Wien-»Tatort« über Regierungskomplott Jogger des Grauens

Korruption ist ein Konditionssport: Fellner und Eisner untersuchen einen Todesfall unter sportfixierten Spitzenbeamten. Ein »Tatort«, in dem die Bösartigkeit aus atmungsaktiver Kleidung tropft.
Adele Neuhauser als Bibi Fellner: Ab jetzt nur noch gesund leben?

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Foto: Petro Domenigg / ORF / ARD Degeto

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Keine gierig in den Kaffee getunkten Hörnchen. Keine im Stehen gestürzten Biergläser. Keine aus der Faust heraus geschlungenen Leberkässemmeln. Und keine Sodbrennengriesgrämigkeit im Gesicht des Kommissars. Ja, ist denn das hier noch der Wien-»Tatort«?

Wo früher Schluckspechtalarm herrschte, wird jetzt ostentativ ein Glas Wasser nach dem anderen geleert. Die aktuelle Ösi-Askese fällt auch deshalb auf, weil in den acht Monaten zuvor gleich vier Wien-Fälle liefen, in denen die Ermittler an Fetten und Chemikalien in sich hineintaten, was vor ihnen hingestellt wurde.

Doktor Rädler (Fabian Schiffkorn): Der Sportarzt, dem die Politiker vertrauen

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Foto: Petro Domenigg / ORF / ARD Degeto

Dass zuletzt die Taktung der Wien-Episoden erhöht wurde, lag an der Coronakrise und den damit zusammenhängenden Produktionsproblemen anderer »Tatort«-Reviere. Zurzeit wird rausgehauen, was halbwegs sendefähig vorliegt. Keine zwei Monate ist es her, da ermittelte sich Kommissarin Fellner (Adele Neuhauser) noch durch ein Crack-und-Narkotika-Wien, bis sie selbst am Ende an Schläuchen und Apparaten röchelte. Kaum zu glauben, dass sie jetzt schon wieder so haserlflink durchs hitzeflirrende Umland der Stadt joggt, wie es gleich am Anfang der neuen Folge zu sehen ist.

Laufstrecke statt Hinterzimmer

Doch lassen wir uns von diesen coronabedingten Kontinuitätsmaleuren nicht stören: Dass es Fellner so schnell von der tablettensüchtigen Koma-Patientin zur Konditionskanone schafft, passt sehr gut zum neuen Fall, der von einem Komplott sportfanatischer Spitzenbeamter handelt. Gleich am Anfang wird Fellner beim Laufen von einem Referatsleiter des Innenministeriums überholt – der dann wenig später nach einem Herzinfarkt und mit zertrümmertem Körper in einem Steinbruch liegt.

Die Ermittlungen führen Fellner und den Kollegen Eisner (Harald Krassnitzer) zu dem Verein »Sichere Zukunft«, wo hochrangige Regierungsbeamte mit der Security-Wirtschaft zu mauscheln scheinen. Man zwackt gemeinsam Staatsgelder ab und ringt gegeneinander um die besseren Laufzeiten. Jogger des Grauens.

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Foto: Martin Rottenkolber / WDR

Als Eisner einem der Strippenzieher auf die Pelle rückt, sorgt der durch einen Anruf dafür, dass der Kommissar Dienstausweis und Waffe abgeben muss. Später soll er sogar noch beim Arbeitsamt vorsprechen. Fragt die Sachbearbeiterin: »Gekündigt nach 35 Jahren – was haben Sie denn gemacht?« Antwortet der Cop: »Meinen Job!«

Nun gut, Ambivalenzen sucht man in diesem Krimi vergeblich. Moralisch sind alle Figuren übereindeutig verortet, der Plot hält wenig Überraschungen parat. Die Bösartigkeit tropft den Beamtenstenzen förmlich aus der atmungsaktiven Kleidung.

Dafür gelingt es Drehbuchautor Ivo Schneider und Regisseurin Claudia Jüptner-Jonstorff, dem alten Genre des politischen Verschwörungsthrillers einen perfide aufgefrischten Look zu geben: Wo früher beim Intrigenspinnen im Regierungsumfeld gequalmt und gesoffen wurde, da wird heute gejoggt und Kräutertee getrunken. Laufstrecke statt Hinterzimmer: Korruption ist neuerdings ein Konditionssport.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

»Tatort: Verschwörung«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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