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AUSSTELLUNGEN / TRIENNALE Sturm auf Vitrinen

aus DER SPIEGEL 24/1968

Im Palazzo dell'Arte löschten Kunststudenten das Licht und trieben die Besucher aus dem Haus: Nach den internationalen Filmfestspielen von Cannes und Pesaro besetzten junge Rebellen erstmals eine internationale Ausstellung -- die 14. Mailänder »Triennale« für angewandte Kunst, moderne Industrieprodukte und Architektur.

Eine Stunde nach der Eröffnung erklärte ein revolutionäres Komitee Europas bedeutendste Design-Schau für »tot«. Die Protestaktion richtete sich vor allem gegen ein Ausstellungsstück, das in guter Absicht aufgestellt worden war: eine Barrikade, wie sie ähnlich die Aufrührer jüngst in Paris, Rom und Belgrad erbaut hatten. Das Bollwerk, aus Steinen, alten Kühlschränken, ausrangierten Fernsehgeräten, Autos, Waschmaschinen und Staubsaugern aufgeschichtet, sollte nach dem Willen der Triennale-Leitung den »Protest der Jungen« manifestieren.

Die Jungen jedoch empfanden die Attrappe als Hohn auf ihre Rebellion und rüsteten sich zum Gegenprotest. Eine Hundertschaft erwirkte vom toleranten Triennale-Präsidenten Dino Gentili freien Einlaß in den Ausstellungspalast -- für einen Disput. Noch während der Diskussion entschlossen sich die Revolutionäre zur Okkupation. Inmitten der wertvollen und schutzbedürftigen Ausstellungs-Objekte waren sie vor einer Saalschlacht mit Polizisten sicher.

In luftgefüllten Plastik-Sesseln des französischen Entwerfers Quassar Khanh richteten sie sich zum Bleiben ein: Sie redigierten eine Wandzeitung« pinselten Kampfparolen an die Palast-Fassade ("Mailand Paris") und formulierten bei »Ballantine"s« und »Splügen Bräu« das Aktionsprogramm: Abbau der »Klassenkultur« und »Kunst für alle«, »Schluß mit den faschistischen Triennalen« und »Gewalt statt Dekorationen zur Veränderung der Gesellschaft«.

Die Besatzungsmacht ließ dabei außer acht, daß auch die Triennale-Leitung die »Veränderung der Gesellschaft« zur Diskussion stellen wollte -- denn noch nie war ein Triennale-Thema so aktuell konzipiert und so avantgardistisch ausgeführt worden wie in diesem Jahr.

Die Ausstellungsleitung hatte die Darstellung der Bevölkerungsexplosion und der wachsenden Technisierung unter dem Schlagwort »Die große Zahl« als Generalthema vorgeschrieben und sogar utopische Vorschläge akzeptiert:

Eine britische Architektengruppe beispielsweise stellte Plastik-Häuser zum Aufblasen vor, sowjetische Städtebauer zeigten »Wohn-Visionen einer kommunistischen Gesellschaft«, junge Amerikaner arrangierten griechische Säulen, Autotüren, Blinkleuchten, Fernsehgeräte und Teppiche zu einer anarchistischen Pop-Landschaft. Thema: »Kritik der Konsumgesellschaft«. Der Architekt Shadrach Woods schließlich durfte in einem gepolsterten Raum mittels violetten Lichts, Simultan-Projektionen und Ton-Montagen eine »Welt mit sechs Milliarden Menschen« suggerieren.

Um sich von den sterilen Vitrinen-Ausstellungen früherer Triennalen zu distanzieren, installierte Italien eine Seewasser-Entsalzungsanlage im Palazzo« Osterreich entfesselte -- der originellste Triennale-Einfall -- einen künstlichen Schneesturm; denn: »Schnee ist ein Massenprodukt unseres Landes.« Allein das revolutionäre Kuba präsentierte konventionelle Aschenbecher auf hergebrachte Weise: in Vitrinen.

Die Deutschen haben in Mailand für 250 000 Mark aus Bundesmitteln vor allem Arbeiten der von Auflösung bedrohten Ulmer »Hochschule für Gestaltung« aufgestellt: eine variable Bus-Haltestelle und eine neuartige Verkehrsampel.

Als »Herzstück« des deutschen Triennale-Beitrags ("Gestaltung im öffentlichen Leben") jedoch rühmte Deutschlands Triennale-Kommissar Fritz Gotthelf, 54, das Gipsmodell zweier zopfartig verschlungener Fahrbahnen einer »psychodynamischen Stadtstraße"« die schon bei Krupp zur Produktion ansteht.

Doch zum Rühmen blieb nicht viel Zeit. Die Okkupanten, entschlossen, über einen Abzug nicht zu verhandeln, stellten die in Mailand versammelten Länder-Kommissare vor die Entscheidung: Abbauen oder Abwarten.

Als erster kapitulierte der tschechoslowakische Kommissar Professor Karel Hettes: Aus Solidarität mit den Revolutionären war er zum Rückzug bereit, drohte aber zugleich der italienischen Regierung mit Schadenersatz-Forderungen für den vergeblichen Aufwand. Dem Beispiel des Tschechen folgten die Rumänen und Jugoslawen.

Die übrigen Länder, darunter Deutschland, wollten die Studenten von Mailand nicht unterstützen, doch reisten auch ihre Vertreter unter Regreßvorbehalt aus Mailand ab. Erst wenn die Triennale-Leitung eine neue Einladung ausspricht und für störungsfreien Ablauf sorgt, wollen sie wiederkommen.

Die Besatzer freilich rechnen nicht mit einem Comeback. Sie sind gewillt, bis Ende des Monats die Stellung zu halten. Spätestens dann wollen sie zu einer neuen Aktion aufbrechen.

Nach der geglückten Palast-Revolution in Mailand beschlossen Italiens Kunststudenten einen Bildersturm auf die internationale Biennale in Venedig.

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