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Kulturkritik Sturm vom Paradies

Der Suhrkamp-Verlag bringt zum erstenmal eine umfassende Werkausgabe des Philosophen und Essayisten Walter Benjamin heraus, dessen exzentrischer Sozialismus die Neue Linke beeinflußt hat.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Noch einmal habe dieser Publizist »den verrufenen Begriff des Philosophen zu Ehren gebracht« -- schrieb Theodor W. Adorno 1940. Und Hannah Arendt sieht in ihm gar »den bedeutendsten Kritiker der Zeit«.

Gemeint ist Walter Benjamin, der sich 1940 im Exil das Leben genommen hat; ein Autor. den der Philosoph Jürgen Habermas »unübersichtlich« nennt und dessen »skandalöse Unbekanntheit« Ernst Bloch beklagt.

Beidem, der Unübersichtlichkeit und der Unbekanntheit, soll nun abgeholfen werden. Am 30. Juni stellte der Suhrkamp-Verlag in Frankfurt die ersten drei Bände einer seit fast zehn Jahren vorbereiteten Edition vor: der »Gesammelten Schriften« Benjamins**. Auf den geplanten 5000 Seiten wird diese Ausgabe, die bis 1975 fertiggestellt sein soll, vieles bisher Ungedruckte enthalten

Obwohl mit den »Gesammelten Schriften« der Streit um die Nachkriegs-Editionen Benjamins (SPIEGEL 16/1968) wohl beendet werden wird, bleibt fraglich. ob sie auch den Unfrieden unter den Interpreten Benjamins angesichts der Frage schlichten können, wie weit er sich dem Marxismus verschrieben hatte. So meint sein engster Freund, der in Jerusalem lebende Gershom Scholem, für Benjamin sei »am Ende seines Lebens der historische Materialismus nur noch eine »Puppe"« gewesen, welche durch »die verborgene Meisterschaft der Theologie« in Dienst genommen werde. Und Habermas spricht von der »unmarxistischen Grundüberzeugung« Benjamins -- offenbar. um ihn dann besser als »konservativ« abstempeln zu können.

Selbst Benjamin- Herausgeber Tiedemann findet, daß sein Marxismus »problematisch genug ist und keinem problematischer als dem Marxisten« -- Der Marxist und Ost-Berliner Benjamin-Interpret Gerhard Seidel hingegen hält ihn für einen »Antibourgeois"« der »den Sozialismus nicht nur im Herzen getragen, sondern ihn auch mit allen Kräften seines kritischen Geistes in sich herausgebildet und befördert« habe.

Benjamins Weg zum revolutionären Theoretiker hatte, ähnlich wie bei Georg Lukács und Herbert Marcuse, in einer großbürgerlichen Familie angefangen. Er verbrachte seine Kindheit in einer »hochherrschaftlich möblierten Zehnzimmerwohnung« des Berliner Westens. Obwohl Jude. schloß er sich der antibürgerlichen Jugendbewegung und ihrem Mentor, dem liberalen Pädagogen Gustav Wyneken, an -- allerdings nur solange, bis er sehen mußte, wie auch Wyneken bei Kriegsausbruch 1914 in einen Taumel nationalistischer Begeisterung geriet.

1923 forderte man ihn auf, sich zu habilitieren; seine -- freilich nicht gerade im gängigen akademischen Stil verfaßte -- Arbeit »Ursprung des deutschen Trauerspiels« stieß aber auf unverhohlene Ablehnung.

Daß das Trauerspiel-Buch. eine Analyse vergessener Barock-Dramen, auch eine politische Dimension hat, beweist ein Brief, den Benjamin 1930 an den scharfzüngigen Staatsrechtler und prominenten Gegner der parlamentarischen Demokratie Carl Schmitt richtete. In diesem Brief weist Benjamin darauf hin, daß er seine »kunstphilosophischen Forschungsweisen durch Ihre staatsphilosophischen« bestätigt gefunden habe. Gemeinsamer Bezugspunkt ist dabei offenbar die »politische Theologie« -- für den späteren NS-Theoretiker Schmitt die Frage nach dem Souverän jenseits von geltendem Recht und Verfassung: nämlich dem Diktator, für den jüdischen Sozialisten Benjamin das Problem radikaler Kritik am bestehenden kapitalistischen Staat. Eine Art Anarchismus verband beide.

Ob Antibourgeois, ob »Geisterseher in der Bürgerwelt« (so der österreichische Marxist Ernst Fischer) -- sicher ist, daß Walter Benjamin sich schwerlich zur Demonstration einer ungebrochenen Weltanschauung eignet.

