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Suff, Snacks und Sex

In Wien inszeniert Regie-Star Luc Bondy die Uraufführung von »Drei Mal Leben« - der neuen Komödie von Yasmina Reza.
Von Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 44/2000

Es hätte so ein schöner Abend werden können. Henri und Sonja haben es sich in ihrem Pariser Loft gemütlich gemacht. Sie liest im Negligé Akten, und er versucht, den sechsjährigen Sohn Arnaud zu beruhigen, der im Kinderzimmer nach Zuwendung, Keksen und einem Apfel quengelt.

Es wird dann noch ein ziemlich grauenvoller Abend: Einen Tag zu früh erscheinen Hubert und Inès zum Essen. Sonja hat nichts im Haus außer Snacks und Sancerre, und Hubert, der Henri, einem Astrophysiker mit langanhaltender Pechsträhne, beruflich helfen soll, reibt ihm stattdessen unter die Nase, dass soeben Konkurrenten einen wissenschaftlichen Aufsatz zu genau dem Thema veröffentlicht haben, an dem Henri seit Jahren arbeitet. Dazu nölt in nerviger Regelmäßigkeit das Kind.

Eine Komödie - keine Frage. »Drei Mal Leben«, am vergangenen Sonntag in der Regie von Meister-Regisseur Luc Bondy am Wiener Akademietheater uraufgeführt, ist das neueste Werk der Pariser Erfolgsautorin Yasmina Reza, 41, deren Stück »Kunst« (1994) in 36 Sprachen übersetzt wurde und bis vor kurzem am Broadway und immer noch im Londoner West End für volle Häuser sorgte. Und schon bei den Endproben vor Publikum war klar, dass auch Rezas neues Stück wieder ein boulevardesker Hit zu werden verspricht.

Wie in »Kunst«, in dem sich drei Freunde über ein weißes Gemälde zerstreiten, geht es auch in »Drei Mal Leben« um mehr oder minder erfolgreiche Mittelständler, Ehe-Menschen, die zwar vieles erreicht haben, aber diffus unglücklich sind.

Und weil ihr ein konventionell gebautes, mehraktiges Stück offenbar zu langweilig war, hat sich Yasmina Reza entschlossen, ihre Menschen-Menagerie dreimal ins Rennen zu schicken.

Dreimal erleben die zwei Paare (Susanne Lothar und Ulrich Mühe als Gastgeber, Andrea Clausen und Sven-Eric Bechtolf als Besucher) den Unglücksabend. In immer neuen Variationen derselben Grundkonstellation. Hubert, ganz gieriger Gockel, stürzt sich da einmal sexbesessen auf Sonja, die kühl mit ihm spielt. Der Sancerre fließt reichlich, und der kollektive Suff reißt letzte Konventionen ein.

Drei Variationen um das Thema Ehehölle - das geht auf, weil Luc Bondy das Absurd-Groteske der dramaturgischen Konstruktion elegant herausarbeitet und weil er dafür ein Quartett brillanter Schauspieler zur Verfügung hat, das die subtilen Veränderungen in den Figuren in jeder der drei Szenen punktgenau und unangestrengt offenbart.

So legen sich die drei Versuchsanordnungen wie drei Blaupausen übereinander und zeichnen ein vielschichtiges, irisierendes Gruppenporträt.

Aber Henri und Sonja hocken am Schluss wie Schiffbrüchige auf einem Floß auf ihrem weißen Designer-Sofa und klammern sich - ganz klein, ganz hilflos und unendlich rührend - aneinander. JOACHIM KRONSBEIN

* Mit Sven-Eric Bechtolf, Susanne Lothar.

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