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SOWJET-RENDEZVOUS Technik gemeistert

aus DER SPIEGEL 46/1967

Der Sprecher des DDR-Fernsehens kündigte eine Premiere an -- die erste Sendung der »Kosmovision«.

Auf den Ost-Bildschirmen erschien der verwaschene Umriß eines Flugkörpers, der sich, hoch über einem flockigen Wolkenschleier, behutsam an ein zweites Flugobjekt heranschob.

Eine Weile umschwebten die antennenstachligen Raumfahrzeuge einander wie spielende Libellen. Dann bohrte sich der Bug des Verfolgers in das Heck des vorausfliegenden Raumschiffs -- aneinandergeheftet setzten sie die Reise fort.

Das Treffen »der Raum-Roboter, gefilmt von einer Kamera auf dem Heck des Verfolgerfahrzeugs, war das erste ferngesteuerte Rendezvous-Manöver der Raumfahrtgeschichte. Am Montag letzter Woche gelang es den sowjetischen Technikern, die beiden unbemannten Satelliten »Kosmos 186« und »Kosmos 188« -- zwei Raumkapseln des »Sojus«-Typs -- in rund 200 Kilometer Höhe zusammenzuführen und aneinanderzukoppeln. Der Kurs der beiden Kapseln wurde über Funk gesteuert und durch Computer an Bord und auf der Erde automatisch reguliert.

In Ost und West konnten die Sowjets für ihre Pionierleistung respektvolles Lob einheimsen. Das geglückte Koppel-Manöver wurde im »Neuen Deutschland« als »Kosmos-Triumph« gefeiert. Und der Direktor der Bochumer Sternwarte, Heinz Kaminski, hielt gar für »geklärt, wer zuerst auf dem Mond landet«.

Fraglos zeigte der »Kosmos«-Versuch (wie auch der jüngst erfolgreich beendete Sonden-Schuß zur Venus), daß die Sowjets über ein perfektes System der elektronischen Fernsteuerung verfügen. Damit wären nunmehr auch sie imstande, im All größere Raumstationen zusammenzubauen.

Ähnlich wie die Amerikaner, die von ihrem Mond-Raumschiff aus mit einer * Modell-Photo.

Landefähre auf dem Trabanten niedergehen wollen, können auch die Russen den Mond nicht im Direktflug erobern; sie planen offenbar den Start von einer erdumkreisenden Abschußrampe. Beide Verfahren setzen die Beherrschung der Rendezvous-Technik voraus.

Die Amerikaner haben das Rendezvous nur mit bemannten Raumkapseln trainiert: Bei den Flügen des »Gemini«-Programms steuerten die Astronauten eigenhändig, ohne elektronische Bodenhilfe, ihr Raumschiff an die Agena-Zielrakete heran.

Die Russen hatten zunächst versucht, es ihren westlichen Konkurrenten gleichzutun. Dreimal seit 1962 starteten sowjetische Kosmonauten zu einem Treffen im Kosmos -- stets ohne Erfolg. Der letzte Rendezvous-Versuch endete tödlich: Im April dieses Jahres mußte Kosmonaut Wladimir Komarow seinen Flug abbrechen. Er kam beim Aufprall der Kapsel um.

Daß die Flugübungen auf der Kreisbahn um die Erde den Raumpiloten nur schwer von der Hand gehen, liegt an den eigentümlichen Gesetzen der Himmelsmechanik, die den Raumfahrer in ein sinnverwirrendes Vexierspiel verwickeln.

Will auf Erden ein Auto das andere einholen, so muß der Verfolger sein Tempo erhöhen. Anders im All: Dort muß das nachfolgende Gefährt langsamer werden; wenn es seine Geschwindigkeit beschleunigt, bleibt es zurück. Denn jede Beschleunigung befördert das Raumfahrzeug zwangsläufig auf eine höhere, erdfernere Umlaufbahn -- das Raumschiff muß im selben Zeitraum einen längeren Weg durchmessen als das verfolgte Fahrzeug, das auf der niedrigeren (und damit kürzeren) Umlaufbahn weiterfliegt.

Das zwingt das Verfolgerfahrzeug zu scheinbar widersinnigen Manövern: Es muß zunächst gebremst werden, damit es eine niedrigere, engere Kreisbahn erreicht. Dabei untertaucht es gleichsam das vorwegfliegende Zielobjekt. Erst dann kann es wieder aufsteigen und, sanft beschleunigend, sich an den Rendezvous-Partner herantasten.

Zweifellos vermag ein elektronisches Lenksystem den komplizierten Bewegungsablauf eines derartigen Manövers zuverlässiger zu bewältigen als ein Pilot, der dem Zwang irdischer Gewohnheit ausgesetzt ist. Sinnvoll -- zumindest für die Mond-Expedition -- erscheint das kosmische Rendezvous jedoch nur dann, wenn es den Astronauten das Umsteigen von einem Raumschiff ins andere ermöglicht.

Bemannte Raumfahrzeuge aber haben die Russen seit dem Todesflug des Kosmonauten Komarow nicht mehr gestartet. Gerüchte, die Sowjets würden dem ferngelenkten Koppel-Versuch einen Raumflug mit Astronauten-Besatzung folgen lassen, wurden am Montag letzter Woche dementiert: »In naher Zukunft«, so versicherte Mstislaw Keldysch, Präsident der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, »wird es keinen bemannten sowjetischen Raumflug geben.«

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