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BAUGESCHICHTE Surfen vor Hitlers Bettenburg

Teile des NS-Seebads Prora werden zu Ferienwohnungen. Eine umstrittene Aktion: Die Sanierung der denkmalgeschützten Anlage auf Rügen gilt als nachträgliche Verharmlosung.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Prora, eine Geisterstadt an Rügens Ostküste, wirkt sogar bei Sonnenschein unheimlich. Die braun verputzten Häuser der 4,5 Kilometer langen Anlage, ihre endlosen, miefigen Flure, von denen Tausende Zimmer abgehen, haben den Charme einer Strafkolonie. Einst sollte die Anlage zu einem der größten Seebäder der Welt werden - und zum Vorzeigeprojekt der Nazis. Stattdessen wurde sie eine DDR-Kaserne und für Jahrzehnte ein Sperrgebiet.

Dass die denkmalgeschützten Gebäude verfallen, gilt unter Kennern seit längerem als Skandal. Doch nun gibt es einen wesentlich größeren Anlass zur Erregung: Ein Teil von Prora soll fürs neue Millennium aufgeputzt werden. Investoren wollen zwei der Wohnblöcke (Gesamtlänge: ein Kilometer) mit Balkonen und viel Glas zu Pseudo-Schick für den Massengeschmack verhelfen.

So mancher Experte befürchtet eine Verfälschung architektonischer Tatsachen. Der Hamburger Politikprofessor Peter Reichel, der sich gegen das bequeme Verdrängen der NS-Zeit ausspricht, hält Prora für eines der wichtigsten erhaltenen Architekturzeugnisse aus der NS-Zeit. Umso fragwürdiger, warnt er, wäre eine »schnelle Verhübschung«.

Gefordert wird die vorsichtige Instandhaltung. Denn das Seebad ist, obwohl nie vollendet, gebauter Größenwahn, der als abschreckendes Mahnmal erhalten bleiben sollte: Die Stadt aus Stahlbeton, die sich wie ein erstarrter Wurm am Strand entlangzieht, entstand ab 1936 als prolliger Abklatsch mondäner Kurorte.

Auftraggeber war die NS-Volksverblendungsorganisation »Kraft durch Freude« (KdF). Spaßig wäre die von ihr geleitete Erholung freilich nicht geworden. »Urlaub nach Trillerpfeife« nennen Geschichtsexperten das KdF-Prinzip.

Schon die architektonische Monotonie mit ihren immer gleichen Bettenburgen, Liegehallen und Treppenhäusern sollte wie eine Gehirnwäsche wirken: Hier, so die Botschaft, muss sich jeder der Masse unterordnen. Auf jeden Fall wäre die Anlage - das ist noch zu erahnen - eine Ferienfabrik von irrwitzigen Ausmaßen geworden: Sie sollte im Zehn-Tages-Takt je 20 000 zwangserholte Gäste ausspucken.

Der KdF-Masterplan sah vor, das Reichsvolk im Kollektiv einzulullen, damit es hernach dankbar arbeiten und kämpfen werde. »Prora«, sagt Politologe Reichel, »schärft das Bewusstsein für nur angeblich freundliche und zivile Seiten am Nazi-Regime, die noch heute verharmlost werden.«

Viele NS-Verheißungen, ob der Volks-Wagen aus Wolfsburg oder der Urlaub auf Rügen, blieben ohnehin Schall und Rauch. Als Hitler 1939 in Polen einfiel, stand Prora erst im Rohbau. Nie durften sich seine Untertanen in den KdF-Strandkörben der Rügener Sonne entgegenstrecken.

Ausgerechnet aus der propagierten Ferienidylle für jedermann soll mit der anstehenden Teil-Veredelung doch noch etwas werden: Die Investoren wollen ein Stück Prora entkernen, um bis 2002 immerhin 549 Eigentumswohnungen unterzubringen. Titel der Spekulanten-Träume: »Euromar - Leben am Meer«.

