"Tatort"-Highlight mit Ulrich Tukur Wie "Se7en" - nur besser!

Schluss mit lustig. Nach Slapstick und Selbstbespiegelung kommt der neue "Tatort" mit Ulrich Tukur als abgründiges Angstkino daher. Bitte anschnallen.

ARD

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Auf einmal schüttet es vom Himmel, als habe Gott alle seine Sprinkleranlagen auf einmal eingeschaltet.

Aber nein, es gibt in diesem "Tatort" ja gar keinen Gott. Nur einen Serienmörder namens Steinmetz, der sich als Erlöser aufspielt, der Menschen, die sich angeblich nach dem Tod sehnen, beim Sterben hilft. Freilich, ohne von ihnen darum gebeten worden zu sein. Jedoch immer "angemessen", wie er im Gespräch mit dem Kommissar erklärt, immer "würdevoll". Stolz sagt der Serienmörder: "Keine Blutspritzer, keine Schreie, die die Nachbarn gestört haben."

Der sich umsichtig gebende Psychopath lotst Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) gleich am Anfang dieses "Tatort" im Auto durch ein Wiesbaden, wo es pittoresk vom Himmel pladdert wie einst in David Finchers "Se7en". Am Ziel angekommen, führt er den Ermittler, ähnlich wie der Killer den Kommissar in der legendären Vorlage, zu einem Karton. Murot erschrickt, zuckt zurück, der Serienmörder lächelt konziliant: "Keine Angst, ich bin keiner von denen!"

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Tukur-"Tatort": Rundfahrt mit Serienkiller

Kein Kopf in der Box wie bei "Se7en" also, und doch lässt dieser "Tatort" den Zuschauer verstört zurück wie kaum ein anderer Psychoschocker. Das liegt daran, wie Tukur seinen Murot hier tief und tieftraurig in die Ambivalenzen des Falles vordringen lässt. Am Ende, wir verraten nicht zuviel, wird der Ermittler aufs Grausamste mit der eigenen tragischen Familiengeschichte konfrontiert.

Risikoschauspieler auf dem Weg in den Abgrund

Tukurs Murot ist ja eines der tollsten Experimente der "Tatort"-Geschichte; was uns da alles schon zugemutet wurde: Zwiegespräche mit dem Hirntumor, Balletteinlagen mit Verdächtigen, Massenschiessereien mit Rekord-Bodycount. Ulrich Tukur hat seinen Murot gleichsam auf Cinemascope aufgeblasen, ihn wenig vorteilhafte Slapstickeinlagen hinlegen lassen und ihn schließlich in seine Einzelteile zerlegt. Jetzt schraubt er ihn eben wieder zusammen, so dass da am Ende ein richtiger Mensch auf dem Bildschirm zu agieren scheint - der in Wirklichkeit aber eben doch nur der Risikoschauspieler Tukur auf einer weiteren Exkursion in die Abgründe der menschlichen Seele ist.

Ulrich Tukur und das Böse

Nach dem tarantinoesken Zitatwestern "Ulrich Unchained" und der grotesken Selbstbespiegelung "Being Ulrich Tukur" nun also "Tu7ur". Der Schauspieler versucht hier als Kommissar einen Serienmörder zu überführen, der seine penibel geplanten Bluttaten als großes humanistisches Projekt verkauft. Immerhin, so dessen Begründung, hätten ja alle seine Opfer an ihrem Leben gelitten.

Anfänglich hat Murot noch den Plan, den Täter als narzisstischen Psycho zu entlarven, doch schon bald wird er von dem anderen in einen gefährlichen Dialog gezogen. Es geht zum Beispiel um die desaströse Wirkungsmacht, die Eltern auf ihre Kinder haben können. Und je persönlicher die Konfrontation gerät, desto stärker scheinen sich bei dem Ermittler kriminalistische, juristische und moralische Gewissheiten aufzulösen.

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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Dass die riskante Inszenierung dieses ethischen Erosionsprozesses nicht zur Relativierung aller Werte führt, ist natürlich auch dem Filmemacherduo Erol Yesilkaya (Buch) und Sebastian Marka (Regie) zu verdanken. Die beiden verstehen sich auf souveränes Genrekino, ringen diesem aber immer wieder neue, aufregende Subtexte ab. 2015 inszenierten sie den Abschieds-"Tatort" von Joachim Król als zitatfreudigen Home-Invasion-Thriller mit tragischer Note; gerade erst lief ein Münchner "Tatort" von Yesilkaya und Marka, der als klassischer Copthriller mit nihilistischem Nachgang daherkam.

