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FILM Süßer Ben

»Claretta«, ein Film über Benito Mussolini und Clara Petacci, erregt in Italien die Gemüter, weil er an ein Tabu rührt: Wie menschlich war der Faschismus des Duce? *
aus DER SPIEGEL 39/1984

In bordeauxroten Georgette und eine silbergraue Fuchsboa gehüllt, schwelgt eine aufgeputzte Claudia Cardinale im Triumph ihrers Führers. Die Diva lehnt verklärt an der Freskenwand des Regierungspalastes, während das Volk »Viva il Duce« grölt. Er, der Duce, steht auf dem berühmten Balkon an der Piazza Venezia in Rom und brüllt seine Untertanen

an, während sie, Clara Petacci, seine Lebensgeliebte, im Hintergrund auf ihren vergötterten Diktator wartet.

Die Szene spielte sich in Wirklichkeit 1936 ab, als die damals 24jährige Arzttochter Clara Petacci nach langen Jahren platonischer Verehrung den um 30 Jahre älteren Duce auch fleischlich zu lieben begann. Die Szene gibt es nun auch im Film: Er will die schwülstige Liebesgeschichte einer Frau erzählen, »die für ihre Leidenschaft stirbt« (Claudia Cardinale).

Dies ist freilich nicht einmal für den italienischen Regisseur Pasquale Squitieri ein leichtes Unterfangen, obwohl Mussolinis »Dama Bianca« die Italiener immer mehr gerührt hat als unsereins die Eva Braun. Im Gegensatz zu Adolf Hitler war ja der Duce ein Kerl von strotzender Manneskraft. Ganze Legionen von Frauen erlagen seinem autoritären Sex-Appeal, und er hat von der willigen Weiberlust zu seinen Füßen reichlich gekostet. Mit weiblichem Sendungsbewußtsein reihte sich Clara Petacci 1936 in diesen Harem ein, weil »mein schöner süßer Ben seine kleine Anbeterin immer stärker lieben wird«.

Regisseur Squitieri, selbst den Italienern weniger durch seine Kunst denn als Lebensgefährte der Cardinale bekannt, wollte in der Liebesgeschichte zwischen dem rauhen Glatzkopf und der zarten, verkitschten Bürgerstochter den »Mythos des Faschismus, dem ein ganzes Volk verfallen war«, sichtbar machen. Die Absicht ging ins Auge.

Bei den Filmfestspielen in Venedig, Anfang September, erregte das kitschige Filmwerk die Gemüter so sehr, daß von Skandal die Rede war. Vier Jury-Mitglieder (der Deutsche Günter Graß, der Spanier Rafael Alberti, der Russe Jewgenij Jewtuschenko und der Schwede Erland Josephson) warfen dem Film »neofaschistische Tendenz und sentimentale Demagogie« (Graß) vor. Sie wollten als Schiedsrichter daher passen. Als Jewtuschenko Squitieri sogar an den Kopf warf, er habe einen »faschistischen Film« gedreht, raunzte der hitzköpfige Neapolitaner: »Kümmere dich besser um Sacharow, und leck mich ...«

Der Krach in Venedig hat das Melodrama »Claretta« politisch aufgeladen und verhalf ihm zu einer Popularität, die der Film trotz der dramatischen Claudia Cardinale sonst nie erreicht hätte. Nach dem Biennale-Streit fragen sich sogar die politischen Denker der Nation: »Wer hat Angst vor Claretta?« ("La Repubblica"). Soziologen und Politologen streiten sich, ob man den Faschismus von seiner menschlichen Seite sehen dürfe. Andere wagen laute Kritik an dem »infamen« kommunistischen Partisanenkommando, das Mussolini in Norditalien bei Dongo erschoß und seine Geliebte nicht verschonte. Ist es denn eine Schuld, einen Faschisten zu lieben?

