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RAUMFAHRT Sturm auf den Phallus

Die US-Raumfähre Challenger soll Ende der Woche starten - mit neuen Testaufgaben. Zum erstenmal fliegt eine Frau mit. *
aus DER SPIEGEL 24/1983

Ihr sei »schwindlig« und »übel«, klagte die gelernte Textilarbeiterin und Freizeit-Fallschirmspringerin. Doch das half ihr wenig. Die Verantwortlichen taten das Unwohlsein als Lampenfieber ab, zurrten ihr die Sitzgurte fest, schlossen die Luke der Raumkapsel Wostok 6 und schossen, am 16. Juni 1963, Walentina Tereschkowa ins All.

Drei Tage lang mußte die damals 26jährige Russin, geplagt von Übelkeit und gelegentlich hysterischer Ratlosigkeit, zum Ruhme der Sowjet-Union als erste Frau die Erde umkreisen.

Zwanzig Jahre und zwei Tage nach dem Flug der russischen Weltraumfahrerin wird am Sonnabend dieser Woche, wenn alles nach Plan verläuft, auch die erste Amerikanerin ins All aufbrechen: Sally Kristen Ride, 32, soll gemeinsam mit Robert Crippen, Frederick Hauck, John Fabian und Norman Thagard mit der Raumfähre »Challenger« von Cape Canaveral aus zum siebten Space-Shuttle-Flug abheben.

Nur mit einem Nebensatz würdigte die Raumfahrtbehörde Nasa die Premiere einer Astronautin in der Vorausmeldung über die Mission »STS - 7«.

Doch auch der Nasa-Hinweis auf die sieben weiteren weiblichen, vier schwarzen, je zwei jüdischen und europäischen und den einen halbchinesischen Astronauten im 78 Köpfe starken Nasa-Team konnten die Medien nicht davon abbringen, Amerikas erste Astronautin zur nationalen Showgröße aufzuplustern.

»Newsweek« widmete der promovierten Physikerin letzte Woche eine Titelgeschichte. Für das Feministinnen-Magazin »Ms.« war Sally Ride die Frau, die in die »Welt der flammenspeienden phallischen Raketen hineinstürmt«. In einer vierteiligen Serie erzählte die »Washington Post« Sally Rides Lebensgeschichte von der Wiege bis zur Startrampe.

Klatsch- und Raumfahrtjournalisten begehrten Auskunft, ob Sally während des Fluges »einen BH tragen« werde (Ride-Antwort: »In der Schwerelosigkeit hängt nichts runter") und ob sie »weint, wenn sie ein kniffliges Problem nicht lösen kann« (Ride: »Warum stellt niemand die Frage an Rick Hauck").

Neben dem drahtigen Glamour der »Weltraum-Frau« ("Newsweek") schien die raumfahrttechnische Bedeutung der bevorstehenden Shuttle-Mission beinahe zu verblassen: Zum erstenmal werden fünf Astronauten gleichzeitig zu einem Raumflug starten.

Nur Kommandant Crippen, der gemeinsam mit Astronauten-Chef John Young vor zwei Jahren die erste Shuttle-Mission absolvierte, hat Weltraumerfahrung. Unter den Neulingen der »Challenger«-Mannschaft ist Dr. Norman Thagard, der erst im Dezember letzten Jahres als fünfter Mann benannt worden war. Thagard fliegt als Bordarzt mit, um die Symptome der Raumkrankheit, von der zahlreiche US-Astronauten in den ersten Tagen der Schwerelosigkeit geplagt wurden, direkt an Patienten zu beobachten.

Mit einem dicht gedrängten Arbeitsplan gehen die »Mission Specialists« Sally Ride und Air-Force-Oberstleutnant Fabian an den Start. Ride und Fabian sollen die Funk- und Fernsehsatelliten »Anik C 2« (für Kanada) und »Palapa B-1« (für Indonesien) aus dem Frachtraum der Raumfähre ins All entlassen.

An Bord ist außerdem die Satelliten-Plattform »SPAS - 01«, die der Ottobrunner Raumfahrtkonzern Messerschmitt Bölkow Blohm (MBB) entwickelte und von der die europäische Raumfahrtbehörde Esa hofft, sie künftig als unbemannte Station für längere Aufenthalte im All einsetzen zu können.

Für Bau und Entwicklung der 4,8 Meter langen, 3,4 Meter hohen und anderthalb Meter breiten Plattform gab MBB - einschließlich Startkosten - 32 Millionen Mark aus. Die 1800 Kilogramm schwere Instrumentenpalette ist so ausgelegt, daß sie wenigstens fünfmal, nach Computerberechnungen der Esa bei sorgsamer Behandlung womöglich sogar 10 000mal wiederverwendbar ist.

Wieweit die Esa-Hochrechnung sich erfüllen wird, hängt vor allem von der Geschicklichkeit der Missionsspezialisten ab. Sally Ride und Fabian sollen mit Hilfe des in Kanada entwickelten Robotarms den MBB-Satellitenkasten aus dem Frachtabteil heben und freischwebend im All stationieren.

Der Flugplan sieht vor, daß sich die Shuttle zweimal auf eine Distanz von rund 800 Metern von der SPAS entfernt und sich - einmal mit Hand-, dann mit Radarsteuerung - dem Satelliten wieder nähert.

Dann soll sich die Greifvorrichtung des 15 Meter langen Robotarms in die passende Kupplung einklinken und die Plattform in den Frachtraum der Fähre zurückholen - erster Test für die Aufgabe künftiger Shuttle-Astronauten, reparaturbedürftige Satelliten aus der Erdumlaufbahn zu bergen und zur Erde zurückzubringen.

Für den Ersteinsatz ist der SPAS-Prototyp, der mit rot-grünen Positionslichtern und zwölf Steuertriebwerken bestückt ist, mit acht Forschungspaketen beladen. Wenn sich die Instrumentenpalette, für deren Erprobung zwei volle Arbeitstage vorgesehen sind, im Fluge bewährt, hätten die MBB-Ingenieure erstmals einen preiswerten wiederverwendbaren Forschungssatelliten geschaffen.

Daß Sally Ride und ihr Kollege Fabian die Premiere der westdeutschen Zulieferung vermasseln könnten, scheint wenig wahrscheinlich. Die beiden Missions-Spezialisten haben die Handhabung des Robotarms in Tausenden von Trainingsrunden geübt. In Nasa-Kreisen gelten sie mittlerweile als »Meister des Arms«.

So dürfte den Piloten Crippen und Hauck bei dem »extraterrestrischen Fischfang« ("Time"), der Einholung des MBB-Satelliten, die Schlüsselrolle zufallen.

Glücken diese Manöver wie geplant, müssen die beiden Männer im Cockpit allerdings noch eine zweite Ersttat vollbringen: Zum erstenmal soll die Raumfähre nicht in Kalifornien, sondern dort wieder zur Erde gebracht werden, von wo aus sie sechs Tage zuvor gestartet ist - auf dem 5100 Meter langen und 91 Meter breiten Landestrip in Cape Canaveral, fünf Meilen vom Startkomplex 39 entfernt.

Verpaßt Crippen die Landebahn, kann die Fünf-Mann-Mission notfalls im »Banana«-River enden. Der ist zwar flach, aber reichlich bevölkert von Alligatoren.

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