Seine Kulturkritik -- weitgehend frei von ideologischen Leitlinien -- beschreibt den Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft anhand ihrer Produkte. Im Gegensatz zu Nietzsche (und Adorno) trauert er dabei nicht dem Untergang des Individuums und seiner esoterischen Kunstwell nach, er registriert vielmehr die politischen Möglichkeiten kollektiven Kultur-Konsums. Und obwohl er festhält, daß »Kritik in der Sprache der Artisten reden muß«, steht für ihn »im Zentrum der Philosophie der Klassenkampf« --

Seit den zwanziger Jahren schrieb Benjamin nicht nur Manuskripte -- er mußte auch davon leben: vor allem von den Arbeiten für Radio Frankfurt. Zwischen 1925 und 1935 veröffentlichte außerdem die »Frankfurter Zeitung« 114 Artikel von ihm.

Zeitgenossen wie Adorno der ihn 1923 als Zwanzigjähriger kennenlernte -- sahen den Autor Benjamin »völlig von der Vergeistigung geprägt«. Paradoxerweise war das aber eine Vergeistigung. die sich ans Konkrete hielt. Er zeigte sich »philosophisch um so leuchtender, je weniger das, worüber er redete, die sogenannten offiziellen Gegenstände der Philosophie waren« -- notierte Adorno. Die traditionelle Terminologie der Philosophen pflegte Benjamin »Zuhältersprache« zu nennen. weil »die Begriffe der Herrschenden allemal die Spiegel gewesen sind. dank deren das Bild einer »Ordnung« zustande kam«.

Sein ironisches Verhältnis zum Akademischen, das zugleich Komplizierte und Fragmentarische seiner Schreibweise und die philosophische Behandlung von Themen wie »Tankstelle«, »Antiquitäten« oder »Kriegerdenkmal« verschafften ihm schließlich den im deutschen Sprachraum durchaus zweifelhaften Ruf« »Essayist« zu sein. Schlimmer

* Aquarell von Paul Klee.

** Walter Benjamin; »Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Theodor w. Adorno und Gershom Scholem herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Suhrkamp Verlag. Frankfurt/M.: Band 3. 728 Seiten, 52 Mark: Band 4.1, 608 Seiten. 45 Mark: Band 4.2, 540 Seiten, 48 Mark

noch: Er schien sich zu einem Marxisten zu entwickeln.

1924 hatte er auf Capri die kommunistische Regisseurin Asja Lacis getroffen und so »Einsicht in die Aktualität eines radikalen Kommunismus« gewonnen. Er besuchte sie in Riga, wo sie ein proletarisches Kindertheater aufbaute (seine Schrift »Programm eines proletarischen Kindertheaters« wurde noch vor zwei Jahren vom »Zentralrat der sozialistischen Kinderläden West-Berlins« in einem Raubdruck »sozialisiert"), und erhielt in Moskau den Auftrag, für die »Große Sowjet-Enzyklopädie« den Artikel über Goethe zu schreiben (der dann allerdings nicht gedruckt wurde).

Wichtiger war die Freundschaft mit Bertolt Brecht, die Asja Lacis vermittelt hatte. Unter seinem Einfluß (den Scholem für »unheilvoll« hielt) änderte Benjamin nicht nur den esoterischen Stil seiner Arbeiten, sondern auch seine Kunsttheorie; Dichtung erschien ihm nun als »Nebenprodukt in einem sehr verzweigten Prozeß zur Änderung der Welt«. Habermas: Brecht wurde für Benjamin »eine Art Realitätsprinzip«.

Gleichwohl blieb der Ästhet und Sammler seltener Bücher, Walter Benjamin, der 1933 vor den Nazis ins Pariser Exil fliehen mußte, bei der Kunsttheorie -- einer Kunsttheorie freilich, die zugleich Beschreibung revolutionärer Bewußtseinsänderung ist. In der berühmt gewordenen, bis heute kaum überholten Abhandlung »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« von 1936 stellt er die Politisierung der Kunst als notwendigen Prozeß dar -- sozusagen als Beispiel für kommende Umwälzungen der Gesellschaft.

Er registriert, daß die Einführung von Photographie und Film die Wahrnehmung ebenso verändert hat, wie sie bereits Ausdruck einer veränderten Wahrnehmung ist. Mit der Einmaligkeit des Kunstwerks verschwinden auch die traditionellen Zugangsweisen: Versenkung und Kontemplation werden durch Schock und Zerstreuung verdrängt. Mit solcher »Zertrümmerung der Aura« des Kunstwerks verliert es auch seinen »Kultwert« als Gegenstand von Verehrung und also -- zum erstenmal in der Weltgeschichte -- »sein parasitäres Dasein am Ritual« (Benjamin).

