-Künstler Collins, sei dennoch nicht fehl am Platz. Er behandle eben eine archaische Form der Fern-Kommunikation. Und blicke zurück auf eine Epoche, in der zwar das Telefon schon erfunden war, Traditionalisten jedoch eher an ihre Wohnstuben-Spiritualität glaubten als an das Technikzeitalter.

Séancen mögen inzwischen aus der Mode sein, nicht aber die Skepsis gegenüber neuen Technologien. Auch das Internet, so Museumschef Weibel, erscheine den meisten Menschen suspekt. Zu Recht?

In Karlsruhe werden die fiesen Seiten des digitalen Zeitalters immerhin in originelle Kunstwerke verpackt. Jordan Crandall sorgt mit Film-Projektionen für den beklemmenden Eindruck, dass Video- und Webkameras ihr Überwacher-Auge stets auf alles und jeden werfen: Sie liefern - scheinbar live - Luftbilder von Gebäuden, zeigen angeblich nichts ahnende Paare beim Sex.

Erweitert wird das Grusel-Repertoire durch die Cyber-Sex-Maschine »FuckU« oder das digitale Frankenstein-Projekt »Cult of the New Eve«. Ein inszenierter Computervirus, der Grafiken auf dem Bildschirm nur noch hysterisch hüpfen lässt, führt vor, wie Technik außer Kontrolle gerät - und der Benutzer hilflos glotzt.

Immer stärker, auch das illustriert die Schau, verliert sich die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion. So können sich ZKM-Besucher am virtuellen Tisch versammeln, obwohl sie in Wahrheit in verschiedenen Räumen sitzen.

Bald, prophezeit Weibel, werden sich bis zu 100 000 Menschen via Internet zu Computerspielen treffen. Vielleicht tragen die Figuren dann sogar die Visagen der realen Spieler. »Die Computerfreaks«, sagt er, »wollen nicht mehr einsam durch das Netz surfen, sondern ein Gefühl von Geselligkeit haben.« Eine Scheingeselligkeit, hockt doch jeder allein vor seinem Monitor.

Bei aller Netz-Kritik pflegt Weibel die Hoffnung auf eine faszinierende Cyber-Zukunft: Das Internet werde mit seiner flimmernden Techno-Ästhetik und den nur flüchtigen Erscheinungen die bildende Kunst, Musik und Literatur revolutionieren - auch wenn der Visionär zugibt, dass viele Künstler von der Web-Avantgarde nichts hören wollen.

All jenen, die weder E-Commerce noch Meta-Suchmaschinen kennen und als digitale Analphabeten den Anschluss ans vernetzte Zeitalter zu verpassen drohen, will Weibel Orientierung geben. Im ZKM soll über die gesellschaftliche Macht des Internet diskutiert - aber auch hemmungslos gespielt und gesurft werden. Man lässt sein Porträt im »Smell.Bytes«- PC der Griechin Jenny Marketou speichern, ein allwissender Apparat, der angeblich Schönheit und Körpergerüche messen kann, oder strampelt sich ab, um einen Computer per Pedal anzutreiben.

Jenseits des interaktiven Spielelands bietet die Schau vor allem eine eindrucksvolle, internationale Bestandsaufnahme aktueller Kunst im und zum Internet. Weibel will mit seinem Debüt auch ZKM-intern Punkte sammeln: Seit Monaten sorgen nur die Querelen im Haus für Schlagzeilen.

Erst 1997 war das ZKM nach langer Vorlaufphase eröffnet worden - und habe sich bald, moniert Weibel, in einen bequemen Dämmerzustand sinken lassen; vor allem nach dem Rückzug des inzwischen verstorbenen Gründers Heinrich Klotz. »Ausgerechnet das Zentrum für Medientechnologie«, ärgert sich der neue Chef, »hat das neue Medium Internet verschlafen.«

Das Motto der Ausstellungseröffnung klingt denn auch wie eine Drohung an Weibels Gegner: »It really works now!«, verkündet die Einladung. ULRIKE KNÖFEL

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