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Superwoman Jutta Lampe

aus DER SPIEGEL 48/1989

Es muß eine ungestüme, verrückte, ganz und gar phantastische Liebe gewesen sein, und zugleich eine der seltsamsten Lovestorys aller Zeiten. Orlando, der englische Adelssproß, hatte sein Herz an die russische Prinzessin Sascha verloren. Hand in Hand flitzten die beiden auf Schlittschuhen über das Eis der meterdick zugefrorenen Themse, und flüsternd gestanden sie einander ihre Gefühle. Die aber äußerten sich durchaus eigenwillig: Orlando, so schwärmte die Fremde aus Moskau, gleiche »einem tausendkerzigen, mit gelben Kugeln behangenen Weihnachtsbaum«.

Wie spielt man einen Weihnachtsbaum? Im kleinen Saal der Berliner Schaubühne tritt Jutta Lampe auf in der Rolle des Jünglings Orlando: Kein Glühen erleuchtet das Gesicht des androgynen Helden, keine Eisfläche lockt zum Davongleiten, und keine Prinzessin ist zu sehen weit und breit.

Und doch hat Jutta Lampes Orlando keine Mühe, die königliche Leidenschaft lebendig zu machen. Ein paar spärliche Sätze, einige wenige Tanz-Pirouetten: Bebend, wie verzaubert, tritt Orlando einen Schritt vor, halb verspielt und halb naiv-verzückt läßt er die Zunge über die Lippen fahren. Sascha, wer weiß, wäre die Erfüllung aller Träume gewesen. Wäre - denn auf den Triumph der Verliebtheit folgt der Verrat.

»Ich bin allein«, lautet der letzte Satz dieses Theaterabends, ein wenig stolz und trotzig spricht Jutta Lampe ihn aus. »Ich bin allein« heißt auch der erste Satz, den Virginia Woolf ihren Titelhelden Orlando sagen läßt. 1928 ist das Buch erschienen, die »Biographie« eines Knaben, der im Sauseschritt durch dreieinhalb Jahrhunderte eilt und dabei selbst gerade mal um 20 Lebensjahre altert.

Los geht die Reise Ende des 16. Jahrhunderts, wo die nicht mehr ganz junge Königin Elisabeth den schönen Günstling in ihrem Schoß bettet, bevor der Balg zu weniger reifen Damen entflieht. Ins ferne Konstantinopel verschlägt es Orlando gut hundert Jahre später, so ganz ohne bleibende Schäden hat er den Trip durch Raum und Zeit jedoch nicht überstanden: Orlando erwacht dort eines Tages als Frau. Endstation der lehrsamen Tour ist schließlich die Ära der Goldenen Zwanziger, die Gegenwart der Romanautorin Woolf.

Die »Biographie« ist ein metapherntrunkenes, auch munter scherzendes Variantenspiel der ausdauernd unglücklichen Autorin mit ihren lebenslangen Obsessionen, mit Geschlechtertausch und (feministischer) Selbstfindung, dem Rausch der Gefühle und der jähen Ernüchterung. Man muß die der Woolfschen Busenfreundin Vita zugeeignete Fabulierkapriole nicht gleich für ein poetisches Wunderwerk halten, um ein Zeitwunder handelt es sich jedenfalls.

Wer aber könnte das besser auf die Bühnenbretter tricksen als Robert Wilson, der traumäugige Texaner, der Herr der bunten Bilder? Gemeinsam mit seinem bewährten Text-Puzzler Darryl Pinckney hat der amerikanische Regisseur die Buchvorlage auf einen handlichen Extrakt an Originalsätzen verknappt, sodann hat Wilson in gewohntem Eifer Bühnenbild-Entwürfe, Möbel, Seepferdchen und andere Überraschungen ersonnen.

Trotzdem, und dies ist ganz sicher der schönste Vorzug der Berliner »Orlando«-Premiere in der vergangenen Woche, entstand daraus kein üblicher Bob-Wilson-Abend, keine Feierstunde der möglichen Wunder und der wandelnden Bilder. Nein, der Schaubühnen-»Orlando« ist allein Jutta Lampes Fest. Zurückhaltend wie kaum zuvor, mitunter beinahe demütig, hat der Egomane Wilson seine Arbeit in den Dienst der Schaubühnen-Diva gestellt.

Erinnern, erträumen: Gleich der Beginn zeigt die Schauspielerin als Schlafwandlerin. Auf der dunklen Bühne sind zunächst nur drei helle Punkte zu erkennen, der Nacken der Träumerin und ihre Handflächen, hinter dem Rücken gegen eine unsichtbare Glaswand gepreßt - der Auftakt wirkt wie eine ironische Hommage an Laurie Andersons »O Superman«-Performance.

Einen gläsernen Totenschädel zur Rechten, legt sich Orlando hin, spricht hingestreckt auf einem kargen, harten Ruhelager, zugleich hellwach und versunken in einer fremden Welt: »Eines Tages fiel ich. So fing meine Reise an.«

Nun beginnt eine Art Verkleidungsspiel, ebenso komödiantisch wie konzentriert probiert Jutta Lampe immer neue Rollen: In Wams und Hamlet-Kragen des Prinzen ist sie eher ein drolliger Pierrot als ein gespreizter Adliger; später, im schimmernden Zaubermantel, verwandelt sie sich für ein paar Minuten in eine japanische Geisha.

An ein asiatisches Brettspiel, irgendwo zwischen No-Theater und Teehaus, erinnert auch Robert Wilsons Schwarzweiß-Bühne: Immer wieder werden neue weiße Rechteckflächen freigelegt auf der schwarzen Rückwand, schiebt sich eine Treppe (die zugleich eine Kleiderkommode ist) ins Bild. Auch füllt, ein schweres erotisches Zeichen, nach Orlandos Frauwerdung ein goldener Baumstamm die Bühnenmitte - beim Sex, das ahnten die Wilson-Kenner schon immer, hört die Zaubermacht des Bild-Erfinders auf. Trotzdem hat Wilson aus dem zweigeschlechtlichen Orlando kein geschlechtsloses Neutrum gemacht. Denn die Bilder bleiben Illustration, Staffage, Spielzeug für die Schauspielerin. Jutta Lampe turnt und tanzt wie eine Irrläuferin über die Bühne, und sie verweigert gerade das, was man so für die Aufgabe ihres Berufsstandes hält: eine Figur zu erklären.

In ihrer letzten Rolle, in Peter Steins »Kirschgarten«-Inszenierung, hat Jutta Lampe als Gutsbesitzerin eine wahre Horrornummer der falschen, bloß vorgetäuschten Gefühle vorgeführt. Diesmal zeigt sie etwas weit Interessanteres: ein fernes, unlösbares Rätsel. Von diesem Kunststück gehen die Kälte und der geheimnisvolle Reiz dieses Theaterabends aus, dessen einzige Gewißheit wohl das künftige Schicksal des langlebigen Helden sein dürfte: weitere 300 Jahre Einsamkeit.

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