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ARCHITEKTUR / DENKMAL Stumpfer Stern

aus DER SPIEGEL 39/1968

Der Auftrag kam von der Kommunistischen Partei: Für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die beiden großen Toten der Arbeiterbewegung, sollte ein Denkmal zeugen.

Mies van der Rohe, den seine Fachkollegen damals noch den »Backsteinarchitekten« nannten, baute es: einen abgestuften Quader aus roten Klinkern, 15 Meter lang und 4,50 Meter breit. Das war 1926.

Nun, 1968, soll das denkwürdige Denkmal noch einmal errichtet werden. Denn von dem Original -- von dem etwa der Direktor im Museum of Modern Art in New York, Arthur Drexler, meinte, es sei »als abstrakter Ausdruck der Unruhe unerreicht« -- existieren nur noch Photos; NS-Bereiniger zerstörten es 1933.

West-Berlins oppositionelle Jung-Architekten ("Aktion 507") wollen nachholen, was auch die »Stalinisten« (so die »Aktion«-Architekten) in Ost-Berlin bislang versäumt haben. Auf Ost-Berliner Gelände, auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde, hatte das Liebknecht-Denkmal einst gestanden.

Am vorletzten Sonntag taten »Aktion«-Mitglieder den ersten symbolischen Spatenstich: Unweit der am selben Tag eröffneten Nationalgalerie von Mies van der Rohe, an jener Stelle, wo die Kommunisten-Führer einst ermordet wurden, soll das Stein-Werk rekonstruiert werden. Vorgesehener Enthüllungstermin: 15. Januar 1969, der 50. Jahrestag der Ermordung.

Spontan fanden sich letzte Woche mehr als 1000 Unterzeichner für die von den Jung-Architekten ausgelegten Förderer-Listen. Der italienische Maler Piero Dorazio beispielsweise stiftete sogleich eines seiner Bilder im Werte von 10 000 Mark. Gegen die Rekonstruktion ist bislang eigentlich nur einer -- der Erbauer selber. Er wolle sich, ließ Mies van der Rohe wissen, mit den »alten Klamotten« vergangener Jahrzehnte »nicht befassen«.

Meinungsverschiedenheiten könnte es freilich auch noch über das Dekor geben, mit dem Mies einst den Gedenk-Quader geziert hatte: Neben der Fahnenstange prangte ein fünfzackiger Hammer-und-Sichel-Stern aus rostfreiem Stahl. Besorgt fragte die »FAZ": »Ist das heute noch möglich?«

Die Apo-Architekten sehen es anders -- wie jener (nazibraune) Wahlkämpfer bei Tucholsky, der einem Polizisten entgegenhielt: Was er anhabe, sei kein braunes Hemd, »Diß iss ein weißes Hemde«, weißer könne seine Frau nicht waschen.

Der Fünfzack an dem Monument, erläutern die »Aktion«-Teilnehmer, lasse (durch seine stumpferen Winkel) eindeutig erkennen: Es ist kein Sowjetstern, sondern der Stern des Spartakus-Bundes.

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