Bei den Euromar-Partnern handelt es sich um die Immobilienunternehmer Bauconsult aus Köln und Wasa aus Hamburg, an letzterer ist Otto Paulick, Anwalt und Ex-Präsident des FC St. Pauli, beteiligt. Einst folgte Paulick der Ruf, wenig Sinn für stimmige Bilanzen zu haben.

In Prora bieten er und seine Partner Wohnungen mit Namen wie »Moltke« oder »Big Family« an. Häufigste Variante: Zwei Schlafzimmer, zwei Bäder, Abstellflächen für Surfbretter und für alle ein Tor, an dem sich Besucher anmelden müssen.

Das Konsortium hat sich jedenfalls für mehr als zehn Millionen Mark den Teil von Prora gesichert, für den der Bebauungsplan Ferienwohnungen zulässt. Und Investor Paulick rutschte der Satz heraus, dass sich in »Prora ein Massentourismus entwickeln wird«. Er kennt sich aus, ist er doch Aufsichtsrat einer Hotelkette, die im Nachbarort Binz einen Ferienpark betreibt.

Gerade den Binzern missfiel die Gefahr massiver Konkurrenz aus Prora. Darum werben die Investoren jetzt mit Weichspül-Vokabular. Inzwischen hat Paulicks Geschäftspartner Martin Georg, Chef von Bauconsult, die Rolle des Euromar-Sprechers übernommen. Er sinniert über die »Faszination Wasser«, sagt dann aber, Prora müsse wieder seiner ursprünglichen Funktion zugeführt werden. Soll heißen: »Natürlich werden die meisten Käufer die Wohnungen als Feriendomizil benutzen.«

Immerhin wende er sich, so Georg, mit einem Quadratmeterpreis von 3500 Mark an Klienten mit kleinem und mittlerem Einkommen - von den 90 Sozialwohnungen aber, von denen einmal die Rede war, will er nichts wissen. Und auch wenn er einen anderen Eindruck erwecken will: Noch ist der aktuelle Deal nicht rechtsgültig. Der Finanzausschuss des Bundestags muss noch abstimmen, ob die bundeseigene Immobilie verkauft werden darf.

Dass auf Rügen der Bedarf an Ferienwohnungen gedeckt sei, treffe, so der Geschäftsmann, nicht für Standorte in Wassernähe zu. In Prora liege der »schönste Strand Deutschlands« vor der Haustür. Wo sonst, wenn nicht am Meer, fragt Georg, könne der Urlauber besser »Kraft tanken«?

So ähnlich hatten es auch die »Kraft durch Freude«-Polemiker formuliert. Statt der Urlauber kamen aber die Rote Armee und schließlich die Nationale Volksarmee der DDR - sie übte dort auch das Sprengen: Heute liegen im Norden der Anlage riesige Betonbrocken herum. Erst 1992 wurde Prora als Militärstandort aufgegeben. Die Bundesregierung hatte nur eines im Sinn: die Altlast zu verkaufen. Jahrelang wurde nichts daraus. Eine Studie riet schließlich zur Integration von Ferienwohnungen und Hotels mit einer Kapazität von mehreren tausend Betten. Ein Zugeständnis an Investoren?

Mittlerweile würden die resignierten Behörden wohl jeden Zentimeter einzeln abgeben. Prora, warnt jedoch Politologe Reichel, könne nur dann demonstrieren, mit welchem Aufwand die Nazis die Freizeit der Menschen kontrollierten, wenn es möglichst vollständig erhalten bliebe.

Gern, heißt es bei der Oberfinanzdirektion Rostock, hätte man an einen Entwickler verkauft, der die gesamte Immobilie saniert. Doch die »besondere Historie« habe Interessenten gerade aus dem Ausland abgeschreckt. Wer weiß, was noch ans Licht kommt? Es ist nicht einmal bekannt, wie viele Zwangsarbeiter nach Prora verschleppt wurden, um den Bau voranzutreiben.

Investor Georg hat da keine Berührungsängste. »Sonst«, sagt er, »müsste ich auch verlangen, dass der Bundestag den Reichstag meidet, weil dort das Ermächtigungsgesetz erlassen wurde.« Auch sein Architekt Rudolf Hoppe geht unbekümmert mit Proras Geschichte um. Der KdF-Architekt Clemens Klotz habe dort eine »pfiffige« Architektur im Bauhausstil entworfen.

Wohl kaum. Zwar übernahm Klotz Elemente der Architektur der zwanziger Jahre. Doch er modellierte sie zur NS-Propaganda um. Das kilometerlange Aneinanderreihen uniformer Gebäude wirkt wie eine architektonische Zwangshandlung. Im Kriegsfall sollte der Mega-Bau zum Lazarett umfunktioniert werden: So viel zu den zivilen Seiten der Nazis.

Dennoch: Hoppe findet die Prora-Architektur »normal«. Wer behauptet, schreibt der Kunsthistoriker Hans-Ernst Mittig, dass sich NS-Architektur nicht von anderer unterscheide, nehme eine »Position der Unterlegenheit« ein. Euromar geht gern in diese Form der Defensive.

So schwärmt Georg lieber vom Steuervorteil, den die Wohnungskäufer der denkmalgeschützten Gebäude abschöpfen könnten. Eben dieser Denkmalschutz hält ihn nicht davon ab, das Erscheinungsbild des Baus massiv zu verändern.

Nur wozu gibt es eine Denkmalpflege, wenn sie bis zur Selbstverleugnung Kompromisse eingeht? Der Job werde nicht leichter, gibt Klaus Wienands zu, Leiter der Abteilung Praktische Denkmalpflege in Vorpommern, wenn viel Kapital hinter einem Vorhaben stecke. »Denkmalpfleger«, gesteht er, »fühlen sich nicht immer gut bei ihren Entscheidungen.«

Deutschland hat nicht nur auf Rügen ein Problem mit baulichen Hinterlassenschaften aus der Nazi-Zeit. Hitler war, typisch Diktator, vom Bauwahn getrieben. In Nürnberg, der Stadt der Reichsparteitage, sind etliche NS-Bauten erhalten. Es dauerte Jahrzehnte, bis das Erbe zum öffentlichen Thema wurde. Berlin dagegen setzt dem Olympiastadion aus den dreißiger Jahren gelassen ein bombastisches Dach auf. »Dazu musste nur«, motzt ein Historiker, »Herr Beckenbauer mit einer Weltmeisterschaft winken.«

Auch auf Rügen, wo sich NS- und DDR-Historie treffen, ist die Situation durchaus heikel. Die Bauten müssen, sollen sie nicht verfallen, genutzt werden. Aber ein wirklich schlüssiges Gesamtkonzept fehlt.

Angesiedelt haben sich bisher nur einzelne Mieter - etwa eine Disco und ein Wiener Kaffeehaus. Inmitten des gespenstischen Leerstands bieten sie kuriose Anlaufpunkte. Im »KdF-Museum« werden neben Original-Geschirr auch Filmaufnahmen gezeigt. Da gibt eine alte Dame zu Protokoll, sie sei während des Krieges in Prora ausgebildet worden und erinnere sich noch an die »schöne Zeit«. Gegen solche Verklärung kommt auch eine eigens gegründete Dokumentationsstelle in Prora nicht an.

Immerhin: Es gibt bereits weitere Interessenten für andere Ecken von Prora. Zum Beispiel Oliver Erbacher, der in sanierten Schlössern Ponyhöfe betreibt »und mal was mit Wasser machen will«. Prora sei für ihn nur interessant, wenn er ein Erlebnisbad bauen dürfe, in dem er »Fun und Action« bieten könne. Es wäre wahrlich nicht das erste auf Rügen. Seine Chancen sind trotzdem gut, die Leute vom Bundesvermögensamt haben signalisiert, dass mit den Denkmalschützern zu reden sei.

Und dann wären da noch die Leute von Euromar, die versprechen, 2003 noch zwei weitere Blöcke kaufen zu wollen. »Natürlich nicht zu jedem Preis.« ULRIKE KNÖFEL

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