Im Gegensatz zu anderen Kunststilen findet er nur in den Schock-Produkten der Dadaisten zeitgerechte Einsichten -- weil sie die »rücksichtslose Vernichtung der Aura ihrer Hervorbringungen« (Benjamin) anstreben, Und während er in der Versenkung eine »Schule asozialen Verhaltens« sieht, lobt er die dadaistische Lust am Skandal. weil sie in der »Ablenkung eine Spielart sozialen Verhaltens« schaffe.

Vor allem in der Zerstreuung und Schockwirkung des Films auf ein meist gemeinsam reagierendes Publikum findet Benjamin die nötige Anpassung an neue Aufgaben der Wahrnehmung. Zum Beispiel werde der Zuschauer durch Vergrößerung von Bild-Ausschnitten, durch Raffung des Zeitablaufs und abrupte Unterbrechungen auf optisch Unbewußtes hingestoßen -- wie in der Psychoanalyse auf die verdeckte Triebstruktur. Kunst erscheint damit in ihrer politischen Funktion: als Instrument der Emanzipation von Massen.

Obwohl Benjamin sich damit gegen den grassierenden Kulturpessimismus wendet, lehnt er gleichwohl auch den Fortschrittsglauben vieler Sozialisten ab. In den »Geschichtsphilosophischen Thesen« wirft er den Sozialdemokraten vor, die Arbeiterschaft durch die Erweckung der Illusion »korrumpiert« zu haben, daß »die Fabrikarbeit, die im Zuge des technischen Fortschritts gelegen sei, eine politische Leistung darstelle«, ja, daß der Fortschritt der Menschheit »unaufhaltsam« sei.

Benjamin war so der erste, der mit der »Frankfurter Schule« Horkheimers und Adornos zusammen eine Kritik am Fortschrittsglauben von links her entwickelte, die später die Neue Linke beeinflußt hat. Freilich teilte er nicht den Geschichts-Pessimismus der beiden; laut Marcuse war er »unfähig, den Begriff der Revolution zu kompromittieren«. Dennoch erntete er nicht entfernt den Ruhm, der Horkheimer und Adorno zuteil wurde.

Als Adorno 1955 eine zweibändige. noch ziemlich unzureichende Auswahl von »Schriften« im Suhrkamp-Verlag veröffentlichte, kam das der Neuentdeckung eines unbekannten Autors gleich. In den drei folgenden Jahren wurden davon ganze 1132 Exemplare verkauft. Aber auch die neue, überaus sorgfältig edierte Ausgabe der »Gesammelten Schriften« wird nur eine beschränkte Öffentlichkeit erreichen: die drei bisher erschienenen Bände kosten zusammen 148 Mark.

Billiger (3 Mark) und immer noch umfassend genug (500 Seiten), um größeres Interesse für Benjamin zu wecken, war 1970 ein DDR-Auswahlband ("Lesezeichen«; Reclam-Verlag, Leipzig). Weil der Herausgeber Gerhard Seidel jedoch im Vor- und Nachwort Adorno angebliche »Fälschungen« und Tiedemann »manipulierende Interpretationen« vorgeworfen hatte,

setzte der Suhrkamp-Verlag durch, daß die Auslieferung der Restauflage unterbunden wurde.

Schließlich mag auch noch die Tatsache hinderlich sein, daß ein großer Teil des Nachlasses bislang unbekannt geblieben ist. Erst 1974 soll im Rahmen der neuen Edition Benjamins geplantes und Fragment gebliebenes Hauptwerk zugänglich werden: die »Passagenarheft«. Laut Adorno wird darin die Philosophie »selber surrealistisch": Das Buch sollte lediglich aus aneinandergereihten Zitaten bestehen und derart »die Idee der Epoche konstruieren« (Adorno).

Epochen, überhaupt Geschichte, wie er sie stets skeptisch zwischen einer Art versteckter messianischer Verheißung und materialistischer Dialektik sah, erschienen Benjamin in einem Bild Paul Klees mit dem Titel »Angelus Novus«, das er in den zwanziger Jahren erworben hatte. »Der Engel der Geschichte hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet«. schreibt

er; »aber ein Sturm weht vom Paradiese her .., dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.«

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