Stefan Schultz

Strategien gegen das Coronavirus Tödliche Arroganz

Stefan Schultz
Ein Kommentar von Stefan Schultz
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Die besten Strategien zur Eindämmung des Coronavirus kommen derzeit aus Südkorea, Taiwan und Hongkong. In Europa könnte die Pandemie milder verlaufen - wenn wir uns leichter täten, von Asien zu lernen.
Parkplatz-Coronatest in Paris

Parkplatz-Coronatest in Paris

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BENOIT TESSIER/ REUTERS

Ende Februar sagten die meisten deutschen Epidemiologen: Atemschutzmasken tragen sei sinnlos. Einfache Modelle böten keinen sicheren Schutz gegen Corona, und Profi-Masken müsse man dem Klinikpersonal überlassen, weil es davon zu wenige gebe.

Ende März klingt mancher Experte ganz anders. Profimasken bleiben den Kliniken vorbehalten. Aber auch einfache Atemmasken, so der Virologe Alexander Kekulé, könnten einen selbst und andere zumindest teilweise vor Corona schützen. Besonders dann, wenn wir einfach alle Masken tragen würden. So wie in Asien. In Hongkong zum Beispiel breite sich das Virus viel langsamer aus als in Europa.

Es ist nicht das erste Mal in der Coronakrise, dass wir Europäer offensichtlich wirksame Methoden gegen das Virus erst abtun und dann sehr spät doch in Betracht ziehen. Dahinter steckt womöglich das Paradigma, dass unsere modernen, demokratischen Gesellschaften von den kollektivistisch und konfuzianisch geprägten Ländern Asiens kaum etwas lernen können.

In Asien nennt man das "europäische Arroganz". Die Corona-Pandemie lehrt uns gerade schmerzhaft, wie lebensgefährlich eine solche Grundüberzeugung ist.

Die Staaten mit den flachsten Kurven liegen alle in Asien

Diagramme, wie sich Infektionszahlen in verschiedenen Ländern entwickeln, hat inzwischen wohl jeder schon einmal gesehen. Eine besonders eindrückliche Variante findet man, täglich aktualisiert und frei zugänglich, bei der britischen "Financial Times" . Die dortigen Diagramme bilden nicht nur besonders viele Länder und Regionen ab - sie erläutern auch, mit welchen Maßnahmen Länder ihre Ansteckungsraten drücken.

Die Kurven, die optisch herausstechen, sind die von Hongkong, Japan, Taiwan und Südkorea. Die Zahl der Infizierten steigt dort wesentlich langsamer - meist ohne drakonische Lockdowns. Die Methoden, mit denen die Ansteckungskurven abgeflacht wurden, sind in diesen Ländern recht ähnlich:

  • Flächendeckende Coronatests.

  • Möglichst lückenloses digitales Tracking aller Infizierten und all ihrer Kontaktpersonen.

  • Schnellstmögliche Isolation aller Infizierten und schnelle, vorsorgliche Quarantäne all ihrer Kontaktpersonen, bis auch diese getestet sind.

  • Konsequentes Tragen von Atemschutzmasken im öffentlichen Raum.

  • Händewaschen.

  • Sicherheitsabstand von 1,50 Meter zu anderen Personen.

Keine der Maßnahmen funktioniert auch nur im Ansatz perfekt. Aber zusammengenommen scheinen sie ein recht wirkungsvolles Sicherheitsnetz zu ergeben, um mit dem Virus leben zu können, ohne die Wirtschaft oder das öffentliche Leben allzu stark abzuwürgen.

Das Sicherheitsnetz funktioniert ungefähr so: Wenn Leute schneller erfahren, dass sie infiziert sind oder mit Infizierten Kontakt hatten, und wenn sie sich dann rasch isolieren, und wenn zudem alle, die nicht wissen, ob sie infiziert sind, vorsichtshalber Abstand zueinander halten oder ihre Tröpfchen wenigstens in ein Stück Stoff husten, wenn sie sich doch mal zu nahe kommen, dann ist schon viel gewonnen.

Ob das auf Dauer reicht, um das exponentielle Wachstum des Virus zu unterdrücken, muss sich erst zeigen. Momentan jedenfalls scheint es gleich in mehreren Ländern gut zu funktionieren.