Hier nun setzen sie den Serienkillerthriller mit den für das Genre üblichen Wendungen und Rückblende in Szene, verdichten diese aber auf selten gesehene Weise. Einmal werden wir Zeuge, wie Steinmetz eines seiner Opfer in der Wanne zum Tode befördert. Über Minilautsprecher spielt er der Sterbenden einen berauschend schönen Song des amerikanischen Empfindsamkeitsterroristen Sufjan Stevens vor, in dem dieser flüstert: Kleine Taube, hast Du immer genug Liebe bekommen?

Ein Song, der wie die Träne aus dem Auge in dieses formvollendet verdrehte Mörderpoem über pervertierte Menschenliebe passt.

Bewertung: 10 von 10 Punkten


"Tatort: Es lebe der Tod", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 47 Beiträge
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Herzbubi 18.11.2016
1.
der letzte "Tatort"-Highlight mit Ulrich Tukur im Fersehen hat mich das erste Mal im Leben überascht. Niemals hätte ich eine solche Kino-Qualität, Wucht und Überaschung dem Tatort zu getraut. Am Sontag 20.15 weis ich was ich tun werde.
Saalecker2 18.11.2016
2. Danke, Herr Buß ...
... für diese sprachgewaltige Vorschau auf den unvermeidlichen Horror-Tatortabend. Mit Horror meine ich jedoch nicht den von Ihnen beschriebenen Inhalt dieses Tatortes, sondern die Tatsache, dass man wiedermal einen "Kunstfilm"genuss vorgesetzt bekommt, der unerträglich sein wird. Ulrich Tukur und Tatort - das passt ungefähr zusammen wie Leberwurst und Schlagsahne. Bleibt eigentlich nur noch zu hoffen, dass dieses Tukursche Gruselepos nicht ganz so bescheuert wird, wie die letzten drei (?) Folgen. Aber sicherheitshalber werde ich wohl an diesem Sonntagabend nicht einschalten. Wie gesagt: Danke für die Warnung.
blood.simple 18.11.2016
3. Tatort und Se7en
in eienm "Atemzug" ist für sich allein schon ein Sakrileg - deutsche TV-Einheitsware (OK, anscheinend mehr oder weniger einheitlich) mit Finchers Meisterwek zu vergleichen.. d a bleibt mir doch glatt die Spucke weg!
ithaqua 18.11.2016
4. Hoffentlich nicht wieder so ein filmisches Armutszeugnis.
Ich habe mir schon damals den Tatort "Im Schmerz geboren" des hessischen Rundfunks angesehen. Auch aufgrund der Lobpreisungen im Spiegel. Ein Meisterwerk sollte es sein, nah an den Größen düsteren Independent-Kinos. Was ich dann sah war ein dilettantisch gemachtes "Mickey-Mouse-Filmchen", dem man in jeder Sekunde anmerkte, was er gerne wäre aber nie sein konnte. Blasse Schaupieler, die noch blassere Protagonisten darstellten. Nur weil man die Opferzahl etwas hochdreht und sich bei fähigen Regisseuren ein paar Häppchen Kamerawinkel und optische Effekte abschaut, hat man noch lange keinen guten Film auf die Beine gestellt. Wird hier wieder nur ein typischer Langweiltatort hochgejubelt, oder hat man aus den ganzen GEZ-Beiträgen tatsächlich mal sowas wie einen guten Film gebastelt?
troy_mcclure 18.11.2016
5.
Nach diesem (sehr gut geschrienen, das muss ich zugeben) Artikel bin ich mir ziemlich sicher, dass das wieder ein Tatort sein wird, der nur der Kritik gefällt, dem normalen zuschauer aber gar nicht. Wie schon von einem Vorredner angemerkt: Ulrich Tukur und Tatort - das passt ungefähr zusammen wie Leberwurst und Schlagsahne. Und die bisherigen Tatortfolgen von Murot waren - vorsichtig ausgedrückt - gewöhnungsbedürftig.
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