Stromaes Auftritt im TV-Interview Ein Taschenspielertrick mit Tiefe

Mit seiner Gesangseinlage in einer französischen Nachrichtensendung verwischt der belgische Popsänger Stromae Grenzen: Wie weit darf Kunst in journalistische Abläufe eingreifen? Aber genau solche Irritationen machen den Sänger authentisch.
Stromae alias Paul van Haver (Archivbild): der Auftritt als Ereignis

Stromae alias Paul van Haver (Archivbild): der Auftritt als Ereignis

Foto: Johnny Nunez / WireImage / Getty Images

Es ist ein Coup, ein Geniestreich, vielleicht sogar eine Frechheit. Es war zunächst aber ein gewöhnliches Interview, wie Anne-Claire Coudray es mit ihren Gästen schon oft geführt hat. Das »Journal de 20 heures« auf dem französischen Sender TF1 ist die meistgesehene Nachrichtensendung in Europa, und die Moderatorin spricht diesmal mit dem belgischen Musiker Paul van Haver.

Unter dem Künstlernamen Stromae gilt er als einer der talentiertesten Künstler des Kontinents – auch wenn diese Einsicht bisher die Sprachhürde nach Deutschland noch nicht hat überwinden können, wo man seine Lieder über Krebs oder Jugendarbeitslosigkeit für harmlose Chansons und einen globalen Erfolg wie »Alors On Danse« für einen heiteren Urlaubshit hält.

Vor sieben Jahren, da war er auf dem Sprung zum Weltruhm, hatte sich Stromae wegen psychischer Probleme überraschend zurückgezogen. Und war weg. Komplett. Jetzt ist er wieder da, im März wird sein drittes Album erscheinen.

»In Ihren Liedern sprechen Sie auch viel über Einsamkeit«, sagt Coudray und fragt irgendwann: »Hat die Musik Ihnen geholfen, sich davon zu befreien?«. Da erklingt von irgendwoher ein hingetupftes Piano. Und Stromae singt.

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Er singt ganz unvermittelt: »Ich bin nicht allein damit, mich allein zu fühlen, und das erleichtert mich ein wenig. Und wenn ich uns alle zusammenzählen würde, wären wir schon viele«, und so singt er weiter, ohne sich vom Platz zu rühren, bald auch direkt in die Kamera, von Depression, Selbstmordgedanken und der privaten Hölle, singt »L’Enfer« vom kommenden Album.

Mediale Überrumpelung

Inszeniert ist das Chanson als seine Antwort auf die Frage. Mit mimischem Minimalismus greift Stromae lediglich den einen oder anderen Aspekt der Musik auf, während eine umsichtige Regie dem prachtvoll illuminierten Paris im Hintergrund allmählich jede Farbe entzieht. Nach knapp drei Minuten ist das Lied vorbei, die Farben und das Licht kehren zurück, und Coudray bedankt sich für dieses »Geschenk«.

Tatsächlich ist der Auftritt eine mediale Überrumpelung, wie sie unserer Tage ohne Beispiel ist. Ein Ereignis.

Der Clou liegt in der Stille der Darbietung – und der Grenzüberschreitung, die Kunst gewissermaßen von der Bühne ins journalistische Gespräch selbst zu schmuggeln. Normalerweise geht ein Musiker nach dem Interview auf die Bühne. Hier nicht. Hier ist einem Menschen, so scheint es, das Herz so übervoll, dass er vom Reden ins Singen kippt – ein klassischer Musical-Moment, unerwartet und zur besten Sendezeit.

In der frankofonen Welt wird diese Inszenierung mehrheitlich als Sensation gefeiert.

Eine Ausnahme bildet die linke Tageszeitung »Libération« , die »rote Linien« überschritten sieht, weil ein seriöses Medium sich hier für »Marketing« geöffnet habe. Die Redaktion der Sendung war eingeweiht, die Form der Darbietung hat zum Effekt der Überraschung beigetragen. Die saubere Trennung – hier das Interview, dort die Show – war für ein paar magische Minuten aufgehoben.

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Gewiss kann man das kritisieren.

Man kann es kitschig finden. Umso vehementer, wenn man von Schwermut oder gar Depressionen nicht beeinträchtigt ist. Man kann es auch für publizistisch fragwürdig halten. Umso heftiger, wenn man vom Künstler nichts wissen will und Kunst für ein Produkt hält, für das etwas so Schäbiges wie »Werbung« nur auf den dafür eigens ausgewiesenen Plätzen erlaubt ist – und nicht etwa ein Werk, das aus dem Leben etwas über das Leben erzählen könnte.

Irritierend und bezaubernd zugleich

In dem Moment, als er anfängt zu singen, hört in Wahrheit die Werbung auf – und fängt die Kunst an, ihre wahre Wirkung zu entfalten.

Das Arrangement solcher Irritationen gehört zu seinen Talenten. Schon im Dezember hatte Stromae in der »Tonight Show« von Jimmy Fallon die Single »Santé« auf eine so irritierende und bezaubernde Weise inszeniert, wie man sie auch im US-Fernsehen noch nicht gesehen haben dürfte.

Und schon vor Jahren glückte ihm ein vergleichbarer Streich im »Grand Journal« eines französischen Privatsenders, als er für seinen Song »Tous le même« zunächst in einer Doppelrolle als Mann und Frau befragt wurde – bevor er auf der Bühne beide Geschlechter gleichzeitig verkörperte.

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»L’Enfer« auf TF1 übertrifft diesen früheren Auftritt, indem Stromae ihn performativ noch unterbietet. Keine Tänzer, keine Windmaschinen. Einfach ein Typ, der da sitzt und über Verzweiflung singt, wie zuletzt ein Jacques Brel das konnte, und als wäre er wirklich allein, nicht etwa auf einem »plateau de téle« vor Millionenpublikum. Ein Typ, dem man auch glaubt, was er da singt.

Hierzulande haben es unlängst immerhin Die Ärzte geschafft, das Intro der »Tagesthemen« spielen zu dürfen – ebenfalls ein kultureller Eingriff in publizistische Abläufe.

Nicht ausgeschlossen also, dass eines Tages eine Marietta Slomka im »heute journal« ein Gespräch über ein gesellschaftlich so relevantes Thema wie die Depression führen wird. Und dass dieses Interview dann eine meinetwegen inszenierte, aber eben doch atemberaubende Wendung nehmen könnte, wie wir sie jetzt im französischen Fernsehen erleben durften.

Ein wenig deprimierend nur, dass einem in Deutschland beim besten Willen niemand einfällt, der oder die zu einem solchen Wagnis bereit, zu einer solchen Frechheit in der Lage wäre.

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