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Kunst Sturzbäche der Erdennot

Ludwig Meidner, Maler von Weltuntergangs-Visionen und Sänger süßer »Gottbegeisterung": In Darmstadt ist das Werk des Expressionisten ausgestellt.
aus DER SPIEGEL 42/1991

Die Unfreiheit als Erlösung: Im Internierungscamp auf der Insel Man hatte sich der jüdische Emigrant aus Deutschland, der Maler Ludwig Meidner, freudig eingewöhnt. Die Kost war ausreichend gewesen, die Gegend »seelenhaft«, der Umgang kameradschaftlich.

Nun aber, im Dezember 1941, stand der Entlassene mittel- und obdachlos im kriegsverdunkelten London und fühlte sich »wie im Hades«.

Gleich erinnerte ihn die beklemmende Wirklichkeit an Künstler-Visionen. In der Londoner Wohngegend, in der Meidner vor seiner Internierung untergebracht war, hatten deutsche Bomber »wie mit Schwertern gefegt«. Ruinen tauchten auf, »peinigende Umrisse, so wie sie die Surrealisten schon vor 15 Jahren gemalt haben, diese gar nicht sympathischen Nachtwandler mit ihren unheimlichen Voraussagen«.

Gemalte Unheilsprophetien erfüllten sich - dem nächtlichen Wanderer zwischen »toten Kulissen« war das nur zu gut vertraut. Sein London-Bericht erwähnt es nicht, aber Meidner konnte kaum vergessen haben, daß er selber bereits seit 1912 eine Serie »apokalyptischer Landschaften« auf die Leinwand geschleudert hatte, gleichsam Vorweg-Illustrationen des Ersten Weltkriegs. Diese Bilder voll wankender Häuserzeilen, berstender Städte, aufbrechender Erdformationen und vom Himmel stürzender Feuergarben sind Hauptwerke des Expressionismus, sie begründen Meidners Stellung in der Kunstgeschichte. Der Maler selber nannte sie gut 20 Jahre später »meine besten und charakteristischsten«.

In anderen Lebensphasen und Stimmungen aber schienen sie ihm den »Spleen als Weltgesetz« zu verkörpern. Er wollte dann nur noch »das alte Ideal, die alte Reinheit, Gottesklarheit, die Macht der Seele unvergänglich hinstellen in jauchzenden Flächen«.

An Brüchen und Windungen, an äußeren Nöten wie an Seelenkrisen kommen wenige Künstlerviten der Moderne dem Leben und Schaffen Ludwig Meidners (1884 bis 1966) gleich. Aus Ekstasen fiel er in Zerknirschung. Verfemt und verbittert mußte er sein »perfides Stiefvaterland« verlassen und kehrte schließlich zurück, um wieder dessen Sprache zu hören. Das Gesamtwerk, das er hinterließ, weist extreme Qualitätssprünge auf.

Mit allen seinen Widersprüchen, ohne die gängige Beschränkung auf den Expressionismus, wird es derzeit im Ausstellungsgebäude der Darmstädter Mathildenhöhe dargeboten. Der üppige, zweibändige Katalog präsentiert neben vielen Aufsätzen und nachgedruckten Dokumenten auch Erstveröffentlichungen wie des Malers düstere Schilderung seiner Rückkehr aus dem Internierungslager. Die beiden Bände sind als »Auftakt zu einer umfassenderen, längst überfälligen Meidner-Forschung« gedacht*.

Die Schürfarbeit beginnt am passenden Ort. In der hessischen Ex-Residenz hatte Meidner die letzten drei Jahre seines Lebens verbracht, nicht durchweg begeistert ("Ich kann Darmstadt nicht ausstehen"). Der Nachlaß des auch literarisch produktiven Künstlers wird vom Oberbürgermeister verwaltet.

