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KORTNER Suche nach Schiller

aus DER SPIEGEL 4/1966

Als Jude Shylock rezitierte er: »Wenn

ihr uns stecht, bluten wir nicht?« Und als Heinrich Faust: »Es kann die Spur von meinen Erdetagen nicht in Äonen untergehn.«

Seine Spuren als Shylock, Faust und Richard III. hat ein Film-Team jetzt gesichert: In den Münchner Kammerspielen, vor leerem Parkett, wurde die Schauspiel-Art Fritz Kortners, 73, in Bild und Ton fixiert.

Das Film-Denkmal ist ein Anbau: Im März vorigen Jahres war Kortner schon als Regisseur gefilmt worden - bei der Arbeit an »Kabale und Liebe«. Beide Dokumentationen drehte der Münchner Fernsehregisseur Hans-Jürgen Syberberg, 30.

Er hatte sich Kortner zuerst heimlich genähert. Als Kortner sein Stück »Die Zwiesprache« probte, ließ Syberberg ein verborgenes Tonband mitlaufen. Später spielte er dem Regisseur das Protokoll-Band vor. »Bin ich wirklich«, fragte Kortner, »so ein Unhold?«

Nachdem Syberberg Kortners Frau überredet hatte, konnte er auch Kortner überzeugen: Als Produktion des »Teleclubs« (drittes bayrisches Fernsehen) entstand der »Kabale und Liebe«-Film. Drei Kameras (eine versteckt hinter einem Bühnenparavent) folgten Kortner drei Tage lang beim Probieren der Gift- und Sterbeszene.

Zwei der sechzehn Probestunden wurden gesendet. Die Münchner »Abendzeitung": »Ein theatergeschichtliches Dokument von unschätzbarem Wert.« Kortner: »Es zeigt, daß meine Proben stattfinden, wie sie stattfinden, und nicht, wie bösartige Gerüchte behaupten.«

Das Syberberg-Werk war der erste geglückte Großversuch, Regiearbeit authentisch und unmanipuliert festzuhalten - als »Werkstattbericht« (Syberberg). Kortners Schiller-Suche war spannend.

Mit dem Dokumentarstil des »Cinéma vérité« hat Syberberg jetzt auch den Schauspieler Kortner konserviert: Während Kortner für eine Schallplatte klassische Monologe und mit dem Kammerspiel-Intendanten August Everding private (präparierte) Dialoge hielt, belichteten drei Kameras 6000 Meter Film.

Das Epitaph (Kortner: »Ein schwarzgerändertes Unternehmen") entstand bei Münchner Föhn. Syberberg: »Der Film wäre ohne Föhn anders geworden« -Kortner ist sehr wetterempfindlich.

Als Shylock ("Viel und oftmals habt Ihr auf dem Rialto mich geschmäht") sollte ihm ein Schauspielschüler stolpernd das Stichwort bringen. Das Stolpern befriedigte Kortner nicht. Kortner: »Ist das Ihr erster Versuch auf der Bühne?« Während die Kameras liefen, legte er fünf Minuten Stolperprobe ein. Später stolperte Kortner selbst - im Text. Er ließ die vergessenen Zeilen auf eine Tafel malen.

Im Dialog mit Everding erzählt Kortner Erinnerungen - er hatte den Shylock 1928 zum letzten Mal gespielt. Kortner: »Das war das einzige Mal, daß mir die Nazis zu Hilfe kamen. Sie verhalfen mir zu einem tieferen Verständnis des Shylock.« Everding erinnert sich, daß er einmal Kortners Eierholer war. Kortner: »Ach ja. Die ließen sich immer so schlecht schälen.«

Das zweite Kortner-Dokument ist zur Zeit wertvoller als das erste. Denn Kortner inszeniert zwar noch; seine großen Rollen - Kritiker Alfred Kerr im Jahre 1928: »Ich sah keinen, der ihm gleicht« - aber will er auf der Bühne nicht mehr spielen. Kortner: »Ich werde meinen Regie-Anweisungen nicht mehr gerecht.«

Ehe der privat produzierte Film erstmals im Fernsehen läuft, will ihn Kortner prüfen: »Ich weiß ja nicht«, sagte er zum SPIEGEL, »was die alles von mir aufgenommen haben.«

Regisseur Kortner bei der Probe von »Kabale und Liebe": »Bin ich wirklich so ein Unhold?«

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