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ARCHITEKTUR Szenario für die Zukunft

Spanien hat sich in den vergangenen Jahren zum Brennpunkt der Bau-Avantgarde entwickelt. Deren Vater, der Architekt Rafael Moneo, hat nun das Prado-Museum erweitert.
aus DER SPIEGEL 44/2007

Im Prado lagen schon immer Tradition und Moderne nah beieinander. In der vor bald 200 Jahren auf der Festwiese der Hauptstadt Madrid eröffneten Bildersammlung hängen unter einem Dach die Porträts des Hofmalers Diego Velázquez, der die Königsfamilie würdevoll verklärte, und des gesellschaftskritischen Francisco de Goya, der die Gekrönten schonungslos so darstellte, wie sie wirklich waren, in all ihrer Hässlichkeit, mit leeren, eitlen Gesichtern über den prunkvollen Roben. Als Frevler gegen die gottgewollte Ordnung verfolgte ihn die katholische Kirche.

Auch ohne Ketzer - das Spiel zwischen Alt und Neu im Prado geht weiter, wenn das spanische Königspaar diese Woche die Erweiterung des Museums durch den berühmten Architekten Rafael Moneo einweiht. König Juan Carlos und Königin Sofia treten durch den klassizistischen Haupteingang zwischen mächtigen Säulen in den einst von Juan de Villanueva erbauten Palast. Nachdem sie griechische Musenskulpturen passiert haben, erblicken sie das neue Werk, zwei Stockwerke über dem Foyer.

Da erstrahlt der Kreuzgang des Hieronymus-Klosters aus dem 17. Jahrhundert, in dem Renaissance-Skulpturen königlicher Vorfahren stehen, in mystischem Licht. Stein für Stein hatte Moneo abtragen, restaurieren und an gleicher Stelle wieder zusammensetzen lassen. Darüber stülpte er einen schlichten Kubus. Das Tageslicht lenkt er durch die Decke in einen auch von innen beleuchtbaren Glasschacht, der mitten im Raum zu schweben scheint und die Sonnenstrahlen 18 Meter tiefer weiterleitet.

Moneo ist wegen seines Prado-Projekts heftig attackiert worden. Sechs Jahre wurde gebaut. Die Kosten stiegen schließlich auf 152 Millionen Euro, mehr als das Dreieinhalbfache des ursprünglichen Etats. Bescheiden versteckt der Architekt sein Gebäude hinter dem historischen Trakt. Von außen ist es erst zu sehen, wenn man den Hintereingang benutzt. Das Museum gewinnt durch die vier Ausstellungssäle, ein Auditorium, die zum Kreuzgang offenen Werkstätten und das Archiv über die Hälfte an Raum dazu.

Weil er sich »von der Mode der spektakulären Gebäude entfernt« - etwa der Glaspyramide im Hof des Louvre von I. M. Pei oder der raffinierten Glas- und Stahlkonstruktion Norman Fosters für das British Museum -, habe Moneo in Madrid die »bewunderungswürdigste Lösung« gefunden, verteidigt Spaniens renommiertester Kunstkritiker, Francisco Calvo Serraller, das Werk: Avantgarde statt Imitation.

Als einziger spanischer Architekt hat Moneo die begehrteste Auszeichnung seines Fachs, den Pritzker-Preis, erhalten; ihm gelang es, die Baukunst aus ihrer pompösen Erstarrung während der vier Jahrzehnte dauernden Franco-Diktatur zu lösen. Damit hat er einen Epochenbruch eingeleitet wie einst Goya in der Malerei.

Die Entwicklung begann ganz unspektakulär mit einem Bankgebäude aus rostfarbenem Klinker an der Hauptachse Madrids, dem Prachtboulevard der Castellana. Dieses Hochhaus leitete 1972 die Renaissance der spanischen Architektur ein.

Überall im Land schmücken sich inzwischen Städte und Gemeinden mit originellen Bauten und Plätzen. Spanien hat in den vergangenen Jahren einheimische Baumeister von Rang hervorgebracht und internationale Stars angezogen. Die jungen Spanier, viele Schüler Moneos, haben einzigartige Formen entwickelt, und die Prominenz von außerhalb nimmt begeistert Aufträge an. So viele aufregende Projekte werden verwirklicht, dass das Museum of Modern Art in New York der spanischen Baukunst eine Ausstellung widmete und Brüssel ein Jahr der spanischen Architektur ausrief.

Die »kulturelle Zeitkapsel«, in die Spanien unter Franco eingesperrt war, zersprang. So beschreibt Terence Riley, der die MoMA-Show als Kurator zusammenstellte, den erstaunlichen Aufschwung. »Endlich konnten wir selbst in die Welt ausschwärmen, jede Reise war ein Abenteuer«, erinnert sich Moneo, 70, der seit über 20 Jahren an der Harvard University lehrt, an die Wende zur Demokratie.

Besonders seit dem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft 1986 flossen über 100 Milliarden Euro in das Land. Davon wurden große Infrastrukturprojekte finanziert, Autobahnen und Flughäfen - wie zuletzt der Terminal 4 von Barajas, den der Brite Richard Rogers mit dem Einheimischen Antonio Lamela als eine Art von innen leuchtender Wald aus gelbem Stahl

und Bambusgeflecht in die Madrider Ebene setzte.

Die Trasse für den Hochgeschwindigkeitszug Ave wurde von Madrid nach Sevilla geführt, aus Anlass der Weltausstellung 1992; Rafael Moneo war es, der den Atocha-Bahnhof zu einer grünen Oase in der Hauptstadt umgestaltete.

Ehrgeizig bewarben sich die Spanier um allerhand Großereignisse, holten die Olympischen Spiele 1992 nach Barcelona. Ein beispielloser Bauboom setzte danach gerade auch in den Regionen ein, zumal diese ihre Steuergelder selbst verplanen können.

Valencia, am Mittelmeer gelegen und lange Zeit vor allem wegen der Orangenplantagen und Reisfelder im fruchtbaren Hinterland bekannt, hatte schon Ende der achtziger Jahre das Megaprojekt einer »Stadt der Künste und der Wissenschaften« entwickelt. Dem Architekten und Ingenieur Santiago Calatrava ist es gelungen, trotz wechselnder politischer Führung in der Regionalregierung sein Werk im vergangenen Jahr zu vollenden.

In das trockengelegte Flussbett nahe am Meer hat er vier gigantische Gebäude in strahlendem Weiß gesetzt. Mit Strukturen aus Beton und Stahl formt der inzwischen weltberühmte Valencianer wie ein Bildhauer Inspirationen, die er sich aus der Natur holt. In seiner Heimatstadt, wo die großen Baumeister des Modernismus die Viertel gestaltet haben, fand er schon als kleiner Junge Vorbilder. Calatravas Opernhaus, der Palau de les Arts, mutet an wie ein außerirdisches Insekt: Der Panzer ist mit Splittern von Keramikbruch besetzt, die im Licht flirren, das von weitläufigen Wasserbecken reflektiert wird.

Calatrava, 56, hat seiner Heimat nicht nur eine neue kulturelle Infrastruktur mit Planetarium, naturwissenschaftlichem Museum, Flanieresplanade und Konzerthalle gegeben. Seine organische Architektur in der Nachfolge des bewunderten Katalanen Antoni Gaudí ist so originell, dass in Europa und Nordamerika inzwischen Städte darum wetteifern, eine Brücke, einen Bahnhof oder Flughafen von ihm entwerfen zu lassen.

Im Baskenland beschloss man Anfang der neunziger Jahre, das Guggenheim-Museum ins kohlenschwarze Bilbao zu holen. Damals lobten die Planer einen internationalen Wettbewerb aus, sie wollten ihre heruntergekommene Industriestadt mit einem bedeutenden Bauwerk adeln.

Die Kunstfabrik aus Stahl, Stein und Titan, die der Kalifornier Frank Gehry an das Ufer des Nervión-Flusses stellte, hat den Drang zur Fortschrittlichkeit beflügelt. Gerade hat Gehry ebenfalls im Baskenland ein neues Beispiel gesetzt. Über den Ziegeldächern des Dorfs Elciego hat sich die Kellerei Marqués de Riscal eine Bodega mit Wellnesshotel bauen lassen. Abgeschrägte Metallplatten, rosa-, silber- und goldfarben, umfangen den beigen Sandstein wie eine riesige Geschenkschleife. »Für unser Überseegeschäft können wir uns keine bessere Werbung vorstellen«, freuen sich die Besitzer.

Dieses Jahr wurden die Juroren des Mies-van-der-Rohe-Preises in León im Nordwesten Spaniens fündig. Am Stadtrand, umgeben von öden Mehrfamilienhäusern, steht eines der coolsten Gebäude der ganzen EU. Es besteht aus gegeneinander verschobenen Containern, deren Vorderfront übereinandergesetzte Glasrechtecke bilden, so bunt wie die Taschenbücher der alten Edition Suhrkamp.

Emilio Tuñón, 48, und Luis Mansilla, 48, die viele Jahre zusammen im Büro ihres Lehrers Moneo gearbeitet haben, haben dieses Museum für zeitgenössische Kunst (Musac) erdacht. »Wir wollten ein Szenario für die Zukunft bauen«, so Tuñón. Die Menschen anzulocken, gerade in einer der am dünnsten besiedelten Gegenden Europas, scheint gelungen. Schon lassen sich Hochzeitspaare lieber vor dem bunten Musac ablichten als vor der Kathedrale.

Aus diesem Juwel spanischer Gotik haben die zwei Baumeister ihre Farben entlehnt. Sie haben das älteste Kirchenfenster per Computer gepixelt. Es sind die gleichen Töne, doch nicht mehr figurativ, sondern abstrakt eingesetzt. Tuñón, der Theoretiker der beiden, erklärt ihre Idee: »Die Kathedrale war der öffentliche Raum des 13. Jahrhunderts. Im 21. Jahrhundert ist das Fenster, das aus dem Innenraum betrachtet wurde, nach außen gewandt.« Stadtbewohner bewegen sich gern auf Plätzen. So einen Mittelpunkt hat das Musac inmitten einer abweisenden Schlafstadt geschaffen.

Junge Architekten finden in Spanien ein Paradies. Umfassend ausgebildet, können sich bereits Frischdiplomierte in einer Flut von Wettbewerben mit etablierten Meistern, auch aus dem Ausland, messen. Die innovativste Idee, das noch nie Dagewesene, wird hier gebaut.

Enric Miralles und seine Frau Benedetta Tagliabue überdachten in Barcelonas Altstadt einen verlassenen Markt mit einem bunten Flickenteppich. Einem von Alten und Ausländern geprägten Viertel gaben sie so einen neuen Lebensmittelpunkt.

Im neuen Prado hat derweil der Vater der Bewegung noch mal die Richtung gewiesen. Sein Kubus hat eine geheimnisvolle Tür - schwarze Bronzeplatten wie ein dichter Vorhang aus Gestrüpp. Durch diesen Eingang kann nicht mal der König Moneos Prado betreten. Das Tor, dessen sechs Flügel fünfmal am Tag ihre Position verändern, ist selbst ein Kunstwerk. Die Ausstellung beginnt auf der Straße. HELENE ZUBER

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