Clara Petaccis Liebe war eine ziemlich einseitig-entsagungsvolle Sache. Erst als

sie sich von ihrem Ehemann getrennt hatte und ins römische Elternhaus zurückgekehrt war, warb der Duce bei ihrer Mutter: »Gnädige Frau, erlauben Sie mir, Clara zu lieben!« Und trotz Mussolinis Ehefrau, trotz der Kinderschar, mit der sich der stolze Familienvater regelmäßig ablichten ließ, wurde im Haus des begüterten Vatikanarztes Petacci Claras prominenter Geliebter als eine Art göttlicher Segen empfunden.

Fortan schlüpfte die schmuck- und pelzbehängte Arzttochter regelmäßig durch einen Seiteneingang in den Regierungspalast und wartete in einem Einzimmer-Appartement geduldig auf ihren Geliebten. Er ließ oft Stunden auf sich warten und hatte auch dann für seine Schäferstündchen so wenig Zeit, daß er oft nicht einmal die Stiefel auszog.

Der »Claretta«-Film konzentriert sich, von einigen kurzen Rückblenden abgesehen, auf die beiden letzten Jahre der Geschichte und erzählt sie ganz aus Clarettas Sicht, beginnend mit der Nachricht von Mussolinis Sturz am 25. Juli 1943 und der Flucht der Familie Petacci aus Rom. Trotz aller Demütigungen will sich Claretta nicht von Mussolini lossagen, und obwohl der Kontakt zu ihm wegen des Partisanenkrieges monatelang abbricht, steigerte sich ihre schwärmerische Verehrung für ihren Ben in stolze Besessenheit. Während der dreimonatigen Haft im Gefängnis von Novara hilft sie ihr sogar, zwischen Ratten, Bombenangriffen und Vergewaltigung mit Würde zu überleben.

In der pompösen Villa des Dichters D''Annunzio, eines Freundes des Faschismus, sehen sich die Liebenden wieder: Entschlossen folgt sie ihrer »Vorsehung, die auch die seine ist«. Mussolini will nicht, daß sie ihn an den Gardasee begleitet, wo er sein Regierungsquartier aufschlägt, aber entschieden beharrt sie darauf, bis zum bitteren Ende bei ihm zu bleiben. Nach der einzigen Nacht, die sie je gemeinsam verbrachten, werden die beiden am 28. April 1945 bei Dongo erschossen.

Squitieri stellt die Liebesgeschichte in eine Rahmenhandlung: Eine Fernsehjournalistin sucht nach Material, um das Leben der Mussolini-Geliebten zu rekonstruieren. Dabei findet sie Claras noch lebende jüngere Schwester Myriam und bittet sie, persönliches Zeugnis über das Leben der unglücklichen Schwester abzulegen. Dieser halbdokumentarische Rahmen verstärkt die politische Brisanz des Films: Die wirkliche Myriam Petacci tritt zum erstenmal seit Kriegsende öffentlich in Sachen ihrer Schwester auf - und ihre Aussage ist so pathetisch, wie sie nur sein kann.

Am Schluß des Films stehen amerikanische Wochenschau-Aufnahmen: der tote, blutverschmierte, verstümmelte Diktator, der neben seiner toten Geliebten Clara Petacci liegt. An einer Mailänder Tankstelle werden sie vor großem Publikum an den Füßen aufgehängt.

Diese stummen Bilder am Schluß eines zweistündigen Pompstreifens (Produktionskosten, unter Beteiligung des Staatsfernsehens RAI: rund 6 Millionen Mark), der die Greueltaten von 23 Jahren italienischem Faschismus nicht einmal andeutet, müssen in einem Land, in dem der Antifaschismus Tugend ist, provozieren. Aber Regisseur Squitieri weiß seine zweifelhaften Absichten edel zu umschreiben: »Mein Film will zeigen, was viele Leute einfach nicht wahrhaben wollen, daß nämlich auch im Antifaschismus faschistische Elemente stecken können und daß Größe manchmal auch in einem Faschisten wohnt.« _(Claudia Cardinale und Fernando Priamo. )

Claudia Cardinale und Fernando Priamo.

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