Zur Ausgabe
Artikel 61 / 72

SCHALLPLATTEN Teil komplett

Von Horst Dieter Ebert
aus DER SPIEGEL 7/1974

Gioacchino Rossini: »Guillaume Teil«. Die interessanteste Opern-Aufnahme der Saison hat eine Spieldauer fast wie die »Meistersinger« und bringt ein berühmtes, doch weithin unbekanntes Werk auf den Markt: Rossinis »Teil« gilt als eine der Gründungsopern der französischen »Grand Opéra«, die Ouvertüre ist eine beliebte Wunschkonzertnummer, doch auf der Bühne oder Platte (zuletzt 1951, freilich fragmentarisch) ist der überlange Vierakter rar; komplett war er noch nie zu hören, und auch die Emi Electrola machte sich erst auf das Drängen (und die Finanzhilfe) eines mäzenatischen Rossini-Fans hin ans Werk. Es hat sich »gelohnt: Die vollständige und, da Rossini im Auftrag der Pariser Oper schrieb, französische Fassung bringt aufregende musikalische Entdeckungen, insbesondere bei den Chören. Gegenüber dem Schillerschen »Teil« -- er wirkt gegen das donnernde Pathos des Opernlibrettos eher wie ein psychologisches Kammerspiel enthält der Rossinische noch ein rührendes, das Revolutionäre der Handlung aufs netteste vermenschlichendes Liebespaar, das Montserrat Caballé und Nicolai Gedda in einer für ihre vielen hohen Cs berüchtigten Partie effektvolle Glanznummern erlaubt. (Emi Electrola; 97,50 Mark.)

Wolfgang Amadeus Mozart: »Die Zauberflöte«. Da ist sie nun, die erste quadrophonische Opern-Aufnahme, doch Besitzer von (SQ-) Quadrophonie-Anlagen, die sich von ihr eine furiose Rundum-Beschallung erwarten, werden enttäuscht: Die Bläserakkorde der Ouvertüre oder das »Zurück!« aus dem Tempel tönen zwar im Rücken des Hörers, sonst jedoch gibt es, außer einem dezenten Zugewinn an Räumlichkeit. kaum überraschende Effekte zu bewundern. Und auch auf der biederen Stereo-Anlage laßt sich die -- künstlerisch (unter Sawallisch) solide gearbeitete, technisch ausgefeilte -- Aufnahme hören; sie klingt auch da noch deutlich präsenter als die andere bemerkenswerte Mozart-Einspielung: »Die Gärtnerin aus Liebe«, die Hans Schmidt-Isserstedt noch kurz vor seinem Tod mit dem NDR-Sinfonieorchester behutsam und sorgfältig einstudierte. Sie ist die wichtigste Bereicherung des Mozart-Repertoirs: ein wirr-geniales Jugendstück mit erstaunlichen »Figaro«-Vorklängen, mit Helen Donath, Jessye Norman, Tatiana Troyanos, Unger, Hollweg, Prey typengerecht besetzt. trotz der deutschen Übersetzung und ihres krausen Dialogs (anstatt des italienischen Originals) eine vergnügliche Drei-Stunden-Vorstellung, auf drei fast überfüllten Platten mit Mühe (und leichten Qualitätseinbußen) gerade so untergebracht. (Philips; 75 Mark. »Zauberflöte": Emi Electrola; 59 Mark.) Carl Maria von Weber: »Der Freischütz«. Diese gesamtdeutsche Produktion bringt das Schallplatten-Debüt des Stuttgarter Dirigenten Carlos Kleiber, 43. Die Einspielung fand in Dresden, dem Entstehungsort der Oper statt. Kleiber konnte dort anhand der Weberschen Handschrift viele eingebürgerte Verfälschungen korrigieren, und er korrigierte auch, auf seine Art, liebgewordene Tempi: Er hetzt Orchester, Chore und Sänger in Rekordschnelligkeit durch die Allegros und drosselt Ännchen mitunter auf Furtwängler-Tempo. Die Dresdner Staatskapelle, in diesem technisch perfekten »Freischütz« von herrlich transparentem Klang, realisiert alle Kleiberschen Anforderungen mit hoher Exaktheit; vorzüglich sind auch die Sängerinnen (Gundula Janowitz, Edith Mathis). Das Manko der Aufnahme, in der sogar die (von Schauspielern gesprochenen) Dialoge erträglich wirken, sind die Herren: Der Tenor Peter Schreier (Max) ist, obwohl forcierend, im Zorn doch gar zu zierlich; Theo Adam singt einen allzu hell timbrierten Kaspar ganz ohne märchenböse Abgründigkeit (DGG; 59 Mark.)

Jean-Baptiste Lully: »Le Bourgeois Gentilhomme«. Der Aufwand war beträchtlich. Die Musiker hatten sich »in mehrmonatiger Arbeit« auf »französische Originalinstrumente des 17. und 18. Jahrhunderts« eingeübt, Aufnahmeort war der Cedernsaal von Schloß Kirchheim, und die Leitung war dem holländischen Barock-Kenner Gustav Leonhardt übertragen worden. Stichwort also, der herrschenden Mode wie der Art des Hauses Harmonia Mundi entsprechend: historische Werktreue. Doch der puritanische Rekonstruktionseifer, möglichst alles zu vermeiden, was an heutige Spielpraxis erinnern könnte, läßt die steifbeinig-zeremoniöse Schauspielmusik Lullys noch dröger klingen. Ergebnis der Museal-Veranstaltung: hochkultivierte, feierliche Langeweile. (BASF Harmonia Mundi; 49 Mark.)

Zur Ausgabe
Artikel 61 / 72
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.