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Teilung der Welt

Edward Lucie-Smith, Sam Hunter, Adolf Max Vogt: »Kunst der Gegenwart«. Propyläen Verlag, Berlin; 344 Seiten und 464 Tafeln; Einzelpreis 260 Mark.
Von Jürgen Hohmeyer
aus DER SPIEGEL 5/1979

Nun ist der Tod der Kunst oder auch nur der Avantgarde immer noch nicht amtlich, irgendwie geht es -- open end -- jedenfalls vorerst weiter, und mit diesem losen Ende einer Entwicklung in der Hand stehen auch professionelle Geschichtsvermittler einigermaßen kleinlaut da.

Angesichts unvermeidlicher Schwierigkeiten muß der Kraftakt hoch eingeschätzt werden, mit dem der Propyläen-Verlag dem die »Basisreihe« seiner Kunstgeschichte abschließenden »20. Jahrhundert« nun als Supplement noch ein allerzwanzigstes nachschiebt und den Sprung in die Gegenwart riskiert.

Es stand ja fest, daß deren oft ephemere Produktion sich der Fixierung auf Kunstdruckpapier und zwischen Leinendeckeln widersetzen würde, daß beispielsweise eine Versuchsanordnung des Amerikaners Nicholas Negroponte, der ein Baustein-System nach dem Verhalten von Wüstenmäusen ausrichtet, nicht in dem gleichen Sinn reproduzierbar wäre wie der Isenheimer Altar. So ironisch aber der Kontrast zwischen derlei Gedanken-Werken und dem Aufwand der Kunst-Edition bisweilen wirkt, so macht doch erst der Versuch, die Darstellung früherer Bände gleichsam im selben Maßstab in die siebziger Jahre hineinzuführen, das Gesamtunternehmen glaubwürdig.

Ein Jammer ist es aber, daß dieser Versuch nicht mit mehr Konsequenz betrieben worden ist, daß offenbar kein Kenner zu finden war, der sich, bei Gefahr des Scheiterns, einen Überblick über die Weltkunst der letzten drei Jahrzehnte zugetraut hätte.

Noch für das klassische »20. Jahrhundert« dieses Verlagswerks, an dem Werner Hofmann im SPIEGEL (51/1977) bereits das Nebeneinander unverbundener Teilbeiträge bemängelte, war immerhin eine programmatische, wenn auch skizzenhafte Zusammenschau selbstverständlich gewesen. Der italienische Kunsthistoriker (und römische Bürgermeister) Giulio Carlo Argan, der sie lieferte, steuert diesmal aber, als einzige ideelle Klammer des ganzen Bandes, nur noch acht Seiten Einleitung hoch oberhalb konkreter Details bei.

Danach wird die Verantwortung auf drei Haupt-Autoren verteilt: Nicht nur bekommt die Architektur als Sondergattung ein (vom Schweizer Spezialforscher Adolf Max Vogt bestelltes) Reservat; die Kunstwelt im übrigen zerfällt in die Hemisphären Europa (Edward Lucie-Smith) und Nordamerika (Sam Hunter) -- grotesk für eine Zeit, in der interkontinentaler Austausch so intensiv war wie nie zuvor.

Was die Herren einzeln mitzuteilen haben, ist ebenso der Lektüre wert wie mancher der folgenden Sonderbeiträge, so über osteuropäische und japanische Entwicklungen. Aber dann schickt Hans Georg Puttnies, Autor eines Photographie-Kapitels, sich plötzlich an, aus dem ganzen Unternehmen die Luft herauszulassen: Angreifbar, doch keineswegs indiskutabel stuft er die Gemälde, die traditionell den Anbruch der Moderne markieren, zu bloßen »Schleifspuren« der (wesentlich photographischen) Bildkultur ihrer Zeit herunter. Darauf möchte man doch gern eine Replik jener Verfasser lesen, die weiter vorn in schöner Selbstverständlichkeit Malerei als ein dominierendesMedium abhandeln.

Als Gewinn bleibt dem Leser erstens, Überlegungen nachzuvollziehen, wie sie etwa Lucie-Smith über die »Kluft zwischen

avantgardistischen und demokratischen Erwartungen« anstellt, und Apercus folgender Art zu genießen: Von europäischer Video-Kunst würden großenteils »die gleichen Inhalte vermittelt wie in der ehrlichen Nicht-Kunst, allerdings weniger wirksam«.

Zweitens lohnt die statistische Mühe,

Stellungnahmen zu vergleichbaren Fragen aus unterschiedlichen Weltgegenden und Gattungen zusammenzutragen. Dabei zeigt sich, daß durchgehend (mehrfach im Zusammenhang der Grenzen ökonomischen Wachstums) eine Krisensituation konstatiert wird, die Lucie-Smith sogar einen »abrupten Zusammenbruch der Moderne« nennt. Doch daß dies gleich den »Tod der Kunst«, ja »einer ganzen Kultur, der humanistischen« (Argan), bedeute, mag keiner annehmen.

Vielmehr scheint Kunst, »funktionslos geworden«, jedoch »im Unbewußten abgelagert« (Argan), gerade dort wieder eine Funktion zu übernehmen. Der oft beklagte Niedergang des »Professionalismus« bei der bildnerischen Avantgarde trifft sich mit ökologisch motivierten »Verweigerungen«, die Autor Vogt beim Bauen beobachtet und die folgerichtig auf das amateurhaft errichtete »Handmade House« als ein Monument von Besinnung und Widerstand hinauslaufen.

Hunters verblüffend optimistische Diagnose, das künstlerische »Energiepotential« in den USA sei heute »eher noch größer als vor 30 Jahren«, hat ihr Gegenstück in dem, was der Tscheche Jindrich Chalupecký über Dilemma und Antrieb ("Suche nach verlorener Transzendenz") der Kunst am Beispiel Osteuropa darlegt.

Gerade die Hervorbringungen sowjetischer Dissidenten, die aus westlichem Blickwinkel leicht als bloß provinzieller Abklatsch unter mildernden Umständen erscheinen, bieten da ein überzeugendes Indiz: Wenn gegen das Regime und ohne das wärmende Klima einer gleichgestimmten Kunstwelt dennoch die Moderne eine »Wiedergeburt« erlebt habe, dann, so Chalupecký, »ist das ein Beweis für die Unabdingbarkeit, mit der in unserer Zeit Kunst entsteht, fortdauert und sich wandelt«.

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