Die Darmstädter Ausstellung samt Katalog, die wesentlich aus dieser Quelle schöpfen, stellen die geläufige Einschätzung des Künstlers nicht gerade auf den Kopf; die Apokalypsen vom Vorabend und Beginn des Ersten Weltkriegs mit ihrem »schmerzhaften Drang, alles Geradlinig-Vertikale zu zerbrechen« (Meidner), bilden den unbestreitbaren Gipfel. Zugleich fällt aber mehr _(* Bis 1. Dezember. Katalog 216 und 516 ) _(Seiten; 70 Mark. ) Licht als bisher auf frühere und spätere Teile des »sehr brüchigen« (Katalog) Werkes und damit auch auf die Wandlungen und Existenzprobleme der Maler-Person.

Unablässig war Meidner mit dem eigenen Ich beschäftigt. Seine Texte sind fast immer autobiographisch, und über hundertmal, von der akademischen Bleistiftübung des 21jährigen bis zur Rembrandt-Imitation des Greises, hat er sich selbstporträtiert.

1913 etwa ließ er Himmel und Häuser apokalyptisch auf seinen Rundschädel einstürzen ("Ich und die Stadt"). Aber das stärkste Selbstbildnis hatte er schon ein Jahr zuvor gemalt - mit fanatischem, beinahe irrem Ausdruck und züngelnder Flackerbeleuchtung. 1937 wurde es aus dem Breslauer Museum in die Ausstellung »Entartete Kunst« verschleppt und als »Offenbarung der jüdischen Rassenseele« angeprangert.

Mit seinem Judentum tat sich der junge Mann aus dem schlesischen Nest Bernstadt schwer. Antisemitismus schlug ihm schon zu Hause entgegen, sozialistische Theorien drängten sein »religiöses Erlebnis« zurück, Meidner wurde zum »orthodoxen Gottesleugner«. Doch: »Eines Tages kam die Gnade.«

Den Tag, an dem sich »das Wunder ereignete«, konnte der Künstler noch Jahrzehnte später genau angeben: »Es war der 4. Dezember 1912, da mich der heilige Geist, die Schechina, besuchte und bekehrte. Dann war ich religiös.« Die Erleuchtung sei ihm »momentan« gekommen - »Da braucht man nicht zu suchen oder zu denken.«

Die plötzliche Inspiration traf Meidner in einer Periode intensiven Schaffens. _(* Meidner-Zeichnung (1913). ) Er war, von einer »geistlosen« Breslauer Kunstschule enttäuscht, 1905 nach Berlin gekommen und hatte dann mit finanzieller Hilfe einer Tante ein Jahr in Paris verbracht - das er mal als »verfaulendes Kulturmilieu«, mal als »unsere wahre Heimat« kennzeichnete.

Seit 1907 zurück, hatte Meidner 1912 in der »brütenden lauernden Weltstadt« Berlin einen glühenden »Sommer ohnegleichen« durchlitten, durchhungert, durchmalt. Die ersten jener Bilder waren entstanden, die »in allen Flächen, Wolkenfetzen und Sturzbächen die künftige Erdennot ahnten«. Formale Anregungen dafür konnte er bei Robert Delaunay und den italienischen Futuristen finden, die Kriegs- und Weltuntergangsmotive teilte er mit expressionistischen Lyrikern wie Georg Heym und Jakob van Hoddis, seinen Freunden.

Wer aber unterstellt, die religiöse Erleuchtung im Dezember müßte auch Meidners Bildwelt sofort verwandelt haben, sieht sich getäuscht: Ohne spürbare Zäsur setzt sich die Folge apokalyptischer Darstellungen fort.

Sie war durch dumpfe Ahnungen genährt, die sich auf einen jungen Gefährten konzentrierten, den Dichter Ernst Wilhelm Lotz. 1914 war Meidner mit ihm in Dresden, wo ein Mäzen den beiden eine Zeitschrift finanzieren wollte. Damals hat Otto Dix ein Porträt von Lotz gemalt (SPIEGEL 35/1991), und es wäre verwunderlich, wenn der sieben Jahre jüngere Maler nicht dabei und für seine wenig späteren Kriegsskizzen von der Formensprache Meidners profitiert hätte.

