Tobias Rapp

Streit über Israel-Boykottbewegung BDS Offener Brief ins Nichts

Tobias Rapp
Ein Kommentar von Tobias Rapp
Ein Aufruf von mehr als tausend Künstlerinnen und Künstlern wirft dem Bundestag vor, die Freiheit des Streits über Antisemitismus einzuschränken. Doch die Behauptungen sind absurd.
Mann vor BDS-Plakat in Kairo, Ägypten

Mann vor BDS-Plakat in Kairo, Ägypten

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Amr Nabil / AP

Der Teufel steckt wie immer im Detail, nämlich in der Formulierung. In dem offenen Brief gegen den BDS-Beschluss, den mehr als tausend Künstlerinnen und Künstler, Denkerinnen und Denker unterzeichnet haben, wird die »übereifrige Überwachung der politischen Ansichten von Kulturschaffenden aus dem Nahen Osten und dem globalen Süden« beklagt. Das sei »Racial Profiling durch die Hintertür«.

Das muss man erst mal sacken lassen.

BDS steht für »Boycott, Divest, Sanction« und ist eine Bewegung, die genau das will: Israel boykottieren. Der Bundestag hatte im Mai 2019 in einer Resolution beschlossen, ihren Vertretern keine Räume mehr zur Verfügung zu stellen. Und Länder und Gemeinden aufgefordert, es auch so zu halten.

Hat der Bundestag damals, als er die BDS-Bewegung als »antisemitisch« bezeichnete, in Wirklichkeit Menschen aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Hautfarbe gekennzeichnet? Sich solidarisch mit dem Staat Israel zu zeigen, ist das Rassismus »durch die Hintertür«? Absurd. Die Resolution richtet sich gegen das, was einige Leute sagen oder glauben. Nicht gegen das, was sie sind. 

»Wir können nur ändern, was wir konfrontieren« heißt ein Aufruf, der heute veröffentlicht worden ist. Erst vergangene Woche war die Initiative »Weltoffenheit 5.3 GG« an die Öffentlichkeit getreten, die Leiter großer deutscher Kulturinstitutionen hatten beklagt, der BDS-Beschluss des Bundestages behindere ihre Arbeit. 

Bedrohung, die nicht existiert

Nun also die Künstler und Intellektuellen. Die, die von den Institutionen eingeladen werden. Oder eben nicht. Das ist zumindest die Angst, die aus dem Brief spricht. Ein »Klima der Zensur« wird beklagt. Aber hier wird ein Bedrohungsszenario aufgemacht, das so nicht existiert. 

Worum geht es ihnen? Da ist der Fall des Philosophen Achille Mbembe, der die Ruhrtriennale eröffnen sollte und dem im Vorfeld Antisemitismus vorgeworfen wurde. Wurde er »dämonisiert«, wie die Unterzeichner behaupten? Nein. Er wurde kritisiert. Und ausgeladen wurde er auch nicht. Die Ruhrtriennale wurde abgesagt, wegen Corona. Sind die Antisemitismusvorwürfe gerechtfertigt? Darum ging es in der Debatte im Frühjahr, Mbembe wurde nicht etwa zensiert, sondern konnte seine Position ausführlich darlegen. 

Dann ist da der Fall Kamila Shamsie. Eine britisch-pakistanische Schriftstellerin, die 2019 den Nelly-Sachs-Preis bekommen sollte, bis sich die Jury dagegen entschied, als sie erfuhr, Shamsie sei BDS-Sympathisantin. Der Preis ist nach einer Dichterin benannt, die den Holocaust überlebt hat und deren Werk sich um die damit einhergehenden Verlusterfahrungen dreht. Die Jury entschied, dass eine solche Auszeichnung schlecht an jemanden gehen kann, der den Staat Israel infrage stellt. Ist das Zensur? Nein. Es ist unangenehm. Für die Autorin genauso wie für die Jury. Aber nicht mehr. 

Hochgradig albern

Natürlich ist es hochgradig albern, wenn eine deutsch-jüdische Musikerin wie Nirit Sommerfeld vor jedem Auftritt begründen muss, wie sie zu Israel steht. Und ja, Peter Schäfer, der ehemalige Leiter des Jüdischen Museums Berlin musste unter unwürdigen Umständen zurücktreten. 

Es ist die Stimme der neuen Berliner Kunst- und Kreativszene, die sich erhebt.

Darüber muss gestritten werden, und das wird es auch, seit Monaten. Hinter diesem Streit eine gemeinsame rassistische Struktur zu vermuten, mit der die »Stimmen des globalen Südens« zum Schweigen gebracht werden sollen, ist bizarr.

Was ist hier los? 

Gut die Hälfte der tausend Unterzeichnerinnen und Unterzeichner lebt in Berlin. Es ist die Stimme der neuen Berliner Kunst- und Kreativszene, die sich erhebt. Die meisten Leute kommen nicht aus Deutschland, sondern sind aus aller Welt eingewandert, aus England, den USA, Israel, Frankreich, den arabischen Ländern, Afrika.

Die Perspektive dieser Leute ist international, und Rassismus, Kolonialismus und Antisemitismus sind für sie Teil des gleichen Übels. Es ist eine Weltoffenheit, die sich mit einer spezifisch deutschen Perspektive schwertut: dem Eindruck nämlich, dass ein Boykott Israels für deutsche Ohren an die Verbrechen der eigenen Großväter erinnern kann. Und nicht an postkoloniale Kämpfe. 

Tatsächlich treffen in der Debatte über die BDS-Bewegung zwei unterschiedliche Perspektiven aufeinander, die sich scheinbar gegenseitig ausschließen. Für die eine ist der Holocaust ein in der Geschichte einzigartiges Verbrechen, das Deutsche an Juden begangen haben. Daraus folgt die Pflicht eines jeden Deutschen, jede Form von Antisemitismus zu bekämpfen – und Solidarität mit dem Staat Israel zu zeigen, im Zweifelsfall die letzte Heimstatt der Juden. Für die anderen ist der Holocaust ein Menschheitsverbrechen, eine universelle Chiffre für das Böse, das Menschen anderen Menschen antun können. Daraus zu lernen heißt, die Wurzeln dieses Bösen auch im Heute zu erkennen – zum Beispiel im Kolonialismus und Rassismus –, um ihm entgegentreten zu können.

Unnötige Zuspitzung

Was viele derer, die sich im Streit über den BDS-Beschluss einmischen, verkennen, ist: Die beiden Perspektiven müssen sich nicht ausschließen. Im Gegenteil, die Debatte darüber, wie diese beiden Perspektiven in ein Verhältnis zu setzen wären, läuft ja längst.

Doch wer glaubt – wie die Unterzeichner dieses Briefs – man könne in Deutschland die spezifischen Bedingungen, die zur Ermordung von sechs Millionen Juden geführt haben, ausstreichen und in einer allgemeinen Gewaltgeschichte der Welt überführen, der spielt ein gefährliches Spiel. 

Der Bundestag hat die Anti-BDS-Resolution mit Stimmen aus fast allen Fraktionen mit großer Mehrheit verabschiedet, mehrere Abgeordnete aus der Linke-Fraktion stimmten mit Nein. Die AfD enthielt sich geschlossen. Wer das für Rassismus hält (und sei es »durch die Hintertür«), der weiß nicht, wovon er spricht.

Anmerkung: In einer früheren Version stand, die AfD habe geschlossen gegen die Resolution gestimmt. Wir haben den Fehler korrigiert.

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