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MUSIK / CASKEL Strich am Becken

aus DER SPIEGEL 48/1969

Kein Deutscher macht mehr Wirbel für Neutöner als der Kölner Schlagzeuger Christoph Caskel, 37:

Nach Noten von Bartók, Milhaud und Boulez, nach graphisch verschlüsselten Partituren von Stockhausen. Ligeti und Berio, nach Lust und Laune bei den Musik-Happenings von Mauricio Kagel wirbelt, rasselt, trommelt und hämmert »diese rhythmische Urbegabung« (so die Wiener »Arbeiter-Zeitung") auf Tom-Toms und Tam-Tams, Marimbaphon und Vibraphon, auf Tiroler Almglocken. javanischen Gongs, ägyptischen Sistren und Darabukka-Trommeln

Mit seinem reichbestückten europäischen und exotischen Schlagwerk gibt Caskel schon seit langem in der zeitgenössischen Musik den Ton an: »Der Schlagzeuger«, so Caskel, »ist zweifellos der moderne Instrumentalist par excellence.«

Caskels schlagender Beweis: Caskel, Dieser »technisch virtuoseste und musikalisch phantasievollste Schlagzeuger Deutschlands« ("Süddeutsche Zeitung") ist für die modernen Komponisten längst ebenso unentbehrlich wie die Kölner Klavier-Brüder Kontarsky und der Cello-Professor Siegfried Palm. Für den Komponisten Stockhausen bastelte er verschiedene Schlagapparate und lockte ihn so »aus seinem Zwölfton-Verschlag« (Ceskel).

Der Komponist dankte es ihm. Schon bei der Uraufführung (1960) von Stockhausens »Kontakten für elektronische Klänge, Klavier und Schlagzeug« durfte Caskel eine ganze Perkussions-Batterie in Betrieb setzen, darunter eine Hi-Hat-Maschine. Schlitztrommeln« Viehschellen« Woodblocks und Pendelrasseln aus Bambus. Auch in Kagels »musikalischem Pingpong-Spiel »Match"', bei dem zwei Cellisten mit Klangfetzen gegeneinander ankämpfen, hat Caskel, als dritter Mann, mit Händen und Füllen genug zu tun: Er schüttelt Rasseln, bläst die Trillerpfeife, drückt auf die Klingel und haut auf die Pauke.

Das hallt weltweit zurück: von deutschen (Wergo) und amerikanischen (Time records) Langspielplatten, in Radio-Nachtprogrammen und TV-Experimenten, immer häufiger auch in Kammermusik-Zirkeln und im grollen Konzertsaal.

So startet der Solo-Drummer, mit einer Auswahl seiner 38 Instrumentenkoffer im Taxi-Troll und sein handgrolles, »stummes Übeböckchen« (Caskel) zum lautlosen Training stets griffbereit, nach Rom, Prag, London, Lissabon, New York zum »Warschauer Herbst« und zum »East-West Music Encounter« in Tokio.

Weltweiten Zulauf hat Caskel inzwischen auch als Lehrer und Dozent. An der Rheinischen Musikschule in Köln, bei den Ferienkursen der Neutöner in Darmstadt und beim Avantgardisten-Treffen in Donaueschingen zeigt er Schülern aus Oslo und Tel Aviv den rechten Umgang mit Paukenschlegel und Trommelstäben, gibt er den Komponisten Tips, wie sie dem Schlagzeuger übersichtlichere Partituren schreiben können.

Dabei hat sich der Greifswalder Professorssohn Caskel solche Raffinessen seines Handwerks fast allein eingepaukt: mit drei »als kleiner Oskar Matzerath« (Caskel), mit fünf bei einem Militärmusiker. als Primaner unter Aufsicht eines Schlagzeugers von der Berliner Staatsoper.

Doch nachdem er 1953 im Solinger Stadtorchester ein Jahr lang bloß »Traviata« und »Maske in Blau« getrommelt hatte, griff er zu exotischen Instrumenten, exerzierte deren Schlagtechnik und suchte nach neuen Klängen.

Er fand sie unter der Erde. In den Gewölben einer ehemaligen Kölner Brauerei, durch Wolldecken und Eierkisten schallisoliert, schüttelt er auch heute noch, »oft bis drei Uhr nachts« (Caskel), knifflige Synkopen aus dem Handgelenk, probiert den Knalleffekt einer Treiberklappe aus und streicht mit dem Geigenbogen am Beckenrand entlang: »All dieses Quietschzeug will ich lernen.«

Klassischen Wohlklang kennt Caskel kaum mehr: »Bei Beethoven und Brahms liege ich völlig brach.« Nur manchmal sitzt er noch inmitten des WDR-cigenen Barock-Ensembles »Cappella Coloniensis« und schlägt die Pauke für Stamitz und Telemann.

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