»Eines Sinnes« mit Lotz ("Rissen uns immer abwechselnd an unsren Entzückungen hoch") ging Meidner beschwingt durch Dresden, versank aber auch wieder in Depression: »Unheimlich prangte auf seiner Stirn das Todesmal.« Bei Kriegsausbruch zog Lotz freiwillig ins Feld, nicht ohne Meidner »Tips für Schlachtenbilder« zu versprechen. Der Freund fiel am 26. September 1914. »Du, Gott«, so sah es der Überlebende, »triebst uns in unsere Sünden hinein, um dann gewaltig auszuholen mit der Racherute.« Auf Bildern, Zeichnungen und Kaltnadel-Blättern bleibt der religiöse Hintergrund zunächst verhüllt. Zum beherrschenden Gegenstand wird er, als Meidner 1916 zum Militär einrücken muß und mangels Atelier zu schreiben beginnt.

Als Dolmetscher und Zensor in einem Gefangenenlager noch glimpflich davongekommen, fühlt er sich dennoch durch Kasernenmief und Furcht vor dem Fronteinsatz bis zur Verzweiflung gequält. Er schreibt expressionistische Prosa von großem Pathos, löst aber eine Hinrichtungsszene in »Gesänge unaussprechlicher Süße« von »Liebe, Brüderlichkeit, Gottbegeisterung« auf.

Nachkriegszeichnungen führen Sibyllen und Propheten von anfangs noch energischer Linienspannung vor, doch auf Dauer dominieren, so Kunsthistoriker Andreas Haus im Katalog, »weichplastische Knollenfiguren« von mäßiger Ausdruckskraft.

Meidner, der nicht mehr aufhörte, »der Gebete besänftigende Macht« zu preisen, und der sich immer stärker auch den Riten jüdischer Religion verpflichtet fühlte, hat 1932 die bange Frage selber gestellt und beantwortet: »Frömmigkeit und Schöpferkraft - ein Widerspruch?« Sehr einleuchtend fand er sein »dämonisches« Frühwerk »lebendig und schöpferisch«, Arbeiten aus den »stillen und klaren Zeiten religiösen Wandels« hingegen »blutlos, epigonenhaft und langweilig«.

Äußerlich aber kam Meidner nicht zur Ruhe. Fast lebenslang mußte er um das Nötigste kämpfen. Auch daß er um 1930 launige, verschnörkelte Feuilletons und Kurzgeschichten veröffentlichte, konnte daran wenig ändern. Vor Nazi-Drohungen wich Meidner zuerst nach Köln aus und wurde Zeichenlehrer einer jüdischen Schule, 1939 ging er im letzten Augenblick nach England. Eine Emigration nach Südafrika oder Palästina war am ewigen Geldmangel gescheitert.

Bitterste Armut und Isolierung machten dem Künstler auch London so zum Alptraum, daß er die zeitweilige Internierung erleichtert aufnahm. Porträtzeichnungen, KZ-Visionen und schwer deutbare Allegorien markieren Meidners Exilkunst. Seit 1953 wieder in seinem Herkunftsland ("Ich war unwiderruflich der Deutschheit verfallen"), bekam er auch einige Aufträge. Doch seine Bildnisse etwa von Darmstädter Geistesgrößen wie Kasimir Edschmid und Karl Krolow schmeicheln weder den Dargestellten noch dem Maler.

Im Jahr seiner Rückkehr schrieb Meidner auch an einen Poeten, den er einmal als »atemlos Fliegenden« gekannt und der ihm 1916 zu einem energiesprühenden Porträt Modell gesessen hatte: Johannes R. Becher. Der Maler wünschte ihm die »alte visionäre Dichterkraft«, kondolierte »zum Hinscheiden Deiner erhabenen Genossen Josef Stalin und Klement Gottwald« und stellte sich darauf ein, daß der »folgsame Parteigenosse« bald auch antisemitische Gedichte schreiben werde »oder wie es jetzt heißt ,antizionistische''«. Die werde er, Meidner, nicht übelnehmen, »im Gegenteil: sie werden mich belustigen«.

Und in aller Freundschaft fügte der Briefschreiber noch hinzu, der »atheistische Bolschewismus« könne nicht von Dauer sein. »Die Feinde Gottes nehmen immer ein schlechtes Ende.«

* Bis 1. Dezember. Katalog 216 und 516 Seiten; 70 Mark.* Meidner-Zeichnung (1913).

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