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SCHACH / WELTMEISTERSCHAFT Taktik und Tränen

aus DER SPIEGEL 52/1970

Sechs Schachspieler der Weltelite kämpften sich durch das Interzonen-Turnier in die Endrunde zur Weltmeisterschaft. Fünf von ihnen hatte der sowjetische Weltmeister Boris Spasski vorausgesagt. Doch der sechste Kandidat überraschte Spasski und die Schachwelt.

Als erster Deutscher qualifizierte sich in der zweiten Dezember-Woche in Palma de Mallorca der Student der Altphilologie Robert Hübner, 22, für das sogenannte Kandidaten-Turnier, in dem 1971 der nächste Herausforderer für Weltmeister Spasski ausgespielt wird. Mit der letzten Partie gelangte auch Wolfgang Uhlmann aus der DDR -- wie von Spasski getippt -- unter die besten sechs.

Die Herausforderer nach der ersten offiziellen Weltmeisterschaft (1886) hatten noch keine zermürbenden Ausscheidungen zu bestehen. Sie benötigten allerdings einen Mäzen, der für sie ein Turnier mit dem Weltmeister finanzierte. Mit einer Siegprämie von 20 000 Dollar köderte etwa ein kubanischer Geldgeber 1921 den deutschen Weltmeister Dr. Emanuel Lasker, seinen Titel gegen den Kubaner José Raúl Capablanca zu verteidigen. Er verlor.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg ein neuer Weltmeister gesucht wurde, organisierte der Weitschachbund (Fide) 1948 ein Fünferturnier (Sieger: der Sowjetrusse Dr. Michail Botwinnik) und schirmte den Titelträger fortan durch ein hindernisgespicktes Auswahl-System ab.

Zuerst müssen Bewerber bei einem der etwa acht Zonen-Turniere mindestens Dritter werden. Die 24 Besten treten dann im Interzonen-Turnier jeder einmal gegen jeden in den Kampf am Brett. Nur die ersten sechs qualifizieren sich. Außerdem nehmen die zwei besten Spieler des letzten Qualifikations-Zyklus Freiplätze im Kandidaten-Turnier ein -- der dritten Schleuse. Wie im Fußball-Pokal werden die Gegner ausgelost. Jeder Verlierer scheidet aus.

Der Endsieger muß gegen den ausgeruhten Weltmeister 24 Partien durchstehen. Nur einer, der Sowjetrusse Michail Tal, bewältigte die dreijährige Ochsentour im ersten Anlauf bis zur Weltmeisterschaft.

Von den 49 000 organisierten bundesdeutschen Schachspielern waren vor Hübner erst drei in ein Interzonen-Turnier vorgestoßen. Das Talent aus Porz hatte schon als Zehnjähriger mit »Turm Köln« die Endrunde zur Deutschen Mannschafts-Meisterschaft erreicht und war mit 14 Jahren Jugendmeister geworden. Nach Niederlagen trieb die Enttäuschung gelegentlich Tränen. Aber Hübners Förderer, der frühere Schachmeister und Chefredakteur ("Fußball-Woche") Dr. Paul Tröger, verhinderte Schaustellungen Hübners als Wunderknabe. Zum richtigen Zeitpunkt für Hübners Aufstieg veranstaltete das Nordseebad Büsum 1968 das seit langem erste Großmeister-Turnier in der Bundesrepublik. Er spielte im bunten Freizeithemd und so dicht über die Figuren gebeugt, als wolle er sie anknabbern. Der risikofreudige Gymnasiast brachte das internationale Schach-Establishment um die Siegprämie von 1500 Mark. »Der sieht »ne Menge«, schnaubte der belgische Großmeister Graf O'Kelly de Galway.

Besonders gut und gern zieht Hübner im Zug um Zug gespielten Blitzschach. Dabei besiegte er während seiner Zugpausen in einem Turnier sogar russische Gegner in den Wandelgängen. »Sein taktischer Blick ist unübertroffen«, pries der Bamberger Großmeister und Karl-May-Verleger Lothar Schmid.

Dennoch unterschätzten die meisten Konkurrenten das blasse Leichtgewicht im Interzonen-Turnier noch als Außenseiter, obwohl er anfangs dem späteren amerikanischen Turnier-Sieger Robert Fisher ein Remis abtrotzte. Statt wie erwartet abzufallen, gewann Hübner sechs Partien in Reihenfolge und schaffte die Grollmeister-Norm. Voraussetzung: 55 Prozent aller möglichen Punkte gegen Großmeister.

»Der plötzliche Aufstieg des jungen deutschen Meisters«, wunderte sich selbst die Moskauer »Prawda«, »war sensationell.«

Hübner beschloß die Interzonen-Runde als Zweiter und trifft im Kandidaten-Turnier über zehn Partien auf den ehemaligen sowjetischen Weltmeister Tigran Petrosjan.

Auf die Schach-Olympiade für Nationalmannschaften im Herbst hatte Hübner verzichtet. Die deutschen Verbands-Oberen mochten ihm mit Rücksicht auf ältere, verdiente Spieler bestenfalls einen Platz am vierten Brett zubilligen.

Die Bundesdeutschen fielen auf den sechsten Platz zurück. »Mit Hübner wären wir Dritter geworden«, gestand Schachbund-Präsident Ludwig Schneider zu.

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