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Sympathien für Bruder Eichmann?

Nach der »Holocaust«-Serie im Fernsehen herrschte Zerknirschung im Lande: Man ging in Sack und Asche. Kipphardts postum aufgeführtes »Eichmann«-Stück versprach für die Bühnen eine ähnliche Wirkung. Auf die Münchner Uraufführung am Residenztheater wollten große Theater wie das Schauspiel Köln, das Schauspiel Frankfurt und das Hamburger Deutsche Schauspielhaus alsbald folgen. Doch dann platzten Termine.
aus DER SPIEGEL 9/1983

Kaum waren die Nachrufe verklungen, stand eine fatale Hinterlassenschaft frei zur Besichtigung.« So faßt die Fachzeitschrift »Theater heute« die Verlegenheit zusammen, in die Heinar Kipphardt den Kulturbetrieb mit seinem späten Stück »Bruder Eichmann« gestürzt hat.

Als Heinar Kipphardt im November starb, stand in manchen Nachrufen, daß er sein letztes großes Werk, an dem er sich über lange Jahre, von Zweifeln gequält, abgemüht hatte, noch vollenden konnte. Er habe zu seinem zentralen Thema, dem deutschen Faschismus und seinem zähen Nachleben in »Bruder Eichmann« noch einmal zurückgefunden.

Doch zwei Monate später, nach der Uraufführung am Münchner Residenztheater, ging die Kritik voller Berührungsangst auf Distanz, denn es erwies sich, daß Heinar Kipphardt seinen Stücktitel »Bruder Eichmann« ernst gemeint hatte: Er wollte Eichmann nicht als einmaliges Ungeheuer abgrenzen, ausschließen, sondern im Einzelfall etwas Allgemeines, nicht Erledigtes erkennbar machen.

Die Kritik entdeckte also plötzlich, daß durch die Aufführung Eichmann auch sympathische Züge gewann: »Eichmann macht dabei keine schlechte Figur«, schrieb die »Frankfurter Rundschau«, vermag »sogar einige Sympathien für sich zu erwecken«. Und die »SZ« bemerkte Eichmanns »gefährliche Attraktion": Man beginne Eichmann sogar »zu mögen« - »wegen seiner hartnäckigen Weigerung zu bereuen«.

Schwerer wog und folgenreicher war, daß die Kritik sich gegen jenen Teil des Eichmann-Stückes stark machte, an dem sich auch die Münchner Uraufführung eher verlegen vorbeigedrückt hat: Um das »Prinzip Eichmann«, die Allgemeinverbindlichkeit der Mentalität des blinden Gehorsams zu zeigen, hat Kipphardt dem Stück kontrapunktisch fünf Gruppen von Mini-Szenen eingefügt, in denen er etwas von dieser Eichmann-Mentalität wiederzufinden glaubte:

Von Auschwitz und der deutschen Industrie handeln diese Szenen, von Kameradschaftstreffen der SS und neuem Rassismus in Deutschland, von sadistischem Umgang mit Terroristen, von den von Kipphardt in Anführungszeichen gesetzten Selbstmorden in Stammheim, von Hiroschima, Vietnam, von Atomwaffen und neuen Gen-Technologien, schließlich von den Massakern in Beirut und von Ariel Scharon, dem ehemaligen israelischen Verteidigungsminister.

Diese »Analogie-Szenen« (wie Kipphardt sie nannte), die eine Provokation sind und sein wollen, weil ihre »Analogie« anfechtbar ist, machen kaum zwanzig Prozent des Stücks aus. Die Kritik hat Kipphardt vorgehalten, daß keine dieser Szenen im Machtbereich des Sozialismus spielt, daß also weder der Archipel Gulag noch Afghanistan vorkommen: »politische Einäugigkeit« S.188 ("FAZ"). Oder, wie »Theater heute« fragt: »Warum fehlt der Kambodschanische Genozid unter Pol Pot?«

Daß bei der Münchner Uraufführung nur fünf dieser Szenen gespielt wurden, hat Kipphardts Sachwalter, die Witwe Pia Kipphardt und den Theaterverlag Ute Nyssen & Jürgen Bansemer, verärgert. Obwohl der Stücktext so lang ist, daß man mindestens 40 Prozent streichen muß, um nicht über drei Stunden zu spielen, beharren sie darauf, daß zwei Drittel der Analogie-Szenen (nach freier Wahl) gespielt werden, um Komposition und politische Absicht des Stücks zu wahren.

Dazu erklärt Pia Kipphardt, »daß Kipphardt niemals gewollt hat oder geduldet hätte, daß die Analogie-Szenen und insbesondere diejenigen, die auf unsere Gegenwart verweisen, vollständig eliminiert oder auch nur einschneidend gekürzt werden. Gerade auf diesen Bezug zur Gegenwart kam es dem Autor an«.

Von den großen deutschen Bühnen war das Kölner Schauspielhaus die erste, der die Aufführung gesperrt wurde, weil es auf die Analogie-Szenen verzichten wollte. Auch Hamburgs Schauspielhaus hat inzwischen entschieden: lieber gar keinen Eichmann als diesen. Und die Frankfurter Aufführung droht ebenfalls an dieser Auflage zu scheitern.

Die nächsten Premieren mit zwei Dritteln der »Analogie-Szenen« werden in Darmstadt, Wuppertal und Salzburg stattfinden. Es ist unwahrscheinlich, daß Israels inzwischen zurückgetretener Verteidigungsminister Scharon dabei auftreten wird.

Mitten in diesem deutschen Theaterstreit hat sich nun noch ein anderer Betroffener zu Wort gemeldet: Avner Less, der israelische Geheimdienstmann, dessen protokollierte Gespräche mit Eichmann Kipphardts Hauptquelle sind. Less hat erst aus der Zeitung erfahren, daß er in München auf der Bühne zu sehen ist, und hat nun, nach Lektüre des Textes, nicht nur Kipphardts Eichmann-Porträt allzu simpel gefunden, sondern vor allem die Darstellung seiner eigenen Person mißbilligt: Er will nicht wahrhaben (was sich aus Kipphardts Version vielleicht herauslesen läßt), daß er - im Lauf von 275 Stunden Verhör, die er mit Eichmann verbracht hat - diesem »menschlich« nähergekommen sei.

Solchem Einspruch der Wirklichkeit kann das Theater leicht entkommen: Auf der Bühne in München wie bei allen künftigen Aufführungen trägt nun Eichmanns Gesprächspartner nicht mehr den Namen Avner Less.

Schwierigkeiten mit Kipphardts brüderlichem »Bruder Eichmann« gibt es im Augenblick nur in einer Region nicht - in der DDR, in die Kipphardt aus politischer Überzeugung 1949 übersiedelte und die er 1959 aus politischer Überzeugung verließ: Noch in diesem Jahr wird Kipphardts Stück in Leipzig, Dresden und Schwerin gespielt, und fest steht auch schon, mit welchen zwei großen deutschen Stücken im Frühling 1984 das traditionsreiche Ost-Berliner Deutsche Theater nach langer Renovation wiedereröffnet wird: mit Goethes »Faust« und Kipphardts »Bruder Eichmann«.

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