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Deutschland nur zum Teil auf einem guten Weg

Deutschland scheint, wenn man sich an dieser Best-Practice-Liste orientiert, nur zum Teil auf einem guten Weg zu sein, um nach dem Lockdown einen Wiederanstieg der Infektionen zu verhindern.

✅ Positiv wirken die schon jetzt recht hohen Testkapazitäten, die in den kommenden Wochen weiter ausgebaut werden sollen. Inklusive Testlaboren auf Parkplätzen, die Menschen mit dem eigenen Pkw ansteuern. Ein Konzept, das übrigens aus Südkorea übernommen wurde.

✅ Ebenfalls recht gut scheinen Verhaltensumstellungen wie Händewaschen und das Einhalten von Sicherheitsabständen zu funktionieren.

❎ Gesichtsmasken indes tragen hierzulande die wenigsten. Was nicht nur daran liegt, dass es davon in Deutschland zu wenige gibt. Sondern auch daran, dass viele Bürger kulturell bedingt mit diesem Konzept fremdeln.

❎ Die Entwicklung einer digitalen Tracking-Lösung geht in Deutschland ebenfalls nur langsam voran. Die Große Koalition ist bei dem Thema zerstritten und will sich damit erst wieder nach Ostern befassen.

Gute Aussichten für die Zeit nach dem Lockdown wären das so nicht. Weil uns keine Tracking-App warnt, wenn wir mit einem Infizierten Kontakt hatten, und weil man nicht jeden ständig testen kann, werden herumlaufende Virenschleudern hierzulande nur langsam und lückenhaft isoliert. Wer nicht weiß, dass er infiziert ist, verteilt seine Tröpfchen einfach weiter unter seinen Mitmenschen, ohne dass selbst ein einfaches Stück Stoff dazwischen ist.

Eine deutsche Tracking-App wird wohl irgendwann noch kommen. Doch bis dahin wird viel Zeit vergeudet worden sein. Täten wir uns leichter, Best-Practice-Beispiele aus Asien zu adaptieren, hätten wir vielleicht weniger Infizierte und Tote zu beklagen.

Rezepte wider die europäische Arroganz

In Diskursen heißt es oft, dass asiatische Staaten eben viel obrigkeitshöriger seien, sich leichter lenken ließen als Bürger einer westlichen Demokratie; dass sie sich weniger um Datenschutz scherten; dass sie weniger Wert auf Präzision legten, sich teils mit halbgaren Lösungen zufriedengäben.

Dass es kulturelle Unterschiede gibt, ist unbestritten. Trotzdem haben inzwischen auch demokratische Staaten wie Österreich Wege gefunden , Infektionsketten per App zu kontrollieren. Und die Lösungen, die Länder wie Südkorea im Umgang mit dem Coronavirus gefunden haben, sind teils freiheitlicher als die drakonischen Lockdowns im Westen.

Ohnehin geht es nicht darum, Konzepte aus irgendwelchen Kulturräumen 1:1 zu übernehmen. Es geht schlicht darum, offenbar wirksame Konzepte nicht mit Verweis auf irgendwelche Stereotypen abzutun. Nicht dem Paradigma der europäischen Arroganz zu verfallen. Sondern zu prüfen, welche Ideen man übernehmen kann - und was man wie anpassen sollte, damit es auch in unserem Kulturkreis funktioniert.

Selbst beim kontroversen Thema Datenschutz ist das offenbar möglich. Im Umfeld des Robert Koch-Instituts wird inzwischen an einer Tracking-App gearbeitet, die Bewegungsprofile von Nutzern aufzeichnen könnte und die per Bluetooth-Verbindung zu anderen Handys registrieren würde, mit wem man alles Kontakt hatte.

Wer infiziert ist, könnte seinem Umfeld das dann per Knopfdruck mitteilen. Die betroffenen Personen könnten sich selbst in Quarantäne stecken, bis sie getestet sind. Die deutsche Regierung erwägt, eine solche App auf freiwilliger Basis auszuprobieren. Experten prüfen, welche Daten sich dabei anonymisieren lassen.

Das Konzept für eine solche App stammt übrigens aus Singapur .

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