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BÜCHER Tapferer Trotzkopf

Esther Kreitmann: »Deborah - Narren tanzen im Ghetto«. Aus dem Jiddischen von Abraham Teuter. Alibaba Verlag, Frankfurt; 368 Seiten; 24 Mark. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Isaac Bashevis Singer ist eine Petze. Oder wie sonst soll man das nennen, wenn einer seine dreizehn Jahre ältere Schwester mit der gönnerhaften Attitüde aller kleinen Brüder »hysterisch« heißt und sie hinstellt als einen Backfisch mit »harmlosen epileptischen Anfällen«, der gelegentlich in Ohnmacht fällt und nicht mal weiß, wie Feuer funktioniert? »Meine Schwester«, schreibt der Nobelpreisträger Singer, »hatte eine Vorliebe fürs Dramatische.«

Singers Schwester war Esther Kreitmann (1891 bis 1954), und Singer-Leser kennen sie aus seinem Erzählungsband »Mein Vater, der Rabbi«. Daß sie nun auch selbst zu Wort kommt, ist ein Verdienst des Frankfurter Kleinstverlags Alibaba, der sonst auf Kinderbücher spezialisiert ist: Er hat als deutsche Erstausgabe Esther Kreitmanns einzigen, stark autobiographischen Roman veröffentlicht.

»Deborah« erschien 1936 auf jiddisch in Warschau und zehn Jahre später auf englisch in London. Es scheint, als sei die Zeit damals nicht reif gewesen für die Abschilderung einer Welt, die heute gerne apostrophiert wird als eine versunkene, wo es doch vielmehr eine vernichtete ist.

Die Gesichter dieser verlorenen Welt sind heute exotischer Gegenstand von Ausstellungen in Museen für Völkerkunde, und zum Standardvokabular offizieller Vernissage-Referenten gehört dann stets eine verbale Inflation von »Betroffenheit« - über das Ende des Ostjudentums, über eine heile versunkene Welt eben, die im Lauf der Zeit eine immer romantischere Verklärung erfährt.

Die Welt der Deborah ist nicht romantisch und nicht heil. Esther Kreitmann beschreibt das Leben einer Rabbiner-Tochter im Polen der Jahrhundertwende, das Ghetto der kleinen Leute, die Ärmlichkeit, die Schmuddeligkeit, aber auch die Lebendigkeit des frommen orthodoxen Ghetto-Lebens.

»Mein Vater kümmerte sich nicht um sie, weil sie ein Mädchen war«, schreibt Isaac Singer, und tatsächlich antwortet Deborahs Vater auf die Frage seiner Tochter, was denn aus ihr werden solle, mit dem achtlosen Satz: »Nichts, natürlich!«

Damit das Kind nicht zu verderbt werde von zuviel Wissen, versteckt er einen Band russischer Grammatik auf dem Kachelofen. Denn Weiber, die zu klug sind, sind von Übel, weiß der gutherzige Rabbi und hat doch immer - Gott sei gepriesen! - das Beste für seine Tochter gewollt.

Eines Tages lernt Deborah die Arbeiterin Bailke kennen und damit auch die jüdische Sozialistische Partei. Fortan ist sie mit Feuereifer dabei, bei den heimlichen Treffs in konspirativen Hinterzimmern, wo die ihren frommen Elternhäusern entlaufenen Jungen die heilige Sache der Revolution vorbereiten und ihre Schläfenlocken im Haar verstecken. Deborah verliebt sich in Simon, den Revolutionär - eine keusche Leidenschaft, die nie ausgelebt wird -, und münzt sich

selbst die gehaßte Hausarbeit um zum Dienst an der Partei.

Die Sache hat ein jähes Ende, als die Neue einiger Eifersüchteleien wegen von den Genossen verstoßen wird.

Deborah wird an einen ungeliebten Mann nach Antwerpen verheiratet und verfällt in passive Resistenz: Sie wird immer dünner. Während sich der Schwiegervater buchstäblich um ein paar Pfunde betrogen sieht - schließlich war eine dünne Deborah nicht die Geschäftsgrundlage der Verbindung -, begreift keiner, auch die Frauen nicht, daß Deborahs stumme Verweigerung keine Bewußtseinsstörung ist, sondern die ganz normale Verzweiflung eines sensiblen Trotzkopfs, der gegen seinen Willen einem wildfremden Mann in einer wildfremden Stadt zur Frau gegeben wird.

1914, bei Kriegsausbruch, floh Esther Kreitmann mit ihrem Mann nach London, und dort hat sie ihr weiteres Leben verbracht. Ein Versuch, nach einem Dutzend Jahren, der gehaßten Ehe zu entkommen und nach Warschau heimzukehren, wurde von der Familie abgeschmettert: Esther wurde nach London zurückgeschickt. So ist ihr der Ausbruch nur in die Literatur gelungen, indem sie den Roman ihres Lebens schrieb.

»Deborah« ist ein seltenes Dokument. Nicht weil die Autorin die unbekannte große Schwester eines berühmten kleinen Bruders ist, sondern weil die Frauen des orthodoxen Ostjudentums in der hier bekannten Literatur kaum zu Wort kommen. Natürlich gibt es sie in den Büchern von Singer, Joseph Roth, Martin Buber, Scholem Alejchem - aber immer aus der Sicht der Männer.

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