Zur Ausgabe
Artikel 48 / 69
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Talk-Shows: Boom auf allen Kanälen

Talk-Shows überschwemmen die deutschen Fernsehkanäle: Für 1976 sind fast 100 Sendungen vorgesehen. Neue Talk-Master steigen in die Arena; Bremens lockeres »III nach neun« kommt in alle dritten Programme.
aus DER SPIEGEL 52/1975

Die Talk-Show, der heftig umstrittene Import aus den USA, hatte bei ihren ersten Schritten auf deutschem Boden weiche Knie. Unterm ersten Talk-Master, Dietmar Schönherr hieß er, siechte sie mehr, als daß sie siegte, und jeder erwartet anderes: die einen knackige Blödeleien, andere, wie der »Zeit«-Feingeist Walter Jens, die »Anmut eines Fontane-Gesprächs«.

Als Anfang dieses Jahres, an Stelle Schönherrs, der Doktor Rosenbauer in die bonbonbunte Arena von »Je später der Abend« stieg, war die Talk-Show beinah totgeredet. Mittlerweil jedoch sind die hitzigen Debatten milderer Betrachtung gewichen. Nun ist die Talk-Show in Deutschland wahrhaft heimisch geworden.

»Talk täglich« heißt die Devise, und jede Anstalt macht mit beim großen Talk-Show-Boom: Rund 100 Talk-Programme -- ein Redeschwall ohnegleichen sollen 1976 die TV-Kanäle überfluten. Zur Hochsaison machen sich neue Talk-Master startklar.

In Mainz hat sich gerade, nach langer Testzeit, der joviale Walther Schmieding ins Gerede gebracht. Zur Premiere. seiner TV-Sprechstunde »Zu Gast im ZDF« lud er, vorletzten Freitag, das erklärte Leitbild deutscher Talk-Master, den US-Kollegen Dick Cavett, ein und versengte sich, erwartungsgemäß, die dicken Finger.

Neben dem ausgebufften Profi schrumpfte Schmieding, der sonst so Souveräne, zum hilflosen Stichwortgeber, der -- so die »Süddeutsche Zeitung« mitleidig -- gegen Cavetts »Florettgefecht« nur »eine Heugabel« parat hatte und bei simplen Fangfragen -- Cavett: »Welche Worte sind im deutschen Fernsehen verboten?« -- baff dasaß. Das verunglückte Entree ("Ich war zu nervös") hat dem Selbstbewußtsein des Debütanten aber nicht geschadet. Sechsmal jährlich, unterbrochen von einer »wahnsinnig langen Sommerpause«, will Schmieding am späten Freitagabend »intelligente Unterhaltungen für intelligente Leute« führen -- am liebsten mit Prominenz aus dem Kulturbetrieb. Sein nächster Gast ist Schaubühnen-Prinzipal Peter Stein.

Eine weitere Talk-Show-Novität kommt aus Köln, vom dritten WDR-Fernsehen. Dort sollen vom 25. Januar an, sonntags im Vier-Wochen-Rhythmus, die Redakteure Alfred Biolek und

* Josef Ertl, Hennig Venske, Veruschka von Lehndorff.

Dieter Thoma einen amüsanten »Kölner Treff« arrangieren.

Vorbild der rheinischen Plauderstunde ist eine quirlige, von Käuzen und Spaßvögeln bevölkerte Bühnen-Talk-Show, die Biolek, nebenberuflich, mit großem Lacherfolg im Kölner Kleintheater »Senftöpfchen« aufgezogen hat. Co-Talker Thoma hat Witz und Eloquenz in der Radio-Blödelei »Die fixe Idee« bewiesen -- in Nonsense-Diskussionen etwa über die Frage »Brauchen Schizophrene zwei Steuerkarten?«

Zu ihrem Kölner TV-Meeting will das Moderatoren-Tandem jeweils sechs bis acht Gäste vor Studio-Publikum »sehr locker« zu Tisch bitten. Der Verzieht auf Star-Politiker, die vom 1. April an wegen der bevorstehenden Bundestagswahl in der TV-Unterhaltung Auftritts-Sperre haben, fällt den Kölnern nicht schwer. »Die haben«, sagt Thoma, »dann sowieso nur den Wahlkampf im Hinterkopf.«

Mit dem Talk-Typ Marke Biolek will der WDR vor allem einer Konkurrenz-Sendung die Show stehlen -- der kregelsten Schwatzbude des deutschen Fernsehens, »III nach neun«. Das »gesteuerte Chaos«, der entspannte Klönschnack im Bremer Talk-Studio, hat die TV-Herren aller deutschen Länder so tief beeindruckt, daß sie die Live-Schau, vom 11. Januar an, regelmäßig in ihre dritten Programme übernehmen. Im Norden ist die Talk-Show mittlerweile so populär, daß sie trotz Kojak-Kontrast ein Stammpublikum von 12 Prozent an den Schirm zieht.

Aber auch der ARD-Talker Hansjürgen Rosenbauer kann mit den Einschaltquoten für seine Nightshow »Je später der Abend« zufrieden sein. Wenn er, neuerdings sogar überraschend cool, mit der Künneke, mit den vereinigten Schells und Willy Brandt palavert, schauen ihm bis zu 16 Millionen Talk-Freunde zu.

Gelegentlich ist Rosenbauer unter politischen Beschuß gekommen. Als der CDU-Schatzmeister Kiep ein fix erfundenes Spendenkonto seiner Partei ausposaunte, protestierte die FDP. Und als unlängst ein verpöntes Wort in seiner Sendung fiel -- »Berufsverbot« -, ereiferte sich prompt die CSU: Der »rote Agitator« Rosenbauer treibe »Werbung für Kommunisten«.

Doch nun, die CSU mag"s beruhigen, hat der WDR seinem Rosenbauer Kurzarbeit verordnet. Er soll künftig mit seinem Kölner Kollegen Reinhard Münchenhagen, 35, alternieren, der sich als redlicher, wortgewandter Makler in der WDR-Eheanbahnung »Spätere Heirat nicht ausgeschlossen« bewährte und von den Anstaltschefs als »kommendes Talent« gepriesen wird.

Woher Boom und Erfolg? Bremens »III«-Redakteur Alfred Mensak sieht es so: »Vom gelackten Perfektionsfernsehen haben die Leute die Schnauze voll.« Und der Prickel einer Live-Sendung, in der immer was schiefgehen kann, schafft Spannung wie beim Fußballspiel.

Schon gibt es akademische Seminar-Übungen zum Thema Talk-Show« und der Berliner Medien-Professor Friedrich Knilli, der mit seiner Übung auf »enormes Interesse« bei den Studenten stößt, setzt nun gar wissenschaftliche Maßstäbe an.

Auf- den Professor wirken deutsche Master wie Interviewer, die »bitterernst ihre Fragen abhaken«. Er vermißt die »geistreiche Konversation bürgerlicher Salons« und verspürt »etwas Protestantisch-Karges«. Noch weit entfernt sei die Talk-Show von ihrer »Spannweite -- vom Nestroyschen Wortwitz bis zur Situations-Zote«.

Schon gibt es aber auch einen Nachruf. Am zweiten Weihnachtstag senden Nord. West und Hessen III Klaus Wildenhahns Dokumentation »Der Mann mit der roten Nelke«, ein Epitaph auf Dietmar Schönherr.

Der klagt, er sei »dauernd beschossen worden«, und das habe ihn »bei aller Elefantenhaut permanent verletzt«. Und müde sei er geworden, dänelt Schönherr-Gefährtin Vivi Bach die Diagnose, »wo er gespürt hat, daß der Apparat nicht mehr hinter ihm stand«.

Zur Ausgabe
Artikel 48 / 69
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.