Zur Ausgabe
Artikel 53 / 69
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Gustav Heinemann über Erhard Eppler: "Ende oder Wende" Strategie des Überlebens

Erhard Eppler, 48, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit von 1968 bis 1974, ist Vorsitzender der badenwürttembergischen SPD und Mitglied der Synode der EKD. In den fünfziger Jahren gehörte er der von Gustav Heinemann mitbegründeten Gesamtdeutschen Volkspartei an.
aus DER SPIEGEL 21/1975

Vor fast einem Jahr schied Erhard Eppler aus der Bundesregierung aus. Er, der Theoretiker und Reformer. sei unzeitgemäß, sagte man. Ist er das wirklich? Eppler ist ein Mahner -- und wie alle Mahner umstritten. Nur übergehen kann man ihn nicht, schon gar nicht angesichts seines neuen Buches. Dieses Buch stellt sich so kräftig in unseren Weg, daß man wahrnehmen muß, was Eppler sagt. Und das ist viel an eindrucksvoll dargestellten Einzelheiten aus einem breiten Bereich um uns herum. Und erst recht an deren Gewicht für unsere Existenz.

Eppler sieht die erste Hälfte der 70er Jahre als einen Einschnitt von historischer Bedeutung an, deren Tragweite uns erst in einigem Abstand voll bewußt werden wird. Die Menschheit »ist auf Grenzen gestoßen, von denen sie in ihrer Geschichte zuvor nichts wußte oder nichts wissen wollte. Diese Grenzen sind uns an vielen Stellen gesetzt.

Der Erdball konnte in seinem unabänderlich gegebenen Umfang und in seinen nicht unerschöpflichen Naturschätzen zwar nie eine unendliche Vermehrung der Menschen und ein unendliches Wachstum der Produktionen erwarten lassen. Spätestens aber jetzt ist dem Optimismus, daß alles schon gutgehen werde, Einhalt geboten. Das ist die entscheidende Tatsache, der wir uns vordringlich zu stellen haben, und zwar ehestens, weil jedes Weitermachen wie bisher die Bedrängnisse in wachsender Beschleunigung bis zur völligen Unlösbarkeit steigern wird.

Die Kluft zwischen Bevölkerungsvermehrung und Lebenschancen wird unter anderem deshalb hoffnungslos größer. weil Hunderte von Millionen Menschen in Entwicklungsländern nicht dazu zu bringen sind, die Zahl ihrer Kinder selbst zu beschränken. Wer heute Kinder in die Welt setzt, muß sich fragen: Wie können in zehn Jahren fünf Milliarden Menschen, in zwanzig Jahren sechs Milliarden so leben, daß wenigstens dann die Eltern der folgenden Generationen die Aussicht haben, die Zahl ihrer Kinder zu bestimmen (nach dem Ersten Weltkrieg lebten 1,8 Milliarden Menschen auf der Erde!).

Solchen Aussichten liegt zugrunde, daß die Bemühung, mit den landwirtschaftlichen und industriellen Produktionen Schritt zu halten, immer weniger Erfolg hat. So stößt zum Beispiel künstliche Düngung an mehr als eine Grenze. Der Fischfang nimmt ab, weil verschmutzte Meere auf unvernünftige Weise geplündert werden. Und so weiter.

Solches und ähnliches war von Eppler und anderen seit Anfang der 70er Jahre schon mehrfach zu hören, ohne daß es sonderlich gewirkt hätte. Es muß daher beweiskräftiger und eindringlicher wiederholt werden. Das tut Eppler mit seinem neuen Buch.

Eppler spann seine Frage: Ende oder Wende? aber noch sehr viel weiter. Er wirft sie rundum auf. So ist zum Beispiel die Rede davon, daß die Theorie der öffentlichen Verschuldung neu durchdacht werden muß, oder daß auch persönlicher Verbrauch an Grenzen angelangt ist.

Der Katalog seiner Feststellungen und Forderungen ist unangenehm. Er meint, daß die Einkommenshierarchien der Veränderung bedürfen, und glaubt, daß die Bundesrepublik bei einer Steuerlastquote von 22 bis 23 Prozent nicht bestehen kann. Er bezweifelt, daß der Markt als das unersetzbare Steuerungsinstrument der Wirtschaft ausreicht. Er fordert, die private Energieverschwendung zu bremsen und die Fleischerzeugung der EG zugunsten der von Getreide zu drosseln. Er möchte der Kostenexplosion des Gesundheitswesens zu Leibe gehen und schlägt Korrekturen der Außenpolitik vor. Die Bundesrepublik soll sich auf das Ende der Herrschaft des weißen Mannes in Südafrika einrichten und mehr Entwicklungshilfe aufbringen. Sie soll Israel und den arabischen Ländern zum Ausgleich und den Vereinten Nationen zu gemeinsamen Strategien des Überlebens verhelfen.

Bei alledem geht es Eppler um das Herausarbeiten der Fragen, nicht um fertige Antworten. Die bedürften der Gemeinschaftsarbeit und breiter demokratischer Willensbildung.

Ist Eppler ein Revolutionär, wohl gar ein marxistischer? Nichts liegt ihm ferner. Er ist radikaler Reformer und erstrebt Freiheit in sozialer Gerechtigkeit. Dabei stellt sich heraus, daß Eppler konservativ ist -- freilich in einem sehr bestimmten Sinne.

Auf die Frage. was zu konservieren sei, gibt es zwei verschiedene Antworten. Die eine will Machtstrukturen zum Beispiel im ökonomischen System erhalten, sie will Einkommenshierarchien bewahren, auch wo sie verzerrt sind, sie verteidigt Eigentum auch gegen das Gemeinwohl und Strafnormen auch da, wo sie ihren Zweck verfehlen. Sie verteidigt Formen des Welthandels auch da, wo sie ganze Völker gefährden, und nationale Ansprüche, die längst verschlissen sind. Die andere Antwort will Werte bewahren und freilegen. Sie geht von christlich-konservativen Traditionen der europäischen Geschichte aus. Sie zielt auf den Wert des einzelnen Menschen, was immer er leistet, auf Freiheit als Chance und Aufruf zur Solidarität, auf Gerechtigkeit. wohl wissend, daß sie nie zu erreichen ist, und auf Frieden, auch wo er Opfer kostet. Hier gewinnen Werte wie Dienst und Treue oder Tugenden wie Sparsamkeit und Bescheidenheit oder die Fähigkeit zum .Verzicht neuen Rang. Vor allem geht es hier um die Bewahrung natürlicher Lebensgrundlagen und Lebensweisen.

Mit solchem Wertkonservatismus verbindet sich der Begriff »Lebensqualität«, der 1972 unter wesentlicher Mitwirkung von Eppler auf dem damaligen Kongreß der IG Metall ins Spiel gekommen ist. Eppler entfaltet ihn weiter als Maßstab für das, was heute progressiv sein kann, um aus der Krise der Hoffnungen herauszuführen, die seit 1972 auf die Reformer hereingebrochen ist.

Ist das Notwendige machbar? Der Widerstand derer, die Machtpositionen und Privilegien bedroht sehen, wird erbittert sein. Die Kette von jeweils zwölf Landtags- und Bundestagswahlen mit vordergründigen, auf Regierungsmacht zielenden Wahlparolen läßt wenig Besinnung auf das Wesentliche aufkommen. Das führt Eppler zu der Frage, ob Gesellschaften unserer Art noch regierbar sind. Werden wir es fertigbringen, die Bürger in der Breite für das Notwendige zu mobilisieren, das im Allgemeininteresse geboten ist?

Es wird viel von Tendenzwende geredet. Nach Carl Friedrich von Weizsäcker kann sie »nicht die Rückkehr zu einer unwiderruflich versunkenen Vergangenheit« bedeuten. Im Gegenteil: Sie verlangt »eine weniger oberflächliche und insofern radikalere Form des Fortschritts«. Das ist es, was Eppler vorträgt.

Gustav Heinemann
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 53 / 69
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel