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AM RANDE Tagebuch einer Zwiebel

Von Malte Herwig
aus DER SPIEGEL 37/2006

Sonntag, 3. September. Zum Frühstück viel Dankbarkeit in Briefen, die mich ermuntern, auch weiter den Mund aufzumachen. Antworte auf der geliebten Olivetti, die meinem Zweifingersystem wie immer gefügig ist. Aus München ein Oberstudienrat, der auf mein Geheimrezept für Blutwürste sinnt. Es drängt mich zu fabulieren, aber die richtige Form will noch gefunden werden. Beschied ihn abschlägig.

Montag, 4. September. Lesung im Berliner Ensemble. In mir gärt es und brodelt - kein Wunder nach all den Zwiebeln und dem Dom Perignon, den der brave Steidl im Foyer servierte. Alle sind sie gekommen: Staeck, Bahr und der treue Schorlemmer, der mir ermunternd auf die Schulter klopft. Sogar Greiner von der »Zeit« grüßt artig. Würdige ihn keines Blickes und greife zu meiner Pfeife. Hier rauche ich und kann nicht anders. Nachts noch lange in der unvermeidlichen Paris-Bar, wo ich bei einer Flasche Dom Perignon ein Paar französische Blutwürste ("Boudins") nebst Zwiebelsuppe zu mir nehme. So erschöpfe ich mich und bin doch nicht leergelöffelt.

Dienstag, 5. September. Heute Frankfurt. Bin seit unserem Interview nicht gut auf die Herren von der »FAZ« zu sprechen. Es stimmt, sie brachten mir Grappa, aber scheußlichen. Dann wollten sie immer nur die Stelle mit den SS-Runen sehen. In der Oper stehe ich fest auf beiden Beinen hinterm Pult, blättere in dem Zwiebelbuch, das meinem Zweifingersystem wie immer gefügig ist, und lese ihnen die Leviten.

Mittwoch, 6. September. Fummele am goldenen Wasserhahn im Grandhotel, der meinem Zweifingersystem nicht gefügig ist (großkotzbürgerliche Scheißherberge). Arienhaft gurgelt die Leitung und zaubert mir ein kaschubisches Liedchen auf die Lippen, als der Dienstbote meinen senffarbenen Anzug aus der Reinigung bringt.

Donnerstag, 7. September. Verstimmt über den Verlag: Die Auflage steigt, aber mir sind die Zwiebeln ausgegangen. Greife zum Telefon, das meinem Zweifingersystem wie immer gefügig ist, und rufe Steidl an. Soll mir sofort zehn Kisten schicken. Werde mir einen Vorrat für die Buchmesse anlegen. Nie wieder ohne Zwiebeln. MALTE